05/04/2026
Ich mache keinen Hehl daraus und jeder der mich kennt weiß es: Ich mag Gehorsam. Klarheit, Verlässlichkeit, das ist für mich die Basis guter Arbeit mit dem Hund. Aber gerade deshalb stolpere ich über vieles, was aktuell in den sozialen Medien unter „Ruhe“, „Entspannung“ und „Orientierung“ verkauft wird.
Denn das, was man vor allem bei den Hundetrainer*innen, die einen human-soziopsychologischen Ansatz haben sieht, ist kein Gehorsam im eigentlichen Sinne. Es ist ein Dauerzustand von Angepasstheit. Hunde, die unauffällig nebenherlaufen, nichts einfordern, nichts ausprobieren, möglichst nicht stören. Funktioniert alles, aber wirkt häufig erstaunlich leblos.
Für mich gehört zu gutem Gehorsam zwingend der Gegenpol: Freiheit. Ein Hund, der wirklich hört, kann auch Distanz bekommen. Kann sich bewegen, kann Dinge erkunden, kann auch mal hochfahren, weil klar ist, dass er gehorsam ist wenn es darauf ankommt. Gehorsam ist dann kein Selbstzweck, sondern das, was Handlungsspielraum überhaupt erst ermöglicht.
Genau dieser zweite Teil fehlt mir oft. Viele Trainingsansätze bleiben konsequent im Nahbereich, in einer Art Sicherheitszone, in der alles kontrollierbar ist. Und man bekommt den Eindruck, dass das kein Zufall ist.
Dass diejenigen, die diese Form von Hundeerziehung propagieren, sehr genau wissen, was passiert, wenn der Hund diese unsichtbare Grenze überschreitet, sagen wir irgendwo jenseits der 20 Meter. Nämlich: dass es dann nicht mehr funktioniert.
Also gestaltet man das Training so, dass dieser Moment gar nicht erst entsteht. Man hält den Hund eng, hält ihn ruhig, und verkauft genau das als Idealzustand. Kontrolle wird zur Tugend erhoben, nicht weil sie dem Hund mehr Möglichkeiten eröffnet, sondern weil sie die eigenen Grenzen kaschiert.
Das Ergebnis sind Hunde, die perfekt „funktionieren“, solange sie eng geführt werden, aber kaum Gelegenheit bekommen, eigenständig zu agieren. Und dann sieht man eben diese Bilder: korrekt laufende Hunde, ruhige Hunde, unauffällige Hunde. Aber auch Hunde, deren Körpersprache wenig Eigeninitiative zeigt. Die nicht stören, aber auch nicht wirklich teilnehmen.
Das wirkt auf mich weniger wie Training für den Alltag und mehr wie das Bedürfnis nach maximaler Kontrolle im unmittelbaren Umfeld. Ein Hund, der immer da ist, aber nichts durcheinanderbringt. Der Nähe bietet, ohne Ansprüche zu stellen.
Ich halte das für eine Verkürzung dessen, was Gehorsam leisten kann. Denn ein gut ausgebildeter Hund muss nicht permanent „bei Fuß im Kopf“ sein. Er kann sich lösen, Dinge tun, und trotzdem zuverlässig reagieren, wenn es darauf ankommt.
Wenn Gehorsam dazu führt, dass ein Hund sich kaum noch traut, eigenständig zu handeln, läuft etwas schief. Dann ist er nicht frei geworden durch Training, sondern kleiner.
Und das ist, bei aller Wertschätzung für Kontrolle und Struktur, nicht das Ziel, das ich damit verbinde.