07/06/2026
𝘐𝘤𝘩 𝘩𝘢𝘵𝘵𝘦 𝘯𝘰𝘤𝘩 𝘑𝘰𝘺𝘴 𝘎𝘦𝘴𝘤𝘩𝘪𝘤𝘩𝘵𝘦 𝘷𝘦𝘳𝘴𝘱𝘳𝘰𝘤𝘩𝘦𝘯 - 𝘥𝘪𝘦 𝘎𝘦𝘴𝘤𝘩𝘪𝘤𝘩𝘵𝘦 𝘩𝘪𝘯𝘵𝘦𝘳 𝘥𝘦𝘮 𝘉𝘪𝘭𝘥 𝘮𝘪𝘵 𝘥𝘦𝘳 𝘎𝘢𝘳𝘳𝘰𝘤𝘩𝘢 … 𝘶𝘯𝘥 𝘥𝘦𝘯 𝘞𝘦𝘨 𝘻𝘶𝘳 𝘌𝘳𝘬𝘦𝘯𝘯𝘵𝘯𝘪𝘴 𝘶̈𝘣𝘦𝘳 𝘪𝘩𝘳𝘦𝘯 𝘸𝘢𝘩𝘳𝘦𝘯 𝘡𝘶𝘴𝘵𝘢𝘯𝘥. 𝘋𝘢𝘴, 𝘸𝘢𝘴 𝘮𝘪𝘤𝘩 𝘢𝘮 𝘌𝘯𝘥𝘦 𝘢𝘮 𝘮𝘦𝘪𝘴𝘵𝘦𝘯 𝘦𝘳𝘴𝘤𝘩𝘶̈𝘵𝘵𝘦𝘳𝘵𝘦, 𝘸𝘢𝘳 𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘒𝘭𝘦𝘪𝘯𝘪𝘨𝘬𝘦𝘪𝘵, 𝘶̈𝘣𝘦𝘳 𝘥𝘪𝘦 𝘷𝘦𝘳𝘮𝘶𝘵𝘭𝘪𝘤𝘩 𝘯𝘪𝘦𝘮𝘢𝘯𝘥 𝘯𝘢𝘤𝘩𝘨𝘦𝘥𝘢𝘤𝘩𝘵 𝘩𝘢̈𝘵𝘵𝘦 …
Joy wurde als „liebevolle Vollblutstute“ inseriert, 12 Jahre alt, direkt aus dem Polotraining, für 1.500 Euro. Die beiden Besitzerinnen, passionierte Polospielerinnen, wollten sie in Freizeitreiterhände verkaufen, weil Joy – die anders hieß und ihren Namen bei mir bekam als Start in ein neues Leben – „zu stark“ im Spiel war für die jüngere der Schwestern, die sie eigentlich reiten sollte. Ein Screenshot aus einem Verkaufsvideo, das ich später durch Zufall fand, ist bei den Fotos …
Joy war Polo-üblich ausgerüstet: Stehendes Martingal, dazu ein zweites Reithalfter mit gedrehtem Rohhautnasenriemen, Aufziehtrense mit doppeltem Zügelpaar sowie ein Sattel, der – das lernte ich auch erst beim Proberitt – bewusst auf der Schulter gesattelt wird, weil er im Spiel sonst ohnehin nach vorne rutschen würde.
Als Joy im Sommer 2016 zu mir kam, befand ich mich bereits in meiner Pferdephysio-Ausbildung. Einige ihrer körperlichen und seelischen Probleme konnte ich also schon analysieren, die ich teils später beheben konnte; andere zeigten sich im Laufe der Zeit …
- • Ihr Rücken und ihre Schultern waren völlig unbeweglich. Die Schulterblätter konnten keinen Zentimeter am Rumpf gleiten, die gesamte BWS und LWS war ein steifes Brett. Es war ihr nicht möglich, den Hals zu beugen, um eine Karotte zu nehmen.
• Sie hatte einen ausgeprägten „Hunter’s Bump“, vermutlich von den Sprintstarts und -stops.
• Sie hatte weiße Vernarbungen am Widerrist und an den Vorderröhren.
• Sie hatte Narben vom Reithalfter auf dem Nasenrücken.
• Sie hatte eine Narbe quer über die Zunge, potenziell von einem Zungenband im Galopprennen. Sie war in Frankreich gestartet; nach meinen Recherchen wurde in Deutschland das Zungenband erst 2018 verboten, in Frankreich ist es bis heute erlaubt. Bei der ersten Zahnbehandlung bei mir wurde zudem ein entzündeter Wolfszahn entfernt.
• Sie konnte die Hinterhufe nicht geben und schlug sofort nach dem Menschen, wenn man es versuchte. Möglicherweise war sie mit Schlinge aufgehalten worden und gestürzt; in jedem Fall wurde zunehmend deutlich, dass sie Panik hatte, die Balance zu verlieren.
• Sie dissoziierte bei fast allen Berührungen und Anforderungen. Nur die Hand sanft auf ihre LWS zu legen machte ihr schon Angst.
• Sie hatte starken Gurtzwang.
• Sie reagierte auf jedes Gebiss mit sofortigem Sperren, auch wenn kein Zügel angenommen wurde.
• Beim Anblick eines Pferdeanhängers begann sie am ganzen Körper zu zittern.
• Bei der leisesten Berührung mit einer Gerte erstarrte sie vollständig.
Darüber hinaus …
… hatte die Anzeige damals eines sehr richtig erfasst: Joy war eines der liebevollsten Pferde, die ich je kennenlernen durfte. Sie hatte ein riesiges Herz und beinahe etwas Mütterliches an sich, wie sie später den Schülern beim Aufzäumen half oder ihnen geduldig zeigte, wie fein die Hilfen nur sein müssen. Dieses Pferd, das so angefasst worden war, ließ sich wunderbar über die Balance, ohne Zügel reiten. Sie liebte die Stille, war aber auch unglaublich nervenstark im Trubel. Im Gelände war sie ein entspanntes Pferd, das am langen Zügel im Schritt bummelte und auch im Trab und Galopp immer die Ruhe selbst blieb. Wenn ich sie als Handpferd mitnahm, galoppierte sie neben meinem Reitpferd, ohne je überholen zu wollen.
Anfangs ging ich nur spazieren, machte Handarbeit, begann langsam, immer mal zu reiten. Ich ließ sie oft selbst entscheiden – etwas, was sie gar nicht kannte und was ihr zu Beginn Sorgen machte, aber nach und nach wurde sie selbstsicherer. Dann begann sie, für ihr neues Leben zu lernen, und machte das mit Freude – erst an der Hand, dann unter dem Reiter. Schulterherein, Kruppeherein, Traversalen, Zeitlupenschritt, Garrocha und mehr.
Sie liebte es, wenn man sie ganz sanft an der Stirn berührte. Sie liebte auch ihr Futter und schleuderte es beim Fressen durch den halben Stall, um es dann wieder aufzusammeln. Sie war zu jedem Menschen freundlich und in der Herde eher ranghoch, aber immer sozial und stand dicht bei ihren Freundinnen.
Der Rücken begann wieder – im Rahmen seiner Möglichkeiten, denn der Hunter’s Bump war nicht heilbar – zu schwingen, die Schultern wurden locker, Joy immer beweglicher.
Und auch ihre Seele kam irgendwann an … ich habe nie so lange gebraucht, einem Pferd das Gertentarget beizubringen – denn in Joy war keinerlei natürliche Neugier mehr vorhanden. Als sie es aber begriffen hatte, konnten wir andere Kunststücke in Angriff nehmen. Ich brachte ihr – als einzigem Pferd bisher – bei, bei einem Wischen mit der Gerte durch die Luft auf mich zuzuspringen. Ich machte das bewusst, damit sie lernte: Ich darf auf den Menschen zu, ich darf dem Menschen gegenüber meine Energie zeigen, vielleicht sogar ein bisschen Aggression, ich muss mich nicht immer zurückziehen, klein machen, am besten nicht existieren. Sie liebte diese Übung. Man musste schnell sein, manchmal, denn so ein Anspringen eines Galopprennpferdes ist gewaltig. Aber sie passte immer, in jeder Situation, auf einen auf.
Manches blieb, wie es war. Joys Stress mit dem Gebiss nahm etwas ab, aber es gab für mich keinen Grund, sie diesem Stress auszusetzen – sie wurde gebisslos geritten. Sie konnte ihren Hals zwar später mehr beugen, aber nie am Zügel gehen. Musste sie auch nicht, wozu? Wenn sie aus dem Linksgalopp in den Trab bremste, sprang sie vorher immer für einen Sprung in den Kreuzgalopp, weil sie anders die Hinterhand nicht ausreichend untersetzen konnte. Nach sechs Jahren war sie so weit, dass man an guten Tagen ganz tief die Hinterhufe aufnehmen und schnell auskratzen konnte; etwas früher ging es schon, sie nach vorne zu nehmen, nur mit der Hand gestützt, und rundzuraspeln. Richtig geben konnte Joy die Hinterhufe nie. Ihre Wundheilung war schlecht; sie neigte zur Bildung von wildem Fleisch schon bei kleinen Verletzungen.
Zugleich wurden manche ihrer körperlichen Probleme immer deutlicher, je älter sie wurde. Sie hatte sehr flache und sehr schlechte Hufe, die mir immer mehr entglitten. Nageln war aufgrund der schlechten Qualität und der hohlen Wände unmöglich; Klebeeisen hielten oft nur kurz, weil die Hufform so abnorm war. Ihre Schiefe – bedingt durch die Trageschwäche, möglicherweise auch durch HWS-Deformationen oder -Arthrosen, die bei Vollblütern nicht selten sind – verstärkte sich. Das rechte Hinterbein hatte ein auffällig gerades Sprunggelenk; vorne links wurde die lange Fessel immer weicher. Sie ging nie lahm, sie wurde nur nach einigen guten Jahren wieder zunehmend steif. Entsprechend reduzierte ich immer mehr die Anforderungen an sie, weniger unter dem Sattel, mehr lockeres Laufenlassen, Arbeit an der Hand.
Und sie wurde müder.
Im Winter 2022 gab ich ihr eine Woche lang Schmerzmittel, um zu sehen, ob es ihr damit besser ginge.
Und ja – sie lebte auf. Ich hatte in sechs Jahren dieses Pferd nie buckeln sehen, jetzt rannte sie durch die Halle und bockte. Sie hatte wieder Lebensfreude, wollte wieder laufen. Damit hatte ich gerechnet.
Ihre Hinterhufe gab sie immer noch nicht – das war also nicht nur schmerzbedingt.
Was mich am meisten berührte aber war – ich habe keine Ahnung, ob das für irgendwen nachvollziehbar ist –: Ihre „seltsame Angewohnheit“, ihren Hafer aus dem Eimer am Boden durch den halben Stall zu schleudern, war weg. Sie ließ den Kopf im Eimer und fraß ganz ruhig. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Bei einer so einfachen, unwichtigen Sache, bei etwas, das ihr eigentlich eine gute Zeit hatte bescheren sollen, beim Fressen hatte sie offenbar ebenfalls immer Schmerzen gehabt.
Ab da gab es keine Frage mehr. Ich stellte sie auf Previcox ein, sie wurde nicht mehr geritten und stand zunehmend bei der dreißigjährigen Paprica und Deseo, wo sie sich sehr wohl fühlte, und weniger bei der für sie zu aktiven Herde.
Einige Wochen später wurde sie vermutlich von einem anderen Pferd getreten, hatte eine Wunde am Hinterbein. Nicht schön, aber auch nicht sonderlich schlimm; ich machte die angezeigte Erstversorgung, am nächsten Tag kam der Tierarzt, nichts zu nähen, nur Verbandswechsel, weiterhin Entzündungshemmer und entsprechende weitere Wundversorgung. Es bildete sich wildes Fleisch, auch das wurde behandelt. Wochen später hatte sich nichts gebessert: Das wilde Fleisch bildete sich nicht zurück, riss immer wieder auf, Vulketan, dann aggressivere Mittel, natürlich Verbände und der Versuch, ihr ein möglichst schönes Leben zu machen.
Das Previcox musste ich inzwischen schon höher dosieren, damit sie mit ihren anderen Problemen nicht zu starke Schmerzen hatte. Sie war gerade mal 18 Jahre alt. Und dann traf ich die Entscheidung.
Über Joys letzten Tag möchte ich nicht schreiben. Es war ein guter, ein langer Frühsommertag auf der Weide für sie, zusammen mit Deseo, und in der Abendsonne gingen wir vor zum Hof.
Das ist Joys Geschichte.