16/06/2021
Über die Zufütterung von Selen an Pferde.
Gerade letztens erst wurde ich von einem Besitzer mit der Meinung konfrontiert, dass eine Zufütterung von Selen an Pferde laut der Hufbearbeiterin schädlich für die Hufqualität sei. Ich war über diese Äußerung einigermaßen irritiert, war ich doch davon ausgegangen, dass allgemein bekannt ist, dass Mitteleuropa in den küstenferneren Gebieten Selenmangel-Gebiet ist und wir ohne Supplementierung von Selen häufiger Pferde mit Mängeln in der Versorgung mit Selen als mit Überdosierungen haben.
Diese Aussage habe ich daher zum Anlass genommen, einmal einige Details zusammenzutragen, wann und wieviel Selen die Pferde ergänzt bekommen müssen. Es ist nämlich nicht nur ein Selen-Mangel bei Pferden sehr schädlich - auch eine Selen-Vergiftung durch eine zu hohe Selen-Zufütterung ist äußerst ungesund und daher zu vermeiden.
Pferde haben nur eine geringe Toleranz gegenüber einer Überdosierung von Selen.
Symptome eine Selen-Vergiftung sind Verluste von Schweif- und Mähnenhaaren, unklare Lahmheiten sowie einschnürende Ringe an den Hufen.
Umgekehrt ist aber auch ein Mangel von Selen bei Pferden nicht wünschenswert.
Selen ist ein essentielles Spurenelement, welches im Körper eines Pferdes wichtige Funktionen inne hat.
Ein Selenmangel bei Pferden führen zu Myopathien, einer schlechten Fruchtbarkeit, Aborten und einer erhöhten Infektanfälligkeit (Pilz, Husten, Darmparasiten, ...). Selen ist wichtig für die Schilddrüse und wirkt antioxidativ.
Sogar beim Hengst hat man nachgewiesen, dass eine korrekte Selenversorgung für eine bessere Spermienqualiät und damit einhergehend für eine höhere Befruchtungsrate sorgt.
Beide Varianten (Mangel wie Vergiftung) sind also denkbar ungünstig für unsere Pferde. Was machen wir nun?
Die Böden haben regional stark schwankende Selengehalte, so dass auch das Grundfutter für unsere Pferde (Gras, Heu, Heulage) entsprechend schwankenden Werten ausgesetzt ist.
In Meeres-Nähe enthalten die Böden mehr Selen als in Gegenden fernab der See. Norddeutschland, Niederlande und Dänermark sind also weniger problematische Gebiete. Das westliche Deutschland hat höhere Selen-Werte in den Böden als das östliche Deutschland. In Thüringen wiesen laut einer Studie nur die Pferde eine Serum-Selen-Konzentration im Referenzbereich auf, die eine gezielte Selen-Ergänzung erhielten.
Die niedrigsten Selen-Werte in den Böden kommen in Österreich und Luxemburg vor. In Mittelösterreich wiesen mehr als 50% der Proben von Pferden eine Unterversorgung auf.
Damit ist also die Frage beantwortet, dass eine absolut strikte Ablehnung der Selen-Zufütterung nicht sinnvoll ist. Da im Grünfutter die Selen-Gehalte schwanken, benötigen wir irgendeinen Anhaltspunkt, um die Selen-Supplementierung korrekt zu dosieren.
Wenn das Heu betriebseigen hergestellt wird, bietet es sich an, dass routinemäßig einige Ballen von verschiedenen Wiesen nach der Ernte beprobt werden. Auf Basis dieser Analyse-Werte wird individuell für jedes Pferd des Bestands die Selen-Dosierung errechnet.
Wird das Heu von vielen Produzenten mehrmals im Jahr zugekauft, ist eine routinemäßige Heuanalyse nicht realisierbar bzw. geht schnell ins Geld, weil relativ häufig viele Ballen beprobt werden müssen. In solchen Fällen macht es mehr Sinn, 1x im Jahr eine Serum- oder noch besser Haarmineralanalyse machen zu lassen.
Die Zufütterung des Selens sollte auf gar keinen Fall über Mineral-Lecksteine erfolgen. Die Aufnahme der Selenmenge ist je nach Pferd sehr verschieden und es kann schnell zu Selen-Intoxikationen kommen.
Aus diesem Grund muss gezielt ein entsprechend zu dem Pferd passendes Mineralfutter gefüttert werden. Allerdings ist hierbei das Problem, dass man sich nicht auf die Fütterungsempfehlungen der Hersteller verlassen kann. Manche Pferde benötigen nur wenige Gramm, andere deutlich mehr Mineralfutter / Selen. Daher mache ich in meiner Tierarztpraxis Rationskalkulationen, mit der für jedes Pferd die korrekte Dosierung ausgerechnet wird.
Gesammelte Werke an wissenschaftlichen Studien für interessierte Pferdehalter:
Hosnedlova B, Kepinska M, Skalickova S, Fernandez C, Ruttkay-Nedecky B, Malevu TD, Sochor J, Baron M, Melcova M, Zidkova J, Kizek R. A Summary of New Findings on the Biological Effects of Selenium in Selected Animal Species-A Critical Review. Int J Mol Sci. 2017 Oct 21;18(10):2209. doi: 10.3390/ijms18102209. PMID: 29065468; PMCID: PMC5666889.
Müller A, Bertram A, Moschos A. Saisonale und überregionale Unterschiede der Selenversorgung bei Pferden [Seasonal and national differences in the selenium supply of horses across Europe]. Tierarztl Prax Ausg G Grosstiere Nutztiere. 2012;40(3):157-66. German. PMID: 22688739.
Langner K, Hörügel U, Donat K, Vervuert I. Selenstatus in Thüringer Pferdehaltungen in Abhängigkeit des Einsatzes selenhaltiger Mineral- und Ergänzungsfuttermittel [Assessment of selenium status in relation to the supplementation of selenium enriched mineral licks and mineral feeds in equines in Thuringia]. Tierarztl Prax Ausg G Grosstiere Nutztiere. 2020 Dec;48(6):398-405. German. doi: 10.1055/a-1274-9045. Epub 2020 Dec 4. PMID: 33276410.
Bertelsmann H, Keppler S, Höltershinken M, Bollwein H, Behne D, Alber D, Bukalis G, Kyriakopoulos A, Sieme H. Selenium in blood, semen, seminal plasma and s***matozoa of stallions and its relationship to s***m quality. Reprod Fertil Dev. 2010;22(5):886-91. doi: 10.1071/RD10032. PMID: 20450841.