18/06/2026
Nasenbremse und sonstige Hilfs- und Zwangsmaßnahmen beim Pferd
Vor ein paar Tagen hat ein sehr geschätzter Kollege von mir auf seiner Facebookseite über den Einsatz der Nasenbremse beim Pferd und deren Wirkung geschrieben. Was dann darunter kommentiert wurde, ist eigentlich unglaublich.
Da wird ein Tierarzt als Tierquäler bezeichnet, weil er, wie die meisten anderen auch, in einer Situation, die anders nicht händelbar ist, dem Patienten für einen sehr kurzen Zeitraum (wenige Minuten) eine Nasenbremse anlegt.
Leute mit echter Pferdeerfahrung finden das nicht weiter schlimm. Ist es ja auch nicht. Schlimm wäre, wenn das Pferd sich bei einer Behandlung verletzt, weil es keine Bremse an hatte. Richtig schlimm wäre es, wenn der Besitzer dabei auch verletzt würde. Gar nicht schlimm findet es die Facebookgemeinde, wenn der Tierarzt dabei verletzt würde, der oder die hat es dann halt einfach nicht drauf, den Job verfehlt, keine Ahnung oder Sonstiges.
Was die meisten "Experten " nicht wissen: Als Tierarzt trägt man stets die Verantwortung für alle Beteiligten.
Welche Gründe gibt es also, beim Pferd eine Nasenbremse anzuwende ?
- Pferd ist bei einer notwendigen Behandlung
hochgradig widersetzlich, auch eine Sedation per Injektion ist nicht ohne weitere Maßnahme zu verabreichen.
- Das Pferd benötigt nur einen kurzen Moment der Ablenkung, da die Behandlung zwar super schnell geht, aber auch an einer potenziell gefährlichen Stelle passiert (Rektaluntersuchung bei Kolik, Diagnostische Anästhesien am Hinterbein oder in ein Gelenk)
- der sonstige Zustand des Pferdes erlaubt keine Sedation (manche Koliker möchte man nicht unbedingt sedieren, da es die Darmmotorik eventuell noch träger mach, braucht aber eine Nasenschlundsonde)
Immer, und wirklich immer, wenn die Bremse zum Einsatz kommt, dient es der Sicherheit des Pferdes!
Gründe für eine Sedierung gibt es ja genug, dennoch führe ich hier auch noch den Strahlenschutz an. Wir Tierärzte müssen langwierige Fortbildung zum Thema Strahlenschutz absolvieren und dieses Zertifikat alle 5 Jahre erneuern. Röntgenstrahlen sieht und spürt man nicht, aber sie sind für Menschen äußerst ungesund. (Tiere leben leider nicht lange genug, damit das ein Problem wird). Deshalb müssen wir unser Bestes geben, möglichst wenig Strahlung zu verwenden, was durch die Sedation des Pferdes deutlich besser geht. Wenn der Patient nämlich still steht und man die Aufnahmen nicht aufgrund von verwackelten Bildern fünf Mal machen muss, ist das deutlich gesünder für alle.
Nun aber zu meinem eigentlichen Anliegen:
In was für einer Welt leben wir, wo das eventuell ganz kurz durch eine Nasenbremse oder Sedation gestörte Wohlbefinden eines Pferdes über die Unversehrtheit und das Leben eines Menschen (zwar hier dann "nur" des Tierarztes, aber davon gibt es immer weniger) gestellt wird?
Glauben Leute ernsthaft, ein 600kg Fluchttier in einer Extremsituation (Schmerz, Angst) so kontrollieren zu können, dass niemand zu Schaden kommt?
Die Konsequenzen daraus für ein Pferd können sein: abgebrochene Nadeln, im schlimmsten Falle in einem Gelenk, der Tod, weil es nicht möglich war, eine Injektion zu verabreichen, Böse Verletzungen durch Abwehrhandlungen....
Ich bleibe bei meiner Aussage: Das Beste, was man für sein Pferd tun kann ist, es gut zu erziehen und auszubilden.
Richtiges Pferdetraining ist aktiver Tierschutz!
Wer es uns Tierärzten nicht erlaubt, uns selbst und das Pferd zu schützen, weil er Nasenbremsen, Sedation und Untersuchungsstände ablehnt, muss uns unverrichteter Dinge vom Hof fahren sehen.