21/03/2022
Wie ein Hund leben
ist eine gängige Redensart. In dieser Aussage steckt eine beängstigende Wahrheit. Mit dieser Aussage verbinden wir natürlich nicht das behütete Leben unserer Hunde. Aber entlassen wir uns hier eventuell etwas vorschnell aus der Verantwortung?
Ganz sicher basiert die Aussage „leben wie ein Hund“ auf den dramatischen Daseinsbedingungen, denen viele Hunde oft bis zum Tod ausgeliefert sind: Angst, Hunger und Durst, Schmerzen, Gewalt, Isolation und völlige Hilflosigkeit Ursprünglich kommt diese Redensart von den Hunden an Ketten, in Zwingern, auf den Straßen. Hunde die getreten, missbraucht, gequält, hungrig und durstend und in ständiger Angst ihr Dasein fristen müssen. Ein Dasein, das absolut nichts, aber auch gar nichts mit Glück zu tun hat.
Doch die Wahrheit hinter dieser Redensart lässt sich zum Teil auch auf die heute typische Hundehaltung übertragen. Vielleicht sogar mehr, als es uns bewusst ist.
Es stimmt, die wenigsten halten hierzulande ihre Hunde an Ketten, vielleicht auch, weil es verboten ist. Zwingerhaltung ist aber auch bei uns immer noch eine gesellschaftlich anerkannte „Unterbringung“. Wie jeder Hamster, jedes Häschen, jeder Vogel auch ganz selbstverständlich zu unserem Vergnügen hinter Gittern gehalten werden, unsere Gefangenen sind.
Ihr Hund muss nicht im Zwinger sein Dasein fristen? Das ist gut so. Aber ist das Leben in einem Haus, einer Wohnung, mit kurzen Unterbrechungen letztlich nichts anderes als ein komfortabler Zwinger? Ich rede nicht von den Hunden, die wirklich wahrgenommen werden, deren Bedürfnisse wirklich gesehen werden. Ich rede von all den Hunden, deren Halter niemals der Gedanke kam, dass es ihren Hunden an etwas fehlen könnte. Etwas mehr Aufmerksamkeit, etwas mehr Rücksicht, etwas mehr Interesse, etwas mehr Kenntnisse, etwas mehr Wohlwollen.
Die Standardunterbringung eines Hundes deckt sich kaum mit den Bedürfnissen eines Hundes. Die Standardunterbringung hat wenig mit Respekt oder Verständnis zu tun. Die Standardhaltung ist häufig ein nicht enden wollender Machtmissbrauch. Wo kämen wir auch hin, wenn wir z.B. den Hund einmal entscheiden ließen, wo lang wir gehen? Wir würden uns ja lächerlich machen! Nein, wir bestimmen „wo es lang geht“ und das rund um die Uhr, in jeder Lebenslage. Wir überlassen so gut wie keine Entscheidung dem Hund. Der Hund hat zu gehorchen. Punkt.
Und wenn wir unseren Hunden nicht einmal diese winzige Mitbestimmung – welchen Weg wir gehen– einräumen, wie können wir dann glauben, dass unser Verhältnis zu unseren Hunden auf Rücksicht, Einsicht oder Respekt beruhen könnte?
Aber was schreibe ich da….. Respekt ist ein Wort, das wir ohnehin nicht mit Tieren in Verbindung bringen. Respekt ist etwas, was wir fordern, nichts was wir anderen zollen. Also gut, lassen wir das mit dem Respekt. Wie wäre es stattdessen mit Wohlwollen?
Wie wohlwollend halten Sie das andere Ende der Leine? Wie wohlwollend gehen Sie mit den Bedürfnissen Ihres Hundes um? Haben Sie sich überhaupt einmal Zeit genommen über die Bedürfnisse, die Andersartigkeit Ihres Hundes nachzudenken? Ich meine länger als einen kurzen Augenblick.
Die Standardüberzeugung lautet klar: Der Hund muss gehorchen. Aber auch Überzeugungen wie: Hunde darf man nicht verwöhnen, die Angst der Hundes muss man ignorieren oder Hunde sind dominante Wesen, die nur auf den Moment der Machtübernahme warten. All diese Überzeugungen sind falsch und entbehren jeglichem Sach- und Hundeverstand.
Und all diese Aussagen, liefern uns das perfekte Alibi, um einen Hund so lieblos wie nur möglich zu halten..
Es stimmt Hunde müssen nicht arbeiten gehen, sie dürfen den größten Teil des Tages unter Langeweile leiden. Hunde müssen sich nur unserer Vorstellung des Zusammenlebens unterordnen. Es stimmt, Hunde wissen nichts vom Krieg in der Welt, aber sie haben eine sehr komplexe Wahrnehmung, ein sehr feines Gespür und definitiv haben sie ein Gefühl für Zeit (auch für Lebenszeit!). Ebenso haben sie ein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen und Gefühlsleben genau wie wir.
Unsere viel gerühmte Liebe zu unseren Hunden habe ich in meiner Arbeit nicht allzu oft vorgefunden. In meiner Arbeit ging es nicht darum, den Hund in seinem Verhalten zu verstehen. Es ging nicht darum, den Hund in seiner Kommunikation zu verstehen. Und schon gar nicht ging es darum, das Leben der Hunde zu verbessern. Es ging darum Verhaltensweisen abzustellen, die unbequem waren. Meine Bemühungen Klarheit darüber zu schaffen, dass fast jedes „Problemverhalten“ aufgrund von ANGST gezeigt wird, war nur selten von Interesse. Aber es ist wichtig, dass wir endlich begreifen, dass fast alle Verhaltensauffälligkeiten unserer Hunde auf Ängsten beruhen, die wir zu verantworten haben.
Die Entscheidung einen Hund zu adoptieren treffen Menschen nur selten, weil es ihnen darum geht, einem Hund ein besseres Leben zu ermöglichen. Wir treffen die Entscheidung, weil wir darin für uns einen Vorteil sehen. Weil wir glauben, dass ein Hund unser Leben bereichert. Wir holen ihn nicht, um sein Leben zu bereichern. Das ist der Unterschied. Und dieser Unterschied ist entscheidend.
Und alle die, die jetzt sagen „doch mir ging es darum, dass es dem Hund besser geht“ möchte ich jetzt gar nicht ins Unrecht stellen. Ich glaube Ihnen das. Aber ist es Ihnen auch wirklich gelungen? Ich möchte, dass Sie sich mehr als zwei Minuten Zeit nehmen über das Glück oder Unglück Ihres Hundes nachzudenken. Am einfachsten gelingt das, wenn Sie einmal die Rollen tauschen.
Fühlen Sie sich in Ihren Hund hinein und betrachten Sie alles einmal aus seinem Blickwinkel!
Ihr Hund sehnt sich wie jedes andere Lebewesen- wie Sie auch - nach Sicherheit, Liebe und etwas Glück. Ohne Frage ist ein gutes Futter und ausreichend Wasser -verglichen mit vielen Hunden auf dieser Welt - schon ein wichtiger Beitrag.
Ich glaube den meisten Menschen, dass sie ihre Hunde lieben. Ich glaube nur, dass diese Liebe in den Hintergrund rückt, sich mehr und mehr in Gleichgültigkeit verwandelt, wie es immer passiert, wenn eine Beziehung länger andauert.
Bedenken Sie, dass das ganze Glück oder Unglück Ihres Hundes in Ihren Händen liegt. Sie bestimmen sein ganzes Leben, sie treffen jede Entscheidung über ihn.
Und bedenken Sie auch: Es gibt keine Liebe ohne das zwingende Bedürfnis den anderen auch verstehen zu wollen.
petra mazur