24/01/2026
Wasserflaschen, Wurfdosen, Schlüssel, Besenstiele und ähnliche Gegenstände werden noch immer als sogenannte „Korrektur“ bei unerwünschtem Verhalten eingesetzt. Fachlich betrachtet ist das kein Training, sondern Verhaltensunterdrückung durch aversive Reize. Das Verhalten hört vielleicht im Moment auf, das eigentliche Problem dahinter bleibt bestehen. Der Auslöser wird nicht bearbeitet, die Emotion nicht verändert. Lerntheoretisch lernt der Hund dabei nicht, welches Verhalten sinnvoll ist, sondern nur, dass sein Verhalten unangenehme Folgen hat. Unterdrücktes Verhalten verschwindet jedoch nicht, es wird gespeichert und kann sich später unkontrolliert entladen. "Und plötzlich hat er ohne Vorankündigung gebissen".
Ein weiterer zentraler Punkt ist die emotionale Verknüpfung. Hunde lernen immer im Zusammenhang. Wird ein unangenehmer Reiz regelmäßig mit einem Gegenstand kombiniert, entsteht Angst. Diese Angst bleibt selten auf genau diesen einen Gegenstand beschränkt, sondern generalisiert sich. Aus einer Wasserflasche wird Angst vor allen sprühenden Gegenständen, aus einem Besenstiel Unsicherheit gegenüber ähnlichen Objekten oder bestimmten Bewegungen. Für den Hund bedeutet das dauerhaften Stress und massive Einschränkungen im Alltag.
In diesem Video siehst Du Wotan, der über einen Tierschutzverein zu mir gekommen ist, mit der Aussage, er sei „sehr aggressiv“. Wer Körpersprache lesen kann, erkennt schnell: Das ist keine Aggression, das ist Angst. Mir ist das deutlich aufgefallen, als ich putzen wollte. In dem Moment, in dem eine Flasche ins Spiel kam, bekam Wotan Panik und floh. Dieses Verhalten entsteht nicht zufällig, sondern durch negative Lernerfahrungen, bei denen der Hund keine Kontrolle hatte.
Stell Dir nun vor, wie so ein Hund in einem normalen Haushalt lebt. Fenster putzen, Bad reinigen oder etwas mit einer Sprühflasche erledigen wird zur Belastung. Der Hund fühlt sich unwohl und gestresst. Nicht, weil er schwierig ist, sondern weil Menschen glauben, man müsse stärker sein als ein Hund.
Man muss nicht stärker sein. Man sollte klüger sein. Wissen gibt es genug.