Tierarztpraxis Saerbeck

Tierarztpraxis Saerbeck Tierarztpraxis Saerbeck für Kleintiere und Großtiere

02/11/2025

Schwurbelei in der Tiermedizin (Teil 3): Geisterfahrer!

Von Ralph Rückert, Tierarzt

Wahrscheinlich kennen wir alle diesen alten, aber natürlich auch immer aktuell bleibenden Witz:

„Ein Mann fährt auf der Autobahn, als er im Radio hört: „Achtung, ein Geisterfahrer auf der A7!“ Der Mann schüttelt entgeistert den Kopf und murmelt: „Einer? HUNDERTE!!!“

Viele oder sogar die meisten von uns haben sich schon mal in so eine Situation gebracht, jetzt nicht im wörtlichen, sondern im übertragenen Sinne, indem wir eine Position oder Meinung vertreten haben, mit der wir mehr oder weniger allein dastanden, die also absolut nicht konsensfähig war. Das finde ich per se nicht schlimm, sondern durchaus wünschenswert. Viele wichtige Erfindungen, Entdeckungen und Paradigmenwechsel beruhen ja genau darauf, dass da eine Person gedanklich völlig gegen den Strom geschwommen ist.

Das gilt natürlich auch für die (Tier-)Medizin. Aber: In der Medizin geht es um das Leben und die Gesundheit von Patienten. Dementsprechend muss es in diesem Beruf immer einen Mainstream, einen Konsens, einen „state of the art“ geben, denn die Patienten haben ein Recht darauf, dass bestimmte Krankheiten auf eine bestimmte und nachweislich funktionierende Art und Weise diagnostiziert und therapiert werden und nicht an jeder Ecke anders.

In einer seriösen und wissenschaftsbasierten Medizin verdient man sich Erfolg, Ansehen, vielleicht gar Ruhm und Ehren dadurch, dass man unter Beachtung des zum jeweiligen Zeitpunkt gültigen Stands der Wissenschaft möglichst gut und sorgfältig arbeitet. Stößt man im Rahmen seiner Tätigkeit oder durch Forschung auf etwas, das geeignet scheint, den State of the Art zu verändern, oder gar auf etwas, das allem widerspricht, was bisher gültig war, so veröffentlicht man diese Entdeckung, diese Idee, diese Methode, und gibt damit der weltweiten medizinischen Community, der sogenannten Peer Group, die Gelegenheit, diesen neuen Ansatz zu überprüfen, nachzuvollziehen und natürlich auch zu kritisieren. Stellt sich bei diesem mit den heutigen Mitteln oft relativ zügig durchführbaren Reality Check heraus, dass die Innovation tragfähig und nützlich ist, wird sie sich schnell verbreiten und durchsetzen.

Nun gibt es aber (leider!) immer mal wieder Kolleginnen und Kollegen (manche von uns verwenden ersatzweise auch den Begriff „Kollegoiden“), die sich aufgrund welcher persönlichen Defizite auch immer dazu entschließen, ihre ganze Karriere darauf aufzubauen, sich fachlich auf eine absurde Position zu begeben und den Mainstream, also ihren eigenen Berufsstand, als wahlweise blöd, ignorant oder gar betrügerisch zu verunglimpfen, unter gleichzeitiger Darstellung der eigenen Person als Inhaber der einzigen Wahrheit, als „Krönung der Salate“. Sie werden also zu medizinischen Geisterfahrern, zu einer Verkörperung des obigen Witzes. Die verwendeten Kommunikationsmittel - Fake News und „flooding the zone with sh*t“ - erinnern fatal an die aktuellen Methoden des Trumpismus. Die betreffenden Tierärztinnen und Tierärzte bedienen mit dieser Vorgehensweise ein ganz bestimmtes und für Verschwörungstheorien anfälliges Nischenpublikum, das den Mainstream-Kolleginnen und -Kollegen sowieso die Haare zu Berge stehen lässt, aus dem sich aber ein sehr schönes Einkommen generieren lässt.

Es ist wohl kein Zufall, dass ich über die Jahre sehr häufig nach meiner Meinung zu drei Namen gefragt worden bin:

Dr. Jutta Ziegler (Hallein, Österreich), Dr. Franz Spitzer (Larnaka, Zypern) und Dirk Schrader (Hamburg).

Viele Leute, die noch zu rationalem Denken in der Lage sind, merken wohl doch, dass ein Tier, das quakt wie eine Ente und das watschelt wie eine Ente, höchstwahrscheinlich eine Ente ist. Diese drei Personen sind (nicht nur) meiner Meinung nach tatsächlich die momentan bekanntesten tiermedizinischen Geisterfahrer. Wem diese drei Namen absolut nichts sagen, sollte es am besten einfach dabei belassen. Ich kann versichern: Im Sinne einer rationalen und wissenschaftlichen Tiermedizin versäumt man dadurch rein gar nichts.

Alle drei haben ihre feste Fangemeinde. Das ist völlig okay. Keine Praxisinhaberin / kein Praxisinhaber muss heutzutage futterneidisch sein. Es gibt mehr als genug Arbeit für alle. Mein Artikel richtet sich ausdrücklich nicht an diesen Personenkreis, weil ich diesen sowieso nicht erreichen kann. Wenn mich jemand zwischen Tür und Angel nach meiner Meinung zu wahlweise Ziegler, Spitzer oder Schrader fragt, sage ich immer: „Wer nicht selber merkt, wie er da verkohlt wird, braucht nach meiner Einschätzung wahrscheinlich auch ein Navi, um nachts in der eigenen Wohnung aufs Klo zu finden.“

Mit diesem Text richte ich mich an Menschen, die in meinen Augen völlig berechtigte Zweifel haben, wenn sie wahrnehmen, dass da jemand ausschließlich von der Botschaft lebt: „Alle anderen Tierärztinnen und Tierärzte sind dämlich, ahnungslos, denkfaul und mit der Pharma- und Futtermittelindustrie verschwörerisch verbandelt, nur ICH nicht, denn ICH weiß etwas, was sonst NIEMAND weiß, und mein zweiter Vorname ist ROBIN HOOD!“. Diese Zweifelnden kann ich nur bestärken: Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl! Wenn es in der Medizin jemand wirklich nötig hat, seine berufliche Karriere fast ausschließlich darauf aufzubauen, sich dauerhaft und für viele Jahre oder gar Jahrzehnte außerhalb des Mainstreams zu positionieren und alle anderen als unfähige Stümper ohne Durchblick zu bezeichnen, dann muss zwangsläufig etwas faul sein, denn würden die genannten Personen Konzepte vertreten, an denen tatsächlich was dran ist, wären sie schon lange Teil des aktuellen Standes der Wissenschaft.

Bei Diskussionen mit der Schwurbelszene kommt an dieser Stelle fast zwangsläufig der Verweis auf den österreichisch-ungarischen Chirurgen und Geburtshelfer Ignaz Semmelweis (1818 – 1865), dessen evidenzbasierte (!) Erkenntnisse zur Prophylaxe von Kindbettfieber durch verbesserte Hygiene sich innerhalb seines kurzen Lebens leider nicht durchgesetzt haben, weil sie mit einer Mischung aus Verbohrtheit und Antisemitismus (Semmelweis war kein Jude, was aber unterstellt wurde) vom medizinischen Establishment der damaligen Zeit unterdrückt wurden, wodurch im weiteren Verlauf noch Zehntausende von Frauen sterben mussten, bis sich endlich was geändert hat. Darauf kann man nur antworten, dass wir nun mal nicht mehr im 19. Jahrhundert leben und sich valide Erkenntnisse durch die heutzutage normale Vernetzung der Welt im Vergleich zu früheren Zeiten verblüffend schnell durchsetzen.

Für einen Vielschreiber wie mich wäre es jetzt natürlich verlockend, sich lang und breit mit den diversen Einlassungen und Heilsversprechen der genannten Personen auseinanderzusetzen, aber das würde den Rahmen eines Blogartikels definitiv sprengen. Lassen wir es damit bewenden, dass buchstäblich jede seriöse Tierärztin und jeder seriöse Tierarzt im deutschsprachigen Raum mit den Augen rollt, wenn einer der drei Namen genannt wird. Auch für Tierhalterinnen und Tierhalter sollten die Monetarisierungsmethoden speziell von Ziegler und Spitzer eigentlich ganz gut zu durchschauen sein, zeigen sie doch zwangsläufig Merkmale, die als typisch für Quacksalberei und Kurpfuscherei gelten: Die Behauptung exklusiven Wissens, die permanente Diffamierung des seriösen Mainstreams, die für solche Leute natürlich fast schon verpflichtende Ablehnung von Impfungen, die angeblich umfassende Wirkung des eigenen Denkkonstrukts gegen alle möglichen Erkrankungen, die Schuldzuweisung an die Patientenbesitzer:innen, wenn sie nicht folgen wollen, und an die gesamte Kollegenschaft, die natürlich in einer weltumspannenden Verschwörung jedem Haustier buchstäblich nach dem Leben trachtet.

Dazu kommen noch ungenierte und durch nichts belegbare Fake-News, besonders schön zu sehen auf der Website von Spitzer, wo sich unter dem Menüpunkt „Presse“ Links zur Frankfurter Rundschau („Dr. Franz Spitzer: Wie er die moderne Tiermedizin revolutioniert“), zum Focus („Wie Tierarzt Dr. Spitzer Hundehaltern den Weg zum gesunden Hund ermöglicht“) und zur Süddeutschen Zeitung („Tierarzt Dr. Franz Spitzer überzeugt mit neuem Ansatz in der Tiermedizin“) finden. Der Link zum Focus geht ins Leere, aber in der Frankfurter Rundschau und der Süddeutschen findet man lobhudelnde Texte, von denen arglose Leser:innen durchaus beeindruckt werden könnten, aber nur so lange, bis sie darauf aufmerksam werden, dass beide „Artikel“ oben ganz diskret als Anzeige gekennzeichnet sind. Spitzer versucht also tatsächlich, bezahlte Anzeigen als Presseberichte über ihn und sein „Konzept“ zu verkaufen, was halt nach allen Maßstäben einfach szenetypisch dreist ist.

Die Masche von Ziegler und Spitzer sehe ich persönlich noch relativ gelassen, da von ihnen in den meisten Fällen keine echten Gefahren für die Tiere ausgehen sollten, die allenfalls durch das Fernhalten von anerkannten Therapie- und Prophylaxeverfahren geschädigt werden könnten. Außerdem halten sich beide aus dem Wirkungsbereich deutscher Berufsordnungen heraus. Bei Schrader bin ich leider nicht so entspannt, weil der Mann nach wie vor praktiziert, und zwar unter der Aufsicht der dafür eigentlich zuständigen Landestierärztekammer Hamburg, die sich aber in der Vergangenheit als absolut unfähig erwiesen hat, die offensichtlichen berufsrechtlichen Verfehlungen des Mannes korrekt zu ahnden.

Auch hier würde es den Rahmen des Artikels sprengen, wenn ich ins Detail gehen wollte, deshalb ein Link zu einem Artikel von MedWatch, der einen schnellen Einblick in die Gemengelage bietet:

https://medwatch.de/alternativmedizin/umstrittener-tierarzt-wirbt-fuer-gefaehrliches-wundermittel-chlordioxid/

Natürlich werden Schrader-Fan-Girls und -Boys gleich wieder Schaum vor dem Mund bekommen, wenn sie das lesen, aber: Eine ganz normale praktizierende Tierärztin / ein ganz normaler praktizierender Tierarzt wird in Deutschland im Schnitt während eines ganzen Berufslebens genau nie bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Im Fall von Schrader scheinen laut des MedWatch-Artikels so viele Anzeigen vorgelegen zu haben oder noch vorzuliegen, dass sie gebündelt behandelt werden mussten oder müssen. Das würde mir dann doch schwer zu denken geben!

Nehmen wir uns abschließend als schönes Beispiel für Schraders Propagandamethoden mal diesen Text zum Megakolon (krankhafte Erweiterung des Dickdarms) bei der Katze vor:

https://kritische-tiermedizin.de/2025/Der_Niedergang.pdf?fbclid=IwY2xjawNJ_gVleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBpUFRyaGhFMmo1TmczN0xwAR7E3AGLqoO0zF1vNHd6laqzA_yoo3KdXouQhxlIIETdZcaD1ShGfYFb5O9_Tg_aem_XoGpuCB_arvr7dYzbxMU4A

Der Faktencheck:

Die namentlich genannte Besitzerin einer Katze mit Megakolon lebt in Düsseldorf und war offenbar nicht in der Lage, unter den unzähligen tiermedizinischen Einrichtungen der Metropolregion Rhein-Ruhr eine zu finden, die ein Megakolon chirurgisch therapieren konnte oder wollte. Deshalb war sie angeblich gezwungen, bis nach Hamburg zu pilgern.

Fakt ist, dass es mich keine halbe Stunde und gerade mal eine Handvoll schnelle Anrufe gekostet hat, um mehrere Praxen / Kliniken in gut erreichbarer Entfernung zu Düsseldorf zu ermitteln, die sehr wohl in der Lage sind, eine subtotale Kolektomie (das ist der Fachbegriff für die OP, um die es geht) durchzuführen. Es ist also in der realen Welt nicht wirklich nachvollziehbar, was die Tierbesitzerin genau für ein Problem hatte.

Schrader erweckt gezielt den Eindruck, dass eine chirurgische Behandlung des Megakolons bei der Katze hier in Deutschland (und im Gegensatz zu England) völlig unüblich wäre und aufgrund eines Mangels an Interesse und Fortbildung von niemandem (außer ihm natürlich) beherrscht und angewendet würde. Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich über diese Aussage! Wenn ich nur für mich sprechen soll, so habe ich durchaus mal gelernt und danach immer gewusst, wie man ein Megakolon chirurgisch angeht. Selbst in meiner nur mittelgroßen Provinzstadtpraxis war ich zur Durchführung dieses Eingriffs in der Lage. Aber auch wenn wir meine persönliche Sicht beiseite lassen, ist es doch erstaunlich, dass man mit den Suchbegriffen „Megakolon Katze“ bei Google sofort im ersten Link über eine sehr schöne Veröffentlichung der Kollegin Simona Vincenti in der angesehenen und viel gelesenen Fachzeitschrift „kleintier konkret“ stolpert, in der selbstredend auch die subtotale Kolektomie als chirurgische Therapieoption angeführt und näher erläutert wird.

https://vet.thieme.de/hund-katze-co/spezialthemen/detail/katze-diagnose-und-behandlung-vom-megakolon-1839

Das geht halt mit der Behauptung, dass dieser Eingriff in Deutschland gar nicht bekannt wäre, so gar nicht zusammen. Und auch die Unterstellung, dass der Eingriff weit verbreitet nicht beherrscht würde – als Abhilfe empfiehlt der „Kollege“ ja in maximaler Herablassung, sich das von ihm in Hamburg beibringen zu lassen – ist extrem gewagt. Ich behaupte, dass alle Bauchchirurg:innen, die wissen, wie man eine Darmanastomose anlegt, auch eine subtotale Kolektomie durchführen können. Der Eingriff gehört zwar durchaus zur großen, abdominalen Chirurgie, ist aber in diesem Rahmen kein Zauberwerk.

Schrader mokiert sich spöttisch - und natürlich Abzockerei unterstellend - darüber, dass bei dieser Katze weitergehende Diagnostik durchgeführt wurde, also ein Bauch-Ultraschall und Schichtbildtechniken (CT und MRT), brüstet sich damit, für die Diagnose selber nur ein Röntgenbild benötigt zu haben, und führt aus, dass selbst die Betrachtung des vorliegenden CTs zu viel der Mühe gewesen wäre, da man ja schon gewusst habe, was dem Tier fehlt. Um die fachliche Dreistigkeit dieser Einlassungen zu erkennen, braucht es nur einen kurzen Blick in die verlinkte Veröffentlichung von Kollegin Vincenti (und in fast jeden englischsprachigen Artikel zu diesem Thema!), wo sehr deutlich und gut nachvollziehbar erläutert wird, warum solche fortgeschrittenen diagnostischen Maßnahmen in vielen Fällen absolut sinnvoll und notwendig sind. Angesichts der vielfältigen möglichen Ursachen eines Megakolons sollte man schon ganz genau wissen, was Sache ist, bevor man die Katze einem so schweren Eingriff unterzieht. Nur als Beispiel: Es wäre eine ausgemachte Schweinerei, einer Katze fast den gesamten Dickdarm rauszuoperieren, wenn die eigentliche Ursache des Megakolons ein Tumor in der Wirbelsäule oder im Rückenmark wäre.

Soweit dazu, das muss jetzt reichen. Fazit: Wie schon erwähnt, versuche ich erst gar nicht, echte Ziegler-, Spitzer- oder Schrader-Fans von ihren Illusionen abzubringen. Das macht so oder so keinen Sinn! Werde ich aber in Zukunft wieder nach einem dieser Namen gefragt, kann ich ab jetzt einfach mit dem Link zu diesem Artikel antworten. Die wichtigste Botschaft für alle, die sich noch auf dem Boden der Tatsachen befinden: Wer sich sein ganzes Berufsleben lang außerhalb des medizinischen Konsenses, außerhalb des aktuellen Stands der Wissenschaft positioniert, hat seine Gründe dafür, und das sind in der Regel keine guten!

Bleiben Sie so rational wie möglich und außerdem mir gewogen, Ihr

Ralph Rückert

© Ralph Rückert
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27/10/2025

Wie schon angekündigt nun der zweite von drei Teilen über Schwurbelei in der Tiermedizin. Nachdem sich unter dem ersten Teil relativ viele Kommentare von Laienbehandlerinnen (Selbstbezeichnung "Tierheilpraktikerinnen") gefunden haben, hier nochmal der Hinweis, dass es in dieser Artikelserie um unwirksame und unethische Heilmethoden IN DER TIERMEDIZIN geht, nicht um Laienbehandlerinnen. Ich kann ja als vierten Teil (widerwillig, weil mich das Thema eigentlich nicht wirklich interessiert) auch noch über "Tierheilpraktikerinnen" schreiben, so dass sich dort dann für diesen Personenkreis die Möglichkeit zum Kommentieren ergibt.

Schwurbelei in der Tiermedizin (Teil 2): Deserteure, Profiteure und Verräter

Von Ralph Rückert, Tierarzt

Das Universum der wissenschaftlichen (Tier-)Medizin ist beängstigend groß und dehnt sich mit rasanter Geschwindigkeit aus. Ich weiß nicht, wie es aktuell aussieht, aber in den 90ern gab es mal die Faustregel, dass sich das medizinische Wissen innerhalb von fünf Jahren jeweils verdoppelt. Für uns Mediziner:innen ist das ein echtes Problem. Wirklich und permanent am Ball zu bleiben, keine neuen, für unsere Patienten relevanten Entwicklungen zu versäumen, ist eine kraftraubende Anstrengung, an der man manchmal schier verzweifeln kann und am Ende der Karriere meist tatsächlich verzweifelt, weil einem mit zunehmender Erfahrung immer klarer wird, was man alles noch nicht weiß und auch nie wissen wird. Jede(r) reagiert auf ihre/seine Weise auf diese Herausforderung. Manche ruinieren sich, ihre Gesundheit, ihre Familien, ihre Beziehungen, und schaffen es trotzdem, als an beiden Enden brennende Kerzen zu unser aller Nutzen Licht ins Dunkle zu bringen und herausragende Arbeit zu leisten. Die meisten von uns versuchen mehr oder minder erfolgreich, unter Beibehaltung einer wenigstens halbwegs vernünftigen Work-Life-Balance ihren Patienten gute (Tier-) Ärzt:innen zu sein und zu bleiben. Einige (zu viele!) verzweifeln, scheitern, nehmen sich das Leben, landen in der Psychiatrie.

Und dann gibt es noch die, die – meist recht früh in ihrer Karriere – einfach desertieren, sich in Feigheit vor dem Feind aus dem Universum der Wissenschaft davonstehlen und sich in ein warmes, gemütliches, kleines Loch verkriechen, von dem aus sie die kalt leuchtenden Sterne wissenschaftlicher Erkenntnis endlich nicht mehr sehen müssen. Dieses Loch hat viele wohlklingende Namen: Alternativmedizin, Komplementärmedizin, Integrative Medizin, Homöopathie, Bioresonanz, Tierkommunikation, usw. und so fort! In Wirklichkeit geht es bei diesem Loch aber eher um einen Abgrund, nämlich den der Quacksalberei und der Kurpfuscherei auf Kosten der Patienten.

Warum ist dieses Schlupfloch so gemütlich, so ausgesprochen attraktiv für die, deren Resilienz, deren Fleiß und deren Hartnäckigkeit für ein Leben in und mit der wissenschaftsbasierten (Tier-)Medizin einfach nicht ausreichen?

-Zum einen kommt der rein theoretische Unterbau pseudomedizinischer Verfahren, so verschwurbelt-kompliziert er den nichtsahnenden Laien auch dargestellt werden mag, gerade mal auf einen Lernumfang, den sich durchschnittliche Tiermedizinstudent:innen in ein paar Wochen Semesterferien reinzuziehen in der Lage wären. Das ist also im Vergleich zu dem, vor dem man davongelaufen ist, sehr überschaubar und maximal unterkomplex, zumal es bei definitiv wirkungslosen Methoden ja auch völlig egal ist, ob man gut oder schlecht, viel oder wenig lernt. Sitzt man in einem Auto ohne Motor, spielen fahrerische Fähigkeiten nun mal nicht die geringste Rolle.

-Zum zweiten ist die Welt der Pseudomedizin statisch, völlig in sich geschlossen. Es tut sich rein gar nichts, in der Homöopathie seit nun über 200 Jahren. Was sollte sich auch tun? In einer Pseudowissenschaft kann es – wenn überhaupt – nur Pseudoforschung und Pseudoentwicklung geben, die man getrost ignorieren kann. Um wieder das gleiche Bild zu bemühen: Ein Auto ohne Motor hat natürlich rein gar nichts von einem Software-Update oder neuen Reifen. Stetige anstrengende und teure Weiterbildung, wie sie die wissenschaftlichen Mediziner:innen ihr ganzes Leben begleitet, ist schlicht nicht erforderlich.

-Zum dritten herrscht in fast allen Alternativverfahren ein striktes Schuldprinzip, meist zu Lasten des Patienten und/oder seiner Vorbehandler, soll heißen: Eine schicksalshafte Erkrankung gibt es nicht, irgendwas oder irgendwer ist immer schuld, nie und auf gar keinen Fall aber die alternativmedizinische Therapeutin oder das angewandte Verfahren. Gleich als erstes wird der Patient mal schnell als „austherapiert“ (eine typische pseudomedizinische Vokabel) tituliert. Dann ist man – wenn doch noch Selbstheilung unter Globuli-Gabe eintritt – auf jeden Fall der Held. Klappt das nicht, kann man die Schuld locker auf die verblendeten „Schulmediziner“ schieben, die den Karren angeblich in den Dreck gefahren haben. Und geht mal was so richtig in die Hose, hat man immer noch die Quacksalber-Vollkaskopolice „Erstverschlechterung“ in der Hinterhand.

-Viertens zieht man sich sehr elegant aus der Affäre, was die nervenzerfetzenden High-Risk-Bereiche der Medizin angeht. In der kuschligen Welt der Pseudomedizin gibt es keine Operationen oder internistischen Intensivbehandlungen, bei denen das Leben der Patienten auf Messers Schneide steht, wo dir als Arzt ständig der Tod über die Schulter schaut und auf den einen Fehler wartet.

-Fünftens und ganz wichtig: Man steht nicht mehr – wie in der Wissenschaft nun mal üblich – unter permanenter Beobachtung und in der Kritik der Peer Group, der Kolleginnen und Kollegen. In der wissenschaftlichen Medizin muss man sich ständig rechtfertigen, ob als Praktiker oder als Forscher, denn Fehlleistungen sind häufig durchaus beweisbar. In einem System jedoch, wo nichts, aber auch gar nichts beweisbar ist und sowieso jeder einfach sein Ding durchzieht, fällt dieser hässliche Druck komplett weg. Dass sich Homöopath:innen gern mal zum Zeitvertreib gegenseitig die Augen auskratzen, wenn ihre Ansichten ein, zwei Verdünnungsstufen auseinander liegen, ist im Vergleich zur ständigen Aufsicht durch die Peer Group ja eher Kindergarten.

-Sechstens kann man sich wunderbarerweise fest darauf verlassen, mit seiner Schwurbelei ausreichend Erfolge zu feiern, nämlich genau bei den ca. 80 Prozent der Patienten, die sowieso von selber wieder gesunden, selbst wenn man sie als alleinige Therapie mit frischen Pferdeäpfeln bewerfen würde. Das ist eine Tatsache, die offenbar sehr viele Menschen einfach nicht begreifen können. In jeder öffentlichen Diskussion über pseudomedizinische Verfahren wimmelt es von wissenschaftlich völlig irrelevanten Kommentaren im Sinne von „Mir bzw. meinem Tier hat das aber sehr geholfen, also wirkt es eben schon!“ und natürlich dem so berühmten wie denkfaulen „Wer heilt, hat recht!“. Alle Homöopathie-Fangirls und -boys schwadronieren zwar ständig vom Immunsystem, trauen ihm aber nicht das Geringste zu, solange es nicht mit Zuckerkügelchen bombardiert wird.

-Last but not least: In der Pseudomedizin kann man sich felsenfest auf eine blind gläubige Kundschaft verlassen. In den vielen Diskussionen zum Thema Homöopathie und anderer Schwurbelmethoden ist oft von „Glauben“ die Rede. Das ist durchaus nachvollziehbar. Hängt man einer Heilslehre an, die Prinzipien folgt, deren Gültigkeit weder jemals bewiesen wurde, noch nach den Gesetzen des bekannten Universums jemals bewiesen werden kann, muss Glaube dabei ja eine ganz entscheidende Rolle spielen. Deshalb handelt es sich bei der Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Pseudomedizin zumindest von Seiten der Schwurbel-Fans um einen Religionskrieg, was durch die geradezu tollwütig-dogmatische Art der Diskussionsführung trefflich belegt wird. Am Ende bleibt halt eines Fakt: Eine evidenzbasierte Therapie funktioniert völlig unabhängig von irgendeinem Glauben. Fängt sich jemand die Pest ein, was ja in großen Teilen der Welt durchaus immer noch passieren kann, bekommt er 10 Tage lang ein Antibiotikum. Ist dieses Antibiotikum richtig gewählt, wird es frühzeitig eingesetzt und korrekt eingenommen, funktioniert das – bei einer Krankheit, die in früheren Zeiten die Population eines ganzen Kontinents mal schnell halbieren konnte – zu über 90 Prozent. Keiner der Beteiligten, weder der Arzt, noch der Patient oder der Erreger muss dabei an irgendwas glauben. Behandelt man dagegen den Pestpatienten mit Globuli, wird er in mindestens der Hälfte der Fälle einfach unter großem Leiden sterben, völlig egal, an was er glaubt.

Man sieht: Der Gründe, aus der evidenzbasierten Medizin auf Nimmerwiedersehen zu desertieren, gibt es viele. Nun wird ja häufig so argumentiert, dass diese Deserteure für die wissenschaftliche Medizin kein echtes Problem darstellen würden. Das gern als „Blick über den Tellerrand“ bemäntelte und glorifizierte Verkriechen in ihr kleines Loch mag sie ja gut und gerne vor Burnout und anderen hässlichen Problemen bewahren, und sie würden sich schließlich um Kund:innen kümmern, die sonst keiner so richtig haben will. Diese Kund:innen wiederum seien bei einer Medizinerin/einem Mediziner, die/der sich auf Pseudomethoden verlegt hat, immer noch um Welten besser aufgehoben als bei irgendwelchen selbstermächtigten Laienbehandler:innen. Mit einem Tiermedizin-Studium in der Tasche hätte man (zumindest theoretisch!) immerhin das Rüstzeug, um zuverlässig einschätzen zu können, wann Schluss ist mit lustig und die echte Medizin wieder ran muss. Außerdem müsse man doch dieses fruchtbare Feld beackern, bevor es die (Tier-)Heilpraktiker:innen machen!

Diese angesichts der ad nauseam bewiesenen Wirkungslosigkeit und/oder sogar Schädlichkeit der Schwurbelverfahren medizinethisch höchst fragwürdige, wenn nicht gar abscheuliche Argumentation haben sich medizinische und tiermedizinische Institutionen und Organisationen leider über Jahrzehnte und teilweise bis heute zu eigen gemacht. Und DAS ist das eigentliche Problem! Stoße ich auf vereinzelte Kolleginnen und Kollegen, die Pseudomedizin anbieten, kann ich – wenn es nicht zu viele werden – noch die Schultern zucken, mir meine Gedanken machen und den Kontakt einfach vermeiden.

Wenn aber Landestierärztekammern weiterhin Zusatzbezeichnungen für beweisbar wirkungslose Methoden wie die Homöopathie in ihren Weiterbildungsordnungen stehen haben und wenn Presseorgane der organisierten Tierärzteschaft mit dem ungenierten Abdrucken entsprechender Schwurbel-Artikel der Quacksalberei eine Bühne zur Selbstbeweihräucherung bieten, dann ist das durchaus öffentlich sichtbar und fällt am Ende auf uns alle zurück. Das ist nicht nur meiner Meinung nach wirklich unerträglich, denn genau darauf berufen sich (fast schon verständlicherweise) die Fans der Pseudomedizin in jeder Diskussion: „Da gibt es doch eine ganz offizielle Zusatzbezeichnung! Und neulich ist im Deutschen Tierärzteblatt ein großer Artikel abgedruckt worden, der ganz klar bewiesen hat, dass Homöopathie eben doch wirkt und ein ganz wichtiger Beitrag zur Tiergesundheit ist!“

Ja, so ein Artikel mit dem Titel „Regulationsmedizin – Mehr als nur eine Alternative“ ist vor Jahren tatsächlich im Zentralorgan der deutschen Tierärzteschaft erschienen. Nur, dass er natürlich rein gar nichts bewiesen und ganz sicher keine wie auch immer gearteten Alternativen zu einem medizinisch begründeten Vorgehen aufgezeigt hat, sondern unter Anwendung rationaler, wissenschaftlicher Gesichtspunkte als dreiste Desinformation eingestuft werden musste. Über diese empörende Veröffentlichung in einem Printmedium, das bundesweit jeder Tierärztin und jedem Tierarzt als Zwangslektüre zugestellt wird, haben sich nicht wenige mir bekannte Kolleginnen und Kollegen beschwert. Sie bekamen daraufhin eine bemerkenswert absurde Antwort:

„Sehr geehrte(r) …, vielen Dank für Ihr Feedback zum genannten Artikel im Deutschen Tierärzteblatt. Mit den Zusatzbezeichnungen Akupunktur, Homöopathie und Biologische Tiermedizin ist die Regulationsmedizin in den Weiterbildungsordnungen aller 17 Landes-/Tierärztekammern enthalten. Laut Statistik der Deutschen Tierärzteschaft führten 2019 insgesamt 415 Tierärztinnen und Tierärzte in Deutschland diese Bezeichnungen. Solange die Möglichkeiten für diese fachlichen Spezialisierungen bestehen, hat diese Gruppe der Berufsausübenden auch das Recht, ihre Disziplin vorzustellen.“

Gerade mal 415 von über 40000 Tierärztinnen und Tierärzten in Deutschland! Rein zahlenmäßig eigentlich tatsächlich kein Problem, würden diese 415 nicht von der Bundestierärztekammer als Begründung dafür hergezogen, die anderen 99 Prozent zwangsweise und schambefreit mit so einem wissenschaftsfeindlichen und vorsätzlich desinformierenden Blödsinn zu traktieren! In der Humanmedizin haben inzwischen alle Landesärztekammern die Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ aus ihren Weiterbildungsordnungen entfernt, sprich: Die Humanmedizin macht sich endlich ehrlich! Daumen hoch! Unsere Landestierärztekammern ziehen inzwischen zwar teilweise nach, einige bestehen aber immer noch mit fest zusammengekniffenen Augen, den Zeigefingern in den Ohren und laut Lalala schreiend darauf, sich weiterhin zu Spießgesellen eines fortgesetzten Betrugs an vertrauensvoll unsere Praxen aufsuchenden Tierbesitzer:innen zu machen. Dass es durchaus einige oder gar viele Kund:innen gibt, die fest darauf bestehen, verschaukelt oder betrogen zu werden, ändert an der moralischen Verwerflichkeit dieses Verrats an der wissenschaftlichen Tiermedizin rein gar nichts!

Auf besonders hässliche Weise tat sich in diesem Zusammenhang auch die Österreichische Tierärztekammer hervor, indem sie Kolleginnen und Kollegen, die sich öffentlich gegen Quacksalberei und Pseudomedizin in der Tiermedizin äußerten, gar mit standesrechtlichen Konsequenzen bedrohte und sie damit zum Schweigen zu bringen versuchte. Die nassforsch-ignorante Haltung der Österreichischen Tierärztekammer zur Pseudomedizin ist sogar der „Initiative für Wissenschaftliche Medizin“ unangenehm aufgefallen, eine Tatsache, für die man sich als wissenschaftlich arbeitender Tierarzt durchaus fremdschämen sollte und darf!

Neben den Deserteuren in ihren Praxen und den Ignoranten in unseren Standesorganisationen gibt es leider noch eine dritte Art von Pseudomedizin-Anwender:innen unter uns, nämlich die Profiteure. Bei ihnen zeigt sich die Fr**ze der Quacksalberei in ihrer ganzen Hässlichkeit, denn sie verwenden Pseudomedizin als Umsatz- und Gewinngenerator, obwohl sie aufgrund ihrer Ausbildung ganz genau wissen, dass die jeweiligen Verfahren rein gar nichts bewirken. Sie faseln gern von „integrativer“, „ganzheitlicher“, „regulativer“ und „komplementärer“ Tiermedizin, in der offensichtlichen Absicht, dem schamlosen Abkassieren für völlig inhaltslose Heilsversprechen ein hübsches Mäntelchen umzuhängen. Sie können sich bei dieser amoralischen Masche der Zustimmung des schwurbelverliebten Teils der Kundschaft sicher sein, der immer gern „Zusammenarbeit“ und „Koexistenz“ zwischen Tiermedizin und Quacksalberei sehen würde, so nach dem Prinzip „the best of both worlds“. Eine Zusammenarbeit oder Kooperation kann es aber – wollen wir ehrlich bleiben – nicht geben. Bei Quacksalberei geht es immer auch um Leib und Leben der Patienten. Für die wissenschaftliche Medizin muss es also um strikte Distanzierung gehen, auf gar keinen Fall um einen wie auch immer gearteten Schulterschluss.

Eigentlich ist es ganz einfach: Wer auch immer ein auf zwangsläufig wissenschaftsfreien Spinnereien eines seit 178 Jahren toten Quacksalbers beruhendes, definitiv nicht wirksames „Heilverfahren“ und andere Schwurbeleien an vertrauensvollen Patienten anwendet oder diese Anwendung propagiert, unterstützt oder protegiert, hat entweder seinen wissenschaftlichen oder aber seinen moralischen Kompass verlegt!

Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert

© Ralph Rückert
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