06/06/2016
Stiftung Warentest - HUNDE-Trockenfutter Juni 2016
Nach nun knapp 16 Monaten hat die Stiftung sich mal wieder eine Tierfuttersorte (Hunde-Trockenfutter) vorgenommen und ausgiebig beprobt und getestet.
Auch dieser Test wird bei den Hundehaltern wieder eine riesige 'Fachdiskussion' vom Zaun brechen, da sich viele Herrchen und Frauchen mit der Thematik intensivst befasst haben und dementsprechend enttäuscht sein werden:
Ingesamt scheint man sich schon mal beim Institut nach dem Beinahe-Sh*tstorm des letzten Jahres zum Feuchtfutter wieder auf neutrale Berichterstattung zu konzentrieren. Zumal man sich dieses Mal auch jedwede Seitenhiebe gegen alternative Fütterungen wie BARF und Co. verkniffen hat.
Allerdings fallen mir als Tierarzt da doch ein paar Details auf, die ich gerne erwähnt bzw. klargestellt wissen möchte:
Als Berechnungsbasis wurde ein (deutscher!?!) Durchschnittshund gewählt, der 15kg wiegt und nur mäßig aktiv ist. Getestet wurde also ob jeweils ca. 200g als Tagesdosis den Bedarf an lebensnotwendigen Nährstoffen und Kalorien decken. DAS ist die Intention des Tests! Nicht die Qualität der verwendeten Rohstoffe, der Fleischanteil o.ä. - bitte beachten.
Der Testsieg geht ganz eindeutig an ein Billigprodukt aus dem Discounter, welches jedoch zum Testzeitpunkt nur noch als Restposten verfügbar war. Zufall?
Mit Platz 3 hat es ein PEDIGREE-Produkt wieder ganz weit nach vorn geschafft - mit 6 verschiedenen Eiweißquellen. In den getesteten Eigenprodukten von EDEKA und ALDI wurden sogar jeweils 12 (!!!) Eiweißquellen im Labor nachgewiesen: Rind + Schwein + Schaf + Ziege + Pferd + Esel + Kaninchen + Huhn + P**e + Gans + Ente + Fisch. Was für ein unnötiger Wahnsinn... Soll dies den Geschmack verbessern oder getreu dem Motto 'viel hilft viel' einem möglichen Mangel entgegenwirken? Von einem dadurch bedeutend erhöhten Allergenpotential ist jedenfalls nichts im Text oder den Bewertungen erwähnt!?!
Wie im letzten Jahr fehlt eine in allen Medien omnipräsente Marke komplett... Warum wird ROYAL CANIN nicht getestet? Ich will definitiv keine Werbung machen, aber an einem entsprechenden Testurteil wäre ich schon interessiert. Warum wurde denn schon wieder kein Produkt der 'Gigantenmarke' getestet? Komisch...
Wegen der anhaltenden Getreide-Diskusssion und der genetisch bewiesenen Verdaungsfähigkeit beim Hund (im Gegensatz zum Vorfahr Wolf) hat man den Test zweigeteilt:
Es wurden 18 getreidehaltige und 5 getreidefreie Futtermittel getestet.
Die Tagesrationspreise liegen mit Getreide zwischen 19 Cent (einer der Testsieger!) und 1,01€. Bei der 'Getreidefreien' variiert der Preis hingegen zwischen 1,04€ und 1,86€.
Dabei konnten, trotz des angegebenen 'frei von Getreide', in allen Sorten zumindest Spuren vom Getreide-Eiweiß Gluten nachgewiesen werden. Getreidefrei heißt hier also definitiv nicht glutenfrei!
Hinzu kam noch die Stärke aus Kartoffeln, die den Stärkegehalt der Getreidefreien mit dem der Getreidehaltigen vergleichbar macht.
Somit liegt eine deutliche Preissteigerung bei den vermeintlich aufwändiger produzierten Sorten vor, die sich aber in meinen Augen bei den nachgewiesenen Bestandteilen nicht lohnt - egal wie man zum Getreide-Allergie-Hype steht.
Eindeutig durchgefallen (Endnote: mangelhaft) sind im gesamten Test 'nur' 2 Produkte - beide aus dem 5er-Bereich der Getreidefreien. Beide hochpreisig; das Eine als einziges BIO-Produkt im Test und das Andere aus "Deutschlands ältester Futtermittelmanufaktur" (einem absoluten Traditionsbetrieb). Das BIO-Produkt wies einen zu hohen Jodgehalt auf; der absolute Testverlierer beinhaltete kaum nachweisbare Vitamine, dafür aber einen hohen Acrylamidwert (ein Schadstoff, der durch Erhitzung entsteht und im Verdacht steht Krebs zu erregen).
Was jedoch wieder wie letztes Jahr am meisten unangenehm auffällt ist die Empfehlung aufgrund der Bedarfsdeckung.
Ich kenne nicht einen einzigen Hundehalter, der seinem Hund einzig sein Trocken- und/oder Feuchtfutter ernährt. Jedes Herrchen/Frauchen gibt Leckerchen, Snacks, Kauartikel o.ä. - mal mehr mal weniger.
Daher hier erneut mein wertungsfreier Hinweis:
Es gibt einfach kein Rundum-Sorglos-Fertigfutter, welches jeden erwachsenen Hund aller Rassen vom Pinscher bis zum Wolfshund optimal ernährt! Unmöglich.
(...wenn doch, wäre es unbezahlbar)
Als Vergleich nutze ich gerne einen Autoreifentest: Kein Mensch würde ein spezielles Reifenmodell in einheitlichem Maß für alle Fahrzeuge (vom Smart bis zum Monster-Truck) empfehlen weil es einfach nicht funktionieren würde - bei Futtertests möchte man es aber anscheinend erzwingen...
Auch wenn dem Leser des Tests mit dem Ausdruck "Die besten Trockenfutter" suggeriert wird, dass die (sehr) gut getesteten Futtermittel uneingeschränkt empfehlenswert seien und man die Finger von den Verlierern lassen sollte, kann dies nur selten stimmen - ich kenne persönlich Hunde, die schon länger mit einem Produkt (Endnote: ausreichend!) gefüttert werden und sich bester Gesundheit und auch Blutwerte erfreuen.
Daher nochmal im Klartext:
Dieser Test zeigt definitiv nicht ob ein Futtermittel gut für jeden Hund ist sondern zeigt lediglich die labordiagnostischen Zusammensetzungen auf, die experimentell auf einen imaginären Durchschnittshund angewendet wurden.
So kann es durchaus sein, dass ein Hund mit einem schlecht bewerteten Produkt bedeutend besser klar kommt als beispielsweise mit dem (vermutlich schon vergriffenen!?!) Testsieger.
Man sollte immer auf sein Bauchgefühl hören. Also Hirn an lassen und generell skeptisch bleiben!
Kurze Anmerkung
Auch wenn ein Blutbild nur eine Momentaufnahme des Körpers darstellt und unter Umständen manche Parameter vom Organismus pseudo-stabil im Normbereich gehalten werden, stellt eine Blutuntersuchung in individuell regelmäßigen Abständen einer der besten Möglichkeiten dar um mögliche Erkrankungen bzw. Normabweichungen frühzeitig zu erkennen.
Tierarzt Sebastian Goßmann-Jonigkeit (aus Engelskirchen nahe Köln)