06/09/2026
Augustin Ghetto. 01.07.2016 – 03.09.2026
Wenn die Hölle plötzlich stillsteht.
Man sagt uns „Tierschützern” ja nach, dass man nach ein paar Jahren irgendwann abstumpft. Zu viele Schicksale kommen und gehen gesehen, zu viel Leid, zu viel Aussichtslosigkeit, die einem tagtäglich begegnet… Ich kann euch eins sagen. Diese Annahme ist verdammt nochmal falsch.
Ja, mit Sicherheit geht man mit manchen Situationen pragmatischer um, man wird realistisch, einfach weil mans muss. Aber einen Hund, den man 4 Jahre lang hier jeden einzelnen Tag gesehen hat, mit ihm einen Alltag geteilt, gelacht, geweint und manchmal auch gestritten hat. Diesen Hund gehen zu lassen, in dem Wissen, dass man nie ein Zuhause für ihn gefunden hat. Dass er 4 verdammt lange Jahre gebraucht hat, um einfach wieder Hund zu sein. Das tut jedes einzelne Mal weh.
Ghetto war einer von ihnen und gerade als man irgendwann aufgehört hatte, darüber nachzudenken, woher Ghetto kam, weils völlig selbstverständlich war, dass er manchmal in der Dusche schlief und aus der Toilette geschlichen kam, weil er dort einfach seine Ruhe genoss, dieser große, wunderschöne Langhaarschäferhund mit dem Auftreten eines Königs und den Manieren eines Kneipenschlägers, genau dann läuft uns die Zeit davon.
Dabei hatten wir gerade noch gedacht, wir hätten ihr noch ein bisschen etwas abgeluchst.
Als ein versteckter Milztumor vergangene Woche platzte und Ghetto mit freiem Blut im Bauch in der Klinik lag, wussten wir bereits, dass zwei Drittel dieser Tumore bösartig sind, dass sie streuen können und dass niemand sagen konnte, was nach dieser Operation kommt. Aber wir wussten auch: Er kann schmerzfrei wieder aufwachen.
Vielleicht sinds noch ein paar Monate. Vielleicht nur wenige Wochen. Scheiß drauf, vielleicht sind’s auch nur noch ein paar gute Tage, denn wenn man da sitzt und plötzlich um Lebenszeit feilscht, wird man erstaunlich bescheiden.
Dann will man nicht zwangsläufig das nächste große Abenteuer, sondern einfach nur noch ein paar gemeinsame, stinknormale Tage. Aufstehen, Geschäft erledigen, fressen, schlafen, sich über irgendetwas echauffieren, über den Hof marschieren und abends wieder schlafen gehen.
Ghetto ist aus der OP wieder aufgewacht, ist nach Hause gekommen und war bester Laune. Für diesen einen kurzen, wunderbaren Moment sah es tatsächlich so aus, als hätten wir gewonnen.
Bis eines Abends die Wunde wieder anfing zu bluten. Wir dachten erst, er war dran. War er aber nicht. Es kam von innen. Also wieder ab in die Klinik, wieder Untersuchungen. Da war’s wieder, dieses beschissene, ungewisse, kleine Wort „vielleicht“. Vielleicht ists ja gar nicht so schlimm. Vielleicht „nur” ein gerissenes Blutgefäß, welches man wieder zunähen kann.
Vielleicht war’s aber auch, dass er weitere Metastasen in der Leber hatte. Und dann die bittere Gewissheit. Der Tumor hatte gestreut.
Plötzlich geht’s nicht mehr darum, wie viel Zeit wir ihm noch geben können, sondern darum, ihm rechtzeitig zu ersparen, dass aus unserer menschengemachten Hoffnung sein Leiden wird.
Wir haben Ghetto auf seinem letzten Weg begleitet und vielleicht ist genau das die gemeinste Form von Liebe und dem Zusammenleben mit Hunden.
Weil man ausgerechnet dann, wenn alles in einem schreit, dass man seinen Freund noch nicht gehen lassen möchte, beweisen muss, dass es gerade überhaupt nicht um einen selbst geht.
Und genau das, macht uns bei Ghetto noch etwas trauriger, denn Zeit war etwas, von dem Menschen Ghetto vorher schon genug geraubt hatten. Sechs Jahre lang lebte er in einem Alkoholiker-Haushalt und hatte gelernt, dass eine Hand in dem einen Moment streicheln, füttern, aber auch ausholen kann, dass man Stimmungen besser frühzeitig erkennt, bevor sie kippen und dass man irgendwann deutlicher werden muss, wenn Rückzug und Zähnezeigen offensichtlich nicht mehr ausreichten um sich die Menschen vom Leib zu halten.
Als Ghetto zu uns kam, schuldete er deshalb keinem mehr irgendwas. Ghetto hat sich trotzdem wieder aufgerappelt. Unser adeliger Kneipenterrorist, der im einen Moment aussah, als käme er gerade von einer renommierten Kunstausstellung und im selben Moment bis zum Hinterlauf in der Mülltonne steckte und genüsslich auf irgendeinem alten Stück Käse herumkaute. Und genau davon hätten wir ihm einfach mehr gewünscht. Nicht das große Happy End, sondern einfach nur Hund sein. Mehr bedeutungslose Dienstage, mehr über den Hof stolzieren, mehr Müll fressen, mehr Pöbeln, mehr schlafen, mehr von diesem herrlich langweiligen Leben, über das niemand einen Post schreibt, weil einfach nix Spannendes passiert, aber es der größte Frieden für einen Hund wie Ghetto war.
Wenn wir wieder vor dieser Entscheidung stehen würden, mit demselben Wissen und demselben beschissenen Vielleicht in der Hand, würden wir es wieder tun. Weil Ghetto diese Chance verdient hatte. So wie der nächste sie verdient. Und der danach auch.
Deshalb haben wir noch einen letzten Wunsch für ihn: Lasst Ghetto noch einmal um die Welt rennen. Teilt nochmal sein FundMe, schickt ihn weiter, über alle Grenzen und Meere, zu Menschen, die diesen kämpferischen, wunderschönen Kneipenterroristen nie gekannt haben. Lasst ihn laufen für all die, die es nicht geschafft haben, für die keiner vier Jahre gewartet hat und die keine zweite Chance bekamen.
Vielleicht schafft er auf seinem letzten Lauf noch das, was wir für ihn nicht mehr geschafft haben: noch ein bisschen mehr Zeit. Nur diesmal für die, die noch hier sind und die, die nach ihm kommen.
Farewell, alter Freund! Until we meet again 🖤🥀