15/07/2026
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Echte Tierliebe bedeutet, Hunde so zu sehen, wie sie sind
Immer dann, wenn ein Kind durch einen Hund getötet wird, beginnt in den sozialen Medien die verabscheuenswürdige Opfer-Täter-Umkehr. War das Kind zu laut? Hat es den Hund bedrängt? Hat es ihm etwas weggenommen? War es unbeaufsichtigt?
Ganz ehrlich? Das spielt überhaupt keine Rolle. Wirklich nicht die Geringste. Auch nicht teilweise. Ein Hund darf niemals so etwas tun, ganz egal, was das Kleinkind seinerseits tut. Einfach nein. Und jede:r Mensch der anderer Meinung ist, ist mitverantwortlich für solche Dramen. Denn all diejenigen haben dem gesunden Menschenverstand wohl längst abgeschworen und Tierliebe hat eine sehr dumme und ungesunde Dimension erreicht.
Kinder verfügen weder über die kognitiven Fähigkeiten noch über das Wissen, Körpersprache von Hunden sicher zu lesen oder Gefahren zuverlässig einzuschätzen.
Deshalb liegt die Verantwortung immer bei den Erwachsenen. Nach allem, was bislang bekannt ist, ist hier etwas auf tragische Weise schiefgelaufen. Mir geht es dabei nicht darum, die Eltern zu verurteilen oder ihr Leid kleinzureden. Sie haben ihr Kind verloren, und dieser Schmerz ist unvorstellbar. Mitgefühl für die Familie und die klare Benennung von Verantwortung schliessen sich jedoch nicht aus. Gerade weil die Folgen so verheerend sind, müssen wir darüber sprechen, was hätte verhindert werden können.
Die genauen Umstände ändern für mich nichts am Kern der Sache: Ein Kind darf niemals in eine Situation geraten, in der ein Hund ihm tödliche Verletzungen zufügen kann. Wer einen Hund mit einem entsprechend hohen Schadenspotenzial hält, trägt eine besonders grosse Verantwortung. Diese Verantwortung bedeutet, Risiken realistisch einzuschätzen und den Hund so zu sichern und zu führen, dass genau solche Tragödien ausgeschlossen werden.
Und an diejenigen, die jetzt sagen: „Aber auch ein Yorkshire Terrier kann beissen“ – ja, selbstverständlich kann er das. Doch wer daraus ableitet, das Gefahrenpotenzial sei deshalb gleich, ignoriert grundlegende Unterschiede in Grösse, Kraft und Zuchtgeschichte. Es geht nicht darum, ob ein Hund beissen kann, sondern welches Schadenspotenzial er im Ernstfall besitzt.
Das eigentliche Problem sind Menschen, die diese Unterschiede leugnen.
Wenn genetisch verankerte Eigenschaften grundsätzlich abgestritten werden, wenn jeder Hund als unbeschriebenes Blatt dargestellt wird oder wenn behauptet wird, ausschliesslich die Erziehung entscheide über das Verhalten eines Hundes, entsteht ein gefährlicher Irrtum.
Ebenso problematisch ist die zunehmende Vermenschlichung von Hunden. Viele Halter interpretieren ihre Tiere durch eine menschliche Brille. Sie sprechen von Liebe, von "er freut sich" oder "das mag er", wo der Hund eigentlich etwas ganz anderes kommuniziert. Stresssignale werden übersehen, Distanzwünsche ignoriert und genetisch bedingte Verhaltensweisen romantisiert.
Wer Hunde nicht lesen kann, erkennt Warnsignale oft erst, wenn es zu spät ist.
Verantwortungsvolle Hundehaltung bedeutet deshalb nicht, jeden Hund für ungefährlich zu erklären und ihn als Kampfschmuser zu bezeichnen. Sie bedeutet, die individuellen Fähigkeiten und Grenzen eines Hundes anzuerkennen, seine genetischen Voraussetzungen ernst zu nehmen und sein Management konsequent daran auszurichten.
Wer Hunde mit hohem Schadenspotenzial züchtet oder vermehrt, trägt eine besondere Verantwortung. Wer solche Hunde ohne sorgfältige Auswahl, fundierte Aufklärung und ausreichende Sachkunde an beliebige Interessenten vermittelt, handelt fahrlässig und gemeingefährlich. Je grösser das mögliche Schadenspotenzial eines Hundes ist, desto höher müssen die Anforderungen an Zucht, Auswahl, Haltung und Ausbildung sein.
Echte Tierliebe bedeutet, Hunde so zu sehen, wie sie sind und nicht so, wie wir sie gerne hätten.
Gabriela Frei Gees, eDOGcation