14/04/2026
Jungpferdeausbildung – zwischen Wirtschaftlichkeit und Verantwortung
Normalerweise gilt es in der Pferdewelt fast schon als Standard: Ein dreijähriges Pferd ist „fertig geritten“. Die Ausbildung beginnt häufig bereits mit 2,5 Jahren. Der Besitzer hat zu diesem Zeitpunkt oft schon Jahre gewartet, viel investiert – Stallmiete, Futter, Tierarzt, Ausrüstung und unzählige Nebenkosten summieren sich schnell zu erheblichen Beträgen. Irgendwann soll sich dieser Aufwand doch auszahlen. Der Wunsch entsteht, dass das Pferd nun endlich „funktioniert“ und dem Reiter Nutzen bringt.
Und ich spreche hier ganz bewusst von unserer Hobbywelt – vom ambitionierten Turnierreiter bis hin zum klassischen „Wendy-Pferdemädchen“.
Doch ich stelle mir immer wieder die Frage: Muss das wirklich sein?
Die Lebenserwartung unserer Pferde ist heute deutlich höher als noch vor 20 Jahren. Gleichzeitig beginnen wir immer früher, sie körperlich zu belasten. Für mich ist die Antwort deshalb eindeutig: Nein. Ein ganz klares Nein.
Der frühe Ausbildungsbeginn ist in meinen Augen vor allem ein wirtschaftlicher Gedanke. Rechnet man die Kosten für Aufzucht und Haltung realistisch zusammen und schlägt diese auf den Verkaufspreis auf, könnten sich deutlich weniger Menschen ein Pferd leisten. Also wird früher ausgebildet, früher geritten, früher „genutzt“.
Doch zu welchem Preis?
Ich kann es nicht vertreten, dass Pferde bereits mit 2,5 Jahren angeritten werden und teilweise schon erste Turniere laufen. Gleichzeitig sprechen wir dann ab einem Alter von vielleicht zehn Jahren davon, sie „gesund zu erhalten“ und „schonend zu reiten“. Diese Diskrepanz ist für mich kaum nachvollziehbar.
Aus medizinischer Sicht ist die Sache eigentlich eindeutig: Die körperliche Entwicklung eines Pferdes ist mit drei Jahren längst nicht abgeschlossen. Besonders kritisch ist die Wirbelsäule – ihre Wachstumsfugen schließen sich oft erst im Alter von etwa 5,5 bis 6 Jahren. Das bedeutet, dass wir ein System belasten, das schlicht noch nicht fertig entwickelt ist.
Auf meiner Ranch sehe ich täglich, welche Auswirkungen unterschiedliche Herangehensweisen haben können.
Mein Lui ist heute 30 Jahre alt. Er wurde erst mit 9,5 Jahren kastriert und anschließend eingeritten. Er sieht aus wie 20, ist fit, lebensfroh und rennt noch immer voller Energie über die Weide.
Auf der anderen Seite steht Gine, 27 Jahre alt. Sie wirkt wie 40 und ist körperlich gezeichnet. Sicher, sie hatte bereits als Importpferd eine schwere Vorgeschichte mit einer Fesselkopfverletzung – aber auch sie zeigt, wie fragil ein Pferdekörper sein kann, wenn Belastung und Zeitpunkt nicht zusammenpassen.
Diese beiden Pferde sind für mich keine Einzelfälle, sondern Beispiele, die meine Überzeugung bestärken:
Pferde dürfen nicht so früh unter das Reitergewicht.
Meine eigenen Fohlen bekommen die Zeit, die sie brauchen. Erst mit gut fünf Jahren beginne ich, sie langsam an das Reitergewicht heranzuführen. Mein Quarter-Hengst ist gerade drei Jahre alt – und ich käme nicht auf die Idee, mich jetzt schon auf ihn zu setzen. Stattdessen darf er gesattelt als Handpferd mitlaufen, Erfahrungen sammeln, Vertrauen aufbauen. Nächstes Jahr kommt die Arbeit an der Longe, und dann schauen wir ganz individuell, ob er bereit ist.
Genauso habe ich es auch mit meinem Cali gemacht, der dieses Jahr 14 wird – gesund, stabil und zuverlässig.
Man kann es nennen, wie man möchte: wirtschaftlicher Wahnsinn oder purer Luxus.
Aber eines ist sicher:
Gesunde, langlebige Pferde entstehen nicht durch Zeitdruck, sondern durch Geduld.
Und ja – mich und meine Art, Pferde auszubilden, muss man sich vielleicht auch erstmal leisten können. 😉
Mich interessiert eure Meinung:
Wie steht ihr zur Jungpferdeausbildung? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?