10/03/2023
Vibrissen (Tasthaare)
Der unterschätzte Faktor in dieser Diskussion: die Realität.
In Deutschland sind zur Zeit etwa 10,9 Millionen Haushunde erfasst. Wie hoch die Dunkelziffer ist, kann man nicht mal erahnen. Wie viele dieser 10,9 Millionen Hunde mögen wohl Rassehunde sein, deren Schnauzen aufgrund des Standardes geschoren oder gekürzt werden? Bei wie vielen Exemplaren wird dies wohl für Ausstellungen durchgeführt? Vermutlich ist diese Zahl eher unwesentlich…
Viel größer ist offensichtlich die Anzahl an Hunden mit behaarten Gesichtern, Mischlinge wie Rassehunde, bei denen es ganz sicher keinen Bezug zu irgendeinem Schönheitsideal gibt. Meistens werden die Gesichtshaare aus rein praktischen Gründen gekürzt. Wie es seit jeher war. Artikel wie diese vermitteln den Eindruck, als hätten Menschen nichts anderes zu tun gehabt, als sich ihre Arbeitshunde anzuschauen, und sie wegen optischer Ideale zurecht zu schnibbeln. Dass all diese Schuren auch damals schon praktische Gründe hatten, wird vollkommen außen vor gelassen:
,,In Anlehnung an die Vorgehensweise in der Heimtierstudie 2014 und mit einer geschätzten
Hundepopulation von mittlerweile über 9 Mio, dabei etwa 20 % der Hunde aus dem Ausland (s. S. 11), sowie einer durchschnittlichen Lebenserwartung der Hunde von 12-13 Jahren, errechnet sich eine jährliche Nachzucht in Deutschland von etwa 600.000 Hunden, davon ca. 40 % Mischlinge. Von den Rassehundewelpen stammen allerdings nur ca. 76.000 aus den kontrollierten VDH-Zuchten…Hinzu kommen Umsätze aus den Hundevereinen und für
Hundeausstellungen in Höhe von über 40 Mio €.''(Heimtierstudie 2019)
Zurück im Heute: Laut der letzten Heimtierstudie hat allein die Hunde Pflegebranche 70 Millionen Euro Jahresumsatz erreicht, der geschätzte Umsatz der Hundeschulen lag bei 80 Millionen.
20% der Hundepopulation stammt aus dem Ausland. Sehr viele davon haben Probleme, sich in der neuen Heimat zu orientieren und ins soziale Leben einzufügen. Und ja, viele von ihnen haben behaarte Gesichter.
Oft fehlt ihnen jegliches Vertrauen zum Menschen, berechtigterweise, wenn man weiß, was sie in der Vergangenheit erlebt haben. Häufig kommen sie in einem Zustand erstmals in einen Hundesalon, wie auf den Fotos zu sehen. An unangenehme Körperpflege mit Ziepen im Maulbereich kann oft lange nicht gedacht werden. Ein Kürzen der Barthaare ohne die Vibrissen zu kürzen, ist eine Herausforderung mit erheblicher Verletzungsgefahr für beide Seiten. Ein Kürzen des Fells inklusive der Kopfbehaarung kann die Lebensqualität beider Sozialpartner also massiv erhöhen:
Folgen wir jedoch dem aktuellen Tierschutzgesetz, und der heutigen wissenschaftlichen Einigkeit, obgleich es keinerlei Evidenz auf dem Sektor gibt, sieht das Leben für einen solchen Hund heute anders aus:
Die Gesichtsbehaarung muss lang bleiben, die Pflege wird zur Tortur
Vertrauen kann schwer gebildet werden
Es kommt immer wieder aufgrund der Länge zu unangenehmen Verfilzungen und Keimbesiedelung
Dafür darf er aber in die Hundeschule und seine Begleithundeprüfung absolvieren, wenn die Vertrauensbasis es jemals zulassen wird.
Würden die Gesichtshaare zu aller Erleichterung gekürzt, würde sich der Besitzer nicht nur strafbar machen, sondern es würde ihm auch die Hundeschule mit abschließender Begleithundeprüfung oder Ähnlichem verwehrt.
Schauen wir uns die Begründungen dieser Studien für eine derartige Umsetzung der Paragraphen einmal an:
…,,Sind sie wirklich unwichtig? Nein, dafür spricht nichts, und das hat Konsequenzen.'' ….,,Aber nichts spricht dafür, dass es beim Hund anders ist als bei den Tieren, bei denen es nachgewiesen wurde.''....,,Außerdem ist anzunehmen, dass die Kalkulation von Abständen dadurch beeinträchtigt werden kann.''....,,Da davon ausgegangen werden muss, dass die Tasthaare auch für Hunde elementar sind, benötigt es für das Entfernen einen Rechtfertigungsgrund….''...,, Aber in Ermangelung einer tragfähigen Datenlage kann auch nicht davon ausgegangen werden, dass sie funktionell nicht ganz oder teilweise mit ihnen gleichgesetzt werden können. ''...,,Trotzdem werden Tasthaare bei Pudeln und anderen „bärtigen“ Hunderassen immer wieder für ein „rassegemäßes“ oder vermeintlich gepflegteres Aussehen ganz oder teilweise abgeschnitten. Vor allem dann, wenn die Hunde auf Ausstellungen vorgeführt werden sollen. De facto handelt es sich dabei aber um eine zwar vorübergehende, aber dennoch unzulässige Amputation von Sinnesorganen…'' (ATN)
Eine weniger realitätsfremde und begrenzte Betrachtungsweise wäre zum Wohle viele Hunde wünschenswert.