28/10/2026
Kleiner Faktencheck …
Oder warum ich bei manch einem Beitrag über Herdenschutzhunde schlicht Bluthochdruck kriege. 🙄
Eins vorweg: Herdenschutz mit Hunden funktioniert.
Und zwar so, dass es für mich – trotz Wolf im Jagdgesetz , Entnahme Regelung und all der politischen Diskussionen – nach wie vor die einzig verlässliche Form der Prävention ist, die mich nachts ruhig schlafen lässt.
Nicht nur, weil die Hunde den Wolf von der Herde fernhalten, sondern auch Raben, Fuchs und die invasive Form des „Ich weiß über deinen Beruf mehr als du“. 😂
Aber Spaß beiseite.
Herdenschutz ist kein Selbstläufer
Diese Form des Herdenschutzes verlangt vom Anwender Flexibilität, Mitdenken und vor allem ein Verständnis dafür, wie nicht nur Schafe, sondern eben auch Hunde ticken.
Und sie verlangt die Bereitschaft derjenigen, die Herdenschutzhunde erfolgreich einsetzen, ihr Wissen zu teilen. Ehrlich. Mit allen Höhen und Tiefen. Und nicht nur mit den Erfolgsgeschichten, die sich gut verkaufen lassen.
Dass Schäfer und Hobbyhalter bei der Zusammenführung von Herde und Hunden regelmäßig verzweifeln, liegt nämlich nicht zwangsläufig an ungeeigneten Hunden. Oft liegt es auch an der Handlungsunfähigkeit, in die neue Besitzer durch fehlendes Wissen, falsche Versprechungen und mangelnde Aufklärung gebracht werden.
Wer einen Herdenschutzhund vermittelt, trägt schließlich auch Verantwortung dafür, dass der zukünftige Halter weiß, worauf er sich einlässt.
Das Pubertier und die Sache mit dem perfekten Hund
Wenn ich Sätze lese wie „Für meine Hunde lege ich die Hand ins Feuer“, verursacht das bei mir vor allem Stirnrunzeln.
Solche Aussagen lassen sich leicht treffen, wenn erwachsene Hunde abgegeben werden. Was dabei gerne untergeht: Praktisch jede HSH-Rasse hat ihre pubertären Baustellen. Ausnahmen einzelner Hunde bestätigen hier die Regel!
Wen wundert es da, dass Halter, die mit Welpen oder Junghunden beginnen, irgendwann überfordert sind, wenn das Pubertier plötzlich anfängt, mit Schafen oder Ziegen zu spielen?
Dann gibt es Schwierigkeiten, im schlimmsten Fall Verletzungen. Nicht unbedingt, weil der Hund ungeeignet ist, sondern weil Schaf und Hund nun einmal nicht dieselbe Sprache sprechen. Und weil der Halter häufig viel zu wenig darüber weiß, welche Probleme auftreten können und vor allem, wie man damit umgeht.
Natürlich gibt es die Superstreber. Die Hunde, die sich vom ersten Tag an vorbildlich in der Herde verhalten und scheinbar nie auf dumme Gedanken kommen.
Aber es gibt eben auch Hunde, die während ihrer Pubertät besser neben als in der Herde aufgehoben sind und erst einige Monate später zuverlässig eingesetzt werden können.
Das ist weder ein Weltuntergang noch automatisch ein Beweis für einen schlechten Hund oder einen unfähigen Halter. Es gehört schlicht zur Realität, auf die man vorbereitet sein sollte.
Und genau diese Realität muss man zukünftigen Haltern ehrlich vermitteln. Denn wer mit einem jungen HSH anfängt, braucht keine Märchen vom perfekten Hund, sondern Wissen, Unterstützung und einen Plan für die Momente, in denen es eben nicht perfekt läuft.
Herdenschutz ist kein Wunschkonzert. Und ein HSH ist kein fertig programmiertes Sicherheitsmodul, das man auspackt, einschaltet und dann sich selbst überlässt.
Und dann wäre da noch die Sache mit den Rassen …
Da frage ich mich regelmäßig: Geht es hier eigentlich um den Schutz der Herde oder darum, welcher Züchter seine Welpen am besten verkaufen kann?
Im Grunde ist das beim HSH ähnlich wie beim arbeitenden Border Collie: Es gibt Hunde für unterschiedliche Einsatzgebiete. Und nicht jeder Hund passt zu jeder Aufgabe.
Da gibt es Hunde mit viel Stimme, aber wenig dahinter.
Und dann gibt es eben auch Hunde, die tatsächlich halten, was sie versprechen.
Entscheidend ist für mich nicht, welche Rasse gerade besonders hochgelobt wird, sondern ob der jeweilige Hund für die konkrete Aufgabe geeignet ist. Herkunft, Veranlagung, Aufzucht, Ausbildung, Einsatzbedingungen und der Mensch am anderen Ende der Leine beziehungsweise hinter dem Zaun spielen dabei eine Rolle.
Eine Rassebezeichnung allein schützt noch keine einzige Ziege.
Warum ich mich für den Šarplaninac entschieden habe
Ich habe mich ganz bewusst für den Šarplaninac entschieden.
Dass diese Entscheidung für meine Arbeit die richtige war, beweist meine Security seit fünf Jahren täglich. Nicht nur im Natur- und Landschaftsschutzgebiet, sondern auch in stark frequentierten Naherholungsgebieten und auf dem Deich.
Meine Hunde kennen Eskalationsstufen. Sie kennen den Unterschied zwischen einer tatsächlichen Gefahr und dem Hund von Lieschen Müller, der täglich am Zaun entlangläuft.
Sie leben mit den Konsequenzen menschlicher Dummheit, wenn Bello & Co. mal wieder in die Zäune rennen, weil ihre Besitzer offenbar der Meinung sind, Regeln gelten nur für andere.
Meine Hunde vertreiben solche Störenfriede, ohne sich gleich den kleinen Happs für zwischendurch schmecken zu lassen. 😉
Sie wissen aber sehr wohl, wann es ernst wird. Und sie arbeiten gut im Team.
Das ist meine Erfahrung mit meinen Hunden und meinem Einsatzgebiet. Ich käme allerdings nicht auf die Idee, daraus abzuleiten, dass jeder Šarplaninac automatisch funktioniert oder andere Rassen grundsätzlich ungeeignet wären.
Genau darum geht es mir ja: Hunde müssen zur Aufgabe passen. Und zukünftige Halter sollten wissen, worauf sie sich einlassen, bevor sie sich für eine Rasse oder einen bestimmten Hund entscheiden.
Was man auf keinem Verkaufsfoto sieht
Dass das alles so harmonisch funktioniert, hat mich eine Menge graue Haare, Lernbereitschaft, Erfahrung und Enthusiasmus gekostet.
Denn Herdenschutz funktioniert nur dann wirklich gut, wenn das Team hinter dem Zaun passt und harmoniert – und Herde und Hunde eine Einheit bilden.
Das ist wie im echten Leben: Nicht jeder passt mit jedem zusammen. Und man muss aufmerksam genug sein, um mitzubekommen, wenn es im System rumpelt, bevor es kracht.
Dazu gehört auch, sich selbst und seine Entscheidungen immer wieder zu hinterfragen. Zu erkennen, wann ein Hund eine Pause, mehr Zeit oder eine andere Herangehensweise braucht. Und vor allem zu wissen, wann man eingreifen muss, statt darauf zu hoffen, dass sich ein Problem von allein erledigt.
Wer glaubt, mit der Anschaffung eines HSH sei die Arbeit erledigt, hat das Prinzip nicht verstanden.
Und wer Hunde vermittelt, sollte auch über die weniger schönen Seiten sprechen. Über die Pubertät, über mögliche Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung, über die Grenzen des jeweiligen Hundes und darüber, welche Unterstützung ein neuer Halter tatsächlich braucht.
Das macht Herdenschutzhunde nicht schlechter. Es macht die Menschen, die mit ihnen arbeiten wollen, besser vorbereitet.
Herdenschutz bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen
Guter Herdenschutz bedeutet für mich noch etwas ganz anderes:
Die Herde mit ihren Hunden nicht allein zu lassen.
Wenn wir Wolfsdruck haben und die Hunde bereits ein oder zwei Nächte erfolgreich die Grenzen gewahrt haben, dann heißt es für mich: Helfen!
Die Situation verändern. Entlasten. Gegebenenfalls weiterziehen und dem Team eine neue Ausgangslage verschaffen.
Einfach darauf zu setzen, dass sich das Problem schon irgendwie von allein erledigen wird, ist unfair. Gegenüber den Hunden genauso wie gegenüber der Herde.
Denn auch ein guter Herdenschutzhund ist kein Perpetuum mobile, das man einmal anschafft und dann erwartet, dass es unter allen Bedingungen unbegrenzt funktioniert.
Die Hunde übernehmen einen wichtigen Teil der Arbeit. Aber sie können und sollen dem Menschen nicht die Verantwortung abnehmen.
Und was lernen wir daraus?
Vielleicht wäre es an der Zeit, beim Thema Herdenschutzhunde wieder etwas mehr über die Realität auf der Weide zu sprechen und etwas weniger über vermeintlich perfekte Hunde, Rassen und die einzig richtige Methode.
Wer bereits mit HSH arbeitet, weiß, dass es nicht jeden Tag nach Lehrbuch läuft. Und wer gerade erst anfängt, sollte die Chance bekommen, genau das vorher zu erfahren – und nicht erst dann, wenn der Junghund plötzlich beschließt, dass die Ziege ein hervorragender Spielkamerad ist. 😉
Entscheidend ist, was draußen auf der Weide funktioniert. Und was wir als Menschen dazu beitragen, dass es funktioniert. 🐑🐐🐕🦺