05/09/2026
„Er dreht vollkommen am Rad, sobald ich den Ball hole. Das macht ihm so viel Spaß.“
Kennst du das auch?
Dein Hund rennt vielleicht schon los, wenn du nur den Arm hebst. Er bringt den Ball zurück, legt ihn vor deine Füße und wartet sofort auf den nächsten Wurf. Schließlich soll er sich richtig auspowern – damit er danach entspannter ist.
Dann frage ich dich:
Bist du sicher, dass das nur Freude ist?
Ich habe gerade wieder eine neue Studie gelesen. Ihr wisst ja, dass ich das immer gern mache – nicht nur, um wissenschaftlich auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Solche Studien helfen mir auch, meine Arbeit und manche Beobachtung aus der Verhaltenstherapie noch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Dabei bin ich auf eine interessante Untersuchung von Alja Mazzini und Stefanie Riemer gestoßen. Die Studie beschäftigt sich nicht direkt mit reaktiven Hunden oder den Folgen häufigen Ballwerfens. Aufgrund ihrer Ergebnisse musste ich aber sofort an die vielen Hundehalter denken, die ihren Hund mit dem Ball auslasten, weil er dabei angeblich so viel Spaß hat.
Ein fliegender Ball spricht Teile des Jagdverhaltens an. Beim schnellen Werfen steigt der Hund direkt in das Hetzen ein. Andere Elemente wie Suchen, Beobachten, Lauern oder den Ball eine Weile tragen und besitzen dürfen kommen häufig kaum vor.
Welcher Teil einem Hund besonders wichtig ist, ist individuell. Wird sein Ablauf jedoch immer wieder beschleunigt oder an einer für ihn wichtigen Stelle unterbrochen, kann aus Spielfreude auch Frustration werden. Kaum ist der Ball erreicht, beginnt schon die Erwartung auf den nächsten Wurf.
Die Studie mit 1.692 Hunden zeigt dazu einen interessanten Zusammenhang: Eine besonders starke Spielzeugmotivation trat häufiger gemeinsam mit Schwierigkeiten beim Herunterfahren und weniger Schlaf am Tag auf.
Das beweist nicht, dass Ballspielen Reaktivität verursacht. Es bedeutet auch nicht, dass der Ball grundsätzlich verschwinden muss.
Aber es lohnt sich, genauer hinzusehen: Kann dein Hund das Spiel noch unterbrechen? Nimmt er seine Umgebung wahr? Kann er den Ball auch einmal Ball sein lassen? Und findet er danach wirklich zur Ruhe?
Gerade bei reaktiven Hunden ist „mehr auslasten“ nicht automatisch die Lösung. In meiner Verhaltenstherapie schaue ich deshalb nicht nur darauf, was ein Hund tut. Ich möchte verstehen, was dabei in ihm passiert und welche Funktion dieses Verhalten für ihn hat.
Vielleicht ist der Ball gar nicht das eigentliche Problem.
Vielleicht zeigt dir die Art, wie dein Hund mit ihm spielt, etwas über seine Fähigkeit, mit Erregung und Frustration umzugehen.
Blickwechsel.
Wenn du deinen Hund gerade wiedererkennst, findest du auf meiner Seite mehr darüber, warum hinter auffälligem Verhalten oft mehr steckt als fehlende Auslastung.
Mazzini, A. & Riemer, S. (2026). The high end of toy motivation in dogs: developmental predictors and relevance for sport and working dogs.
"Originalstudie" (https://doi.org/10.1098/rsos.252252)
Die Studie stammt von der Tierärztin und Verhaltensforscherin Alja Mazzini und Stefanie Riemer von HundeUni - Wissenschaft trifft Praxis
Danke, liebe Stefanie – eure Forschung hat mich wieder zu einem ganz eigenen Blickwechsel aus meiner therapeutischen Praxis angeregt.