Tommy Freundlich Horsemanship

Tommy Freundlich Horsemanship Pferdetraining mit Herz und Verstand
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Führen beginnt nicht am StrickFühren gehört zu den Dingen, von denen fast jeder Pferdemensch sagt: „Das kann mein Pferd....
02/09/2026

Führen beginnt nicht am Strick

Führen gehört zu den Dingen, von denen fast jeder Pferdemensch sagt: „Das kann mein Pferd.“

Der Strick kommt ans Halfter, der Mensch läuft los und das Pferd kommt irgendwie mit. Schaut man genauer hin, sieht es häufig anders aus: Der Mensch zieht vorne, das Pferd schlurft hinterher. Oder das Pferd bestimmt das Tempo und der Mensch versucht dranzubleiben. Beim Anhalten läuft es noch ein paar Meter weiter und in der Wendung wird der Kopf mit dem Strick um die Ecke gezogen.

Ja, beide sind von A nach B gekommen. Aber geführt wurde dabei nicht besonders viel.

Genau dieses „Irgendwie-von-A-nach-B-Kommen“ beobachte ich auf allen meinen Kursen. Dabei ist gutes Führen keine nebensächliche Übung. Es ist eine Grundvoraussetzung für nahezu alles, was später mit dem Pferd gemacht werden soll. Es gehört in die Grundschule des Pferdes – und genauso in die Grundschule des Menschen.

Wir sprechen über Seitengänge, Gymnastizierung, Verladen, Gelassenheitstraining und feine Hilfen. Gleichzeitig können Mensch und Pferd oft noch nicht gemeinsam losgehen, das Tempo verändern, eine klare Linie halten und ruhig wieder anhalten, ohne ständig am Strick zu korrigieren.

Das passt für mich nicht zusammen.

Wer auf einer geraden Linie keine klare Richtung vermitteln kann, wird in einer engen Wendung nicht plötzlich verständlicher. Und wer sein Pferd beim Anhalten am Halfter festhalten muss, wird auch bei schwierigeren Aufgaben Probleme mit einem feinen Timing bekommen.

Für mich beginnt gutes Führen deshalb nicht in der Hand und auch nicht am Strick. Es beginnt mit einer einfachen Frage: Weiß ich selbst eigentlich, wohin ich möchte?

Viele Menschen laufen los, ohne ihrem Körper eine klare Richtung zu geben. Sie schauen ständig zum Pferd, gehen mal nach links und dann wieder nach rechts, verändern unbewusst ihr Tempo und ziehen zwischendurch am Strick. Das Pferd soll daraus erkennen, was gemeint ist.

Kann es natürlich nicht immer.

Dann heißt es schnell, das Pferd sei respektlos oder unaufmerksam. Manchmal ist es aber auch nur einem Menschen gefolgt, der selbst noch keine klare Linie hatte.

Wenn ich ein Pferd führe, suche ich mir zunächst einen Punkt, zu dem ich gehen möchte. Dorthin richte ich meinen Blick und meinen Körper. Dann gehe ich los. Nicht hektisch und nicht drohend, aber mit einer eindeutigen Absicht.

Der Strick ist dabei eine Sicherung und eine Möglichkeit zur Verständigung. Er ist aber kein Lenkrad, an dem ich das Pferd durch die Gegend ziehe.

Natürlich darf ich ihn benutzen, wenn mein Pferd nicht reagiert oder meinen persönlichen Raum überläuft. Die Hilfe sollte jedoch kurz und verständlich sein. Sobald das Pferd reagiert, wird meine Hand wieder ruhig und der Strick darf locker werden. Auch hier gehört das Nachgeben zur Hilfe.

In meinen Kursen sehe ich außerdem viele Menschen, die ihr Pferd beim Führen ununterbrochen anschauen. Nach jedem zweiten Schritt drehen sie sich um und kontrollieren, ob es noch da ist. Meistens ist es noch da. Es ist schließlich ein Pferd und kein Schlüsselbund, den man unterwegs verloren haben könnte.

Durch das ständige Umdrehen verändert der Mensch seine Schulterachse und damit seine Richtung. Manche laufen dabei halb rückwärts und erwarten trotzdem, dass das Pferd geradeaus und mit vernünftigem Abstand folgt.

Mein Pferd soll auf meine Bewegungsrichtung achten. Dafür muss ich ihm aber auch eine erkennbare Richtung anbieten.

Mein Quicktipp: Suche dir auf dem Platz oder auf einem sicheren Weg zwei deutlich erkennbare Punkte aus. Stelle dich mit deinem Pferd an den ersten Punkt. Der Strick hängt locker durch und wird nicht um die Hand gewickelt. Richte deinen Blick und deinen Körper auf den zweiten Punkt und gehe bewusst los.

Versuche, nicht sofort mit der Hand zu ziehen. Erst bewegt sich dein Körper, dann darf dein Pferd folgen. Reagiert es nicht, kannst du über den Strick eine kurze Einladung geben. Sobald es losgeht, wird die Verbindung wieder weich.

Achte darauf, ob dein Pferd eine passende Position neben dir halten kann. Es soll dich weder mit der Schulter verdrängen noch weit hinter dir hängen. Welche genaue Position du bevorzugst, kann unterschiedlich sein. Entscheidend ist, dass sie sicher, eindeutig und ohne dauernde Korrekturen möglich ist.

Am zweiten Punkt hältst du nicht zuerst mit der Hand an. Atme aus, werde langsamer und stoppe deine eigenen Füße. Gib deinem Pferd einen Moment, darauf zu reagieren. Erst wenn es weiterläuft, unterstützt du das Anhalten kurz über den Strick. Bleibt es stehen, wird deine Hand sofort wieder weich.

Wiederhole die Strecke und verändere zwischendurch dein Tempo. Dein Pferd soll nicht gedankenlos hinter dir herlaufen, sondern auf deine Bewegung achten und sich daran orientieren.

Das ist keine spektakuläre Übung. Aber gerade an solchen einfachen Dingen zeigt sich, wie verständlich unsere Körpersprache wirklich ist.

Gutes Führen bedeutet nicht, dass das Pferd willenlos hinter dem Menschen herläuft. Es bedeutet, dass es aufmerksam bleibt, den persönlichen Raum respektiert und einer klaren Richtung folgen kann, ohne bei jedem Schritt am Kopf korrigiert zu werden.

Führen ist Grundschule. Und nur weil eine Aufgabe einfach aussieht, ist sie noch lange nicht unwichtig.

Führung entsteht nicht dadurch, dass ich stärker ziehe. Sie entsteht, wenn meine Richtung so klar wird, dass Ziehen immer seltener nötig ist.

Wie ist es bei euch: Folgt dein Pferd deiner Richtung – oder kommt ihr manchmal auch nur irgendwie gemeinsam von A nach B?

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Bodenarbeit im Sinne des Pferdes

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Wie viel Zeit geben wir einem Pferd für eine Antwort?Ich erlebe es auf fast jedem Kurs: Ein Mensch stellt seinem Pferd e...
01/09/2026

Wie viel Zeit geben wir einem Pferd für eine Antwort?

Ich erlebe es auf fast jedem Kurs: Ein Mensch stellt seinem Pferd eine Frage und noch bevor das Pferd überhaupt verstanden hat, worum es geht, wird die Hilfe wiederholt. Dann etwas deutlicher. Dann noch deutlicher. Und wenn immer noch nicht die gewünschte Reaktion kommt, heißt es schnell: „Es will nicht.“

Aber vielleicht wollte das Pferd sehr wohl.

Vielleicht brauchte es nur einen Moment, um die Frage zu verstehen, seinen Körper zu sortieren und eine passende Antwort zu finden. Oder die Hilfe kam in einem Augenblick, in dem das Pferd sie körperlich noch gar nicht umsetzen konnte.

Denn gutes Timing bedeutet nicht nur, eine Hilfe schnell oder deutlich zu geben. Es bedeutet vor allem, sie in dem Moment zu geben, in dem der Pferdekörper darauf reagieren kann.

Hier spielt die Biomechanik eine entscheidende Rolle.

Ein Pferd bewegt sich in einem ständigen Wechsel zwischen Belasten, Entlasten, Abfußen und Auffußen. Ein Bein, das gerade fest auf dem Boden steht und Gewicht trägt, kann nicht gleichzeitig leicht in eine andere Richtung gesetzt werden. Es muss zunächst entlastet werden. Erst dann kann das Pferd den Schritt ausführen, den wir von ihm erwarten.

Das lässt sich besonders gut bei der Bodenarbeit beobachten. Möchte ich beispielsweise die Hinterhand verschieben, muss das betreffende Hinterbein die Möglichkeit haben, sich zu lösen und in die neue Richtung zu treten. Gebe ich meine Hilfe genau in dem Moment, in dem dieses Bein stark belastet ist, kann das Pferd nicht sofort reagieren. Es braucht zumindest den nächsten passenden Schritt.

Viele Menschen warten diesen Schritt aber nicht ab. Sie verstärken ihre Hilfe, weil sie glauben, das Pferd ignoriere sie. Dabei haben sie lediglich in einem Moment gefragt, in dem die gewünschte Antwort biomechanisch noch nicht möglich war.

Das Pferd wird dann stärker gedrängt, obwohl es körperlich gerade gar nicht anders reagieren konnte.

Wir dürfen ein Pferd nicht für eine Antwort korrigieren, die wir ihm durch unser eigenes Timing beinahe unmöglich gemacht haben.

Auch unter dem Sattel ist das nicht anders. Eine Wendung, ein Seitwärtsschritt, ein Übergang oder eine Veränderung der Balance entsteht nicht unabhängig von der Bewegung des Pferdes. Der Pferdekörper muss sich vorbereiten, Gewicht verlagern, ein Bein entlasten und ein anderes übernehmen lassen.

Wenn ich gleichzeitig mit meiner Hand blockiere, mit meinem Sitz in eine andere Richtung schiebe und mit meinem Bein eine Bewegung verlange, bekommt das Pferd keine klare Frage. Es bekommt mehrere widersprüchliche Informationen.

Reagiert es darauf nicht sofort, sprechen wir trotzdem gern von Ungehorsam.

Dabei wäre die ehrlichere Frage häufig: Konnte mein Pferd meine Hilfe überhaupt verstehen und in diesem Moment körperlich umsetzen?

Wir Menschen sind oft schneller mit der nächsten Hilfe als das Pferd mit seinem Bewegungsablauf. Wir treiben nach, ziehen am Strick, verändern unsere Position oder erhöhen den Druck. Damit nehmen wir dem Pferd genau den Raum, den es zum Lernen braucht.

Nachdenken sieht bei einem Pferd zudem nicht immer spektakulär aus. Manchmal steht es einen kurzen Moment still. Ein Ohr bewegt sich. Der Blick verändert sich. Das Pferd atmet aus, verlagert sein Gewicht oder bereitet den nächsten Schritt vor.

Von außen wirkt es vielleicht, als passiere nichts. Im Pferd kann in diesem Augenblick aber sehr viel passieren.

Natürlich bedeutet Warten nicht, eine unklare Frage endlos stehen zu lassen. Und nicht jedes Zögern ist automatisch Nachdenken. Ein Pferd kann eine Aufgabe auch körperlich nicht bewältigen, Schmerzen haben, überfordert sein oder die Hilfe schlicht nicht verstanden haben.

Geduld allein ersetzt deshalb weder eine klare Hilfengebung noch Wissen über Bewegung und Biomechanik.

Aber bevor wir eine Hilfe verstärken, sollten wir prüfen, ob sie im richtigen Moment kam. Denn manchmal wartet das Pferd nicht deshalb, weil es nicht antworten möchte. Es wartet auf den Moment, in dem sein Körper antworten kann.

Zum guten Timing gehört außerdem nicht nur das Geben der Hilfe, sondern auch ihr Nachlassen.

Zeigt das Pferd den kleinsten Ansatz in die richtige Richtung, muss dieser Moment erkannt werden. Bleibt der Druck bestehen, obwohl das Pferd bereits versucht, richtig zu antworten, kann es nicht verstehen, welcher Teil seiner Reaktion gewünscht war.

Die Hilfe muss im richtigen Moment kommen, die Antwort muss Zeit bekommen und die Hilfe muss im richtigen Moment wieder verschwinden.

Das ist für mich gutes Timing.

Nicht schneller werden. Nicht stärker werden. Sondern genauer werden.

Die Pause ist dabei kein Loch im Training. Sie ist ein Teil der Kommunikation. Sie gibt dem Pferd die Möglichkeit, einen Zusammenhang zwischen unserer Frage, seiner Bewegung und dem Nachlassen der Hilfe herzustellen.

Ein Pferd, das immer sofort reagieren muss, lernt nicht automatisch besser. Es lernt möglicherweise nur, möglichst schnell irgendetwas zu tun, damit der Druck aufhört. Das ist etwas völlig anderes als echtes Verstehen.

Vielleicht sollten wir beim nächsten Zögern deshalb nicht sofort fragen:

„Warum verweigert mein Pferd?“

Sondern zunächst:

„Habe ich im richtigen Moment gefragt?“

„Konnte sein Körper meine Hilfe gerade umsetzen?“

„Habe ich ihm genügend Zeit für den nächsten passenden Schritt gegeben?“

Und:

„Habe ich seine kleinste richtige Antwort überhaupt erkannt?“

Gutes Timing bedeutet nicht, ein Pferd schnell zu machen. Es bedeutet, ihm im richtigen Moment eine faire Frage zu stellen.

Tommy Freundlich

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Reiten, Fair und Gesund

„Vertrauen beginnt dort, wo ein Pferd auch einmal falsch antworten darf, ohne dafür seinen Menschen fürchten zu müssen.“...
30/08/2026

„Vertrauen beginnt dort, wo ein Pferd auch einmal falsch antworten darf, ohne dafür seinen Menschen fürchten zu müssen.“

Tommy Freundlich

Bitte teilt dieses Zitat und lasst meine Lu nochmal durch die Pferdewelt gehen, denn sie stand wie keine andere mir als Lehrerin zur Seite um dieses denken, in die tiefe meiner Arbeit zu bringen.

Die Schultern bestimmen die WendungWenn ein Pferd in der Wendung nicht dorthin läuft, wo der Reiter hinmöchte, passiert ...
30/08/2026

Die Schultern bestimmen die Wendung

Wenn ein Pferd in der Wendung nicht dorthin läuft, wo der Reiter hinmöchte, passiert meistens etwas sehr Vorhersehbares: Der innere Zügel wird kürzer.

Das Pferd stellt daraufhin vielleicht den Kopf nach innen. Der Hals ist gebogen und für einen kurzen Moment sieht es sogar so aus, als hätte die Hilfe funktioniert. Nur die Schultern des Pferdes haben davon noch nichts mitbekommen. Die laufen weiter geradeaus oder fallen über die äußere Schulter weg.

Der Kopf ist dann schon um die Ecke, während der Rest des Pferdes noch überlegt, ob er überhaupt mitkommen möchte.

Eine Wendung entsteht aber nicht dadurch, dass wir den Kopf des Pferdes nach innen ziehen. Entscheidend ist, wohin sich seine Schultern bewegen. Der Hals darf sich stellen und biegen, aber die Schultern müssen der gewünschten Linie folgen können.

Dabei spielen auch meine eigenen Schultern eine wichtige Rolle. Wenn ich nach rechts reiten möchte, sollte mein Oberkörper ebenfalls eine leichte Orientierung nach rechts bekommen. Leicht bedeutet wirklich leicht. Ich verdrehe mich nicht im Sattel und schaue auch nicht übertrieben hinter mich. Meine Schultern richten sich einfach auf der Linie aus, die ich gleich reiten möchte.

In meinen Reitstunden sehe ich oft genau das Gegenteil: Der Blick geht zwar in die Wendung, aber der Oberkörper bleibt geradeaus gerichtet. Gleichzeitig zieht die innere Hand nach hinten oder sogar über den Hals. Damit blockiert der Reiter eine Schulter des Pferdes und wundert sich anschließend, warum die Wendung eckig, eng oder hektisch wird.

Auch die Hände sollten meinen Schultern folgen und als Paar vor meinem Körper bleiben. Die innere Hand zeigt nicht allein den Weg. Der äußere Zügel begrenzt die äußere Schulter, ohne sie festzuhalten. Er sagt gewissermaßen: „Hier geht es nicht weiter nach außen.“ Der innere Zügel kann eine leichte Stellung anfragen, darf aber nicht versuchen, das ganze Pferd um die Kurve zu ziehen.

Der innere Schenkel sorgt dafür, dass das Pferd in der Wendung nicht nach innen kippt und weiter vorwärts durch seinen Körper geht. Der äußere Schenkel unterstützt den Rahmen. Er sollte aber nicht dauerhaft drücken, als müsste er das Hinterteil des Pferdes mit Gewalt um die Ecke schieben.

So eine Wendung ist also kein Wettkampf zwischen Hand, Bein und Oberkörper. Alle Hilfen zeigen möglichst ruhig in dieselbe Richtung.

Mein Quicktipp für den nächsten Ritt: Stelle dir auf dem Reitplatz vier Hütchen zu einem großen Quadrat auf. Reite zunächst im Schritt gerade auf eine Ecke zu. Einige Schritte vorher richtest du deinen Blick auf die neue Linie. Dann lässt du deine Schultern dieser Linie leicht folgen. Deine Hände bleiben zusammen vor deinem Körper und bewegen sich mit deinen Schultern, ohne dass die innere Hand rückwärtszieht.

Reite die Ecke zunächst ruhig und eher groß. Achte darauf, ob beide Schultern deines Pferdes tatsächlich um die Wendung kommen. Wird der Hals stark nach innen gebogen, während das Pferd trotzdem nach außen driftet, hast du vermutlich zu viel am inneren Zügel gemacht und den Außenrahmen verloren.

Kippt dein Pferd nach innen, überprüfe zuerst dich selbst. Hast du dich ebenfalls nach innen gelegt? Ist deine innere Schulter abgesunken? Oder hast du so sehr in die Wendung geschaut, dass dein ganzer Oberkörper gleich mit umgefallen ist?

Der Reiter sollte die Wendung begleiten, aber er muss sie nicht mit vollem Körpereinsatz vormachen. Das Pferd braucht eine Orientierung und keinen Passagier, der sich schon einmal vorsorglich in die Kurve wirft.

Wenn eine Ecke nicht gelingt, mach sie beim nächsten Versuch größer. Eine kleinere Wendung ist nicht automatisch eine bessere Wendung. Sie zeigt häufig nur deutlicher, was auf der großen Linie schon nicht richtig funktioniert hat.

Du kannst diese Übung später im Trab wiederholen. Der Takt sollte dabei erhalten bleiben. Wird dein Pferd in der Wendung schneller, langsamer oder ungleichmäßig, war die Linie möglicherweise zu eng oder deine Hilfe zu plötzlich. Dann geh wieder einen Schritt zurück und sortiere zunächst die Richtung.

Für mich ist eine gute Wendung unspektakulär. Das Pferd bleibt im Takt, verliert nicht die Balance und muss weder über die innere Schulter kippen noch über die äußere Schulter ausweichen. Der Reiter führt die Bewegung mit seinem Körper und gibt mit den Zügeln einen Rahmen. Er zieht nicht vorne den Kopf herum und hofft, dass der Rest des Pferdes irgendwann folgt.

Achte beim nächsten Reiten deshalb weniger darauf, wohin die Nase deines Pferdes zeigt. Schau lieber, wohin seine Schultern laufen.

Denn dort, wo die Schultern hingehen, wird am Ende auch das Pferd ankommen.
Auf dem Foto ist es nicht ganz perfekt dargestellt, hier schiebt das Pferd noch leicht über die äussere Schulter und die Reiterin könnte mit der inneren Schulter noch etwas nach hinten nachgeben.

Wie ist es bei deinem Pferd: Kippt es in Wendungen eher nach innen oder fällt es über die äußere Schulter?

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Liebe Grüße
Euer Tommy Freundlich

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und ich werde euch nicht anschreiben!

Wann wird Konsequenz unfair?Konsequenz bedeutet, bei einer verständlichen Bitte zu bleiben, nicht den Druck so lange zu ...
30/08/2026

Wann wird Konsequenz unfair?

Konsequenz bedeutet, bei einer verständlichen Bitte zu bleiben, nicht den Druck so lange zu erhöhen, bis das Pferd aufgibt.

„Da musst du jetzt konsequent bleiben.“ Diesen Satz höre ich im Pferdetraining immer wieder. Meist dann, wenn ein Pferd nicht das tut, was der Mensch von ihm erwartet. Es bleibt stehen, weicht aus, wird schneller, hält sich fest oder verweigert eine Aufgabe.

Sehr schnell steht dann fest: Das Pferd will nicht.

Aber weiß es wirklich, was wir von ihm möchten? Kann es die Aufgabe körperlich überhaupt ausführen? Ist es konzentriert, oder längst angespannt und nur noch damit beschäftigt, mit der Situation fertigzuwerden?

Natürlich brauchen Pferde klare Grenzen. Sie brauchen Menschen, deren Verhalten verlässlich und berechenbar ist. Heute etwas zu erlauben, morgen dafür zu bestrafen und übermorgen darüber zu lachen, hat mit Fairness wenig zu tun. Ein Pferd kann sich nur orientieren, wenn unsere Signale und Reaktionen nachvollziehbar bleiben.

Doch genau hier wird Konsequenz häufig mit Härte verwechselt.

Konsequent zu sein heißt nicht, eine Übung um jeden Preis zu Ende zu bringen. Es heißt auch nicht, jede Reaktion des Pferdes als Diskussion um die Rangordnung zu betrachten. Und es bedeutet schon gar nicht, dass der Mensch automatisch recht hat, nur weil er die Aufgabe gestellt hat.

Manchmal sehe ich Pferde, die immer wieder mit derselben Hilfe konfrontiert werden. Reagieren sie nicht, wird die Hilfe stärker. Dann noch stärker. Irgendwann führen sie die Aufgabe aus – und der Mensch glaubt, sich erfolgreich durchgesetzt zu haben.

Aber was hat das Pferd in diesem Moment gelernt?

Hat es die Hilfe verstanden? Hat es eine gute Lösung gefunden? Oder hat es lediglich gelernt, dass der Druck erst aufhört, wenn es irgendwie reagiert?

Von außen kann beides gleich aussehen. Das Pferd weicht, hält an oder geht vorwärts. Innerlich kann jedoch ein großer Unterschied bestehen: Das eine Pferd hat verstanden und kann mitarbeiten. Das andere versucht nur, dem Druck zu entkommen.

Ein Pferd, das ruhig geworden ist, muss nicht automatisch entspannt sein. Es kann auch aufgehört haben, nach einer Lösung zu suchen. Funktionieren ist deshalb noch kein Beweis für Verständnis.

Unfair wird Konsequenz für mich dort, wo wir nicht mehr fragen, warum etwas nicht funktioniert. Wo wir das Verhalten des Pferdes nur noch als Ungehorsam bewerten. Wo unsere eigene Ungeduld wichtiger wird als seine körperlichen und mentalen Möglichkeiten.

Das bedeutet nicht, beim kleinsten Widerstand alles abzubrechen. Auch das wäre keine gute Ausbildung. Pferde dürfen lernen, eine Aufgabe auszuhalten, sich zu konzentrieren und nicht jeder Schwierigkeit auszuweichen. Aber es ist meine Verantwortung, die Aufgabe so zu stellen, dass mein Pferd eine faire Chance hat, sie zu verstehen und richtig zu beantworten.

Vielleicht muss ich meine Hilfe deutlicher geben. Vielleicht die Übung vereinfachen. Vielleicht einen Schritt zurückgehen oder an einer körperlichen Voraussetzung arbeiten. Und manchmal muss ich auch akzeptieren, dass heute nicht der richtige Tag für genau diese Aufgabe ist.

Das ist keine Inkonsequenz. Es ist gutes Training.

Ich muss nicht jede Auseinandersetzung gewinnen. Ich sollte mich vielmehr fragen, warum aus meiner Bitte überhaupt eine Auseinandersetzung geworden ist.

Für mich bedeutet Konsequenz: ruhig bleiben, verständlich bleiben und verlässlich bleiben. Nicht beleidigt werden, nicht persönlich nehmen und nicht härter werden, nur weil das Pferd eine andere Antwort gibt als die, die ich erwartet habe.

Denn faire Konsequenz gibt einem Pferd Orientierung. Unfaire Konsequenz nimmt ihm seine Stimme.

Wo liegt für euch die Grenze? Wann ist Konsequenz notwendig und wann wird aus Konsequenz nur noch ein schöneres Wort für Durchsetzen?

Euer Tommy Freundlich

Ist Gehorsam wirklich ein Ausbildungsziel?Ein Pferd, das sofort anhält, weicht, rückwärtsgeht und jede Hilfe ohne Diskus...
29/08/2026

Ist Gehorsam wirklich ein Ausbildungsziel?

Ein Pferd, das sofort anhält, weicht, rückwärtsgeht und jede Hilfe ohne Diskussion annimmt, gilt schnell als gut ausgebildet. Es macht, was man von ihm verlangt. Aber ist das schon Ausbildung, oder manchmal einfach nur Gehorsam?

Natürlich braucht es Regeln. Ein Pferd muss Grenzen kennen, und im Umgang mit einem so großen Tier ist Sicherheit nicht verhandelbar. Trotzdem wünsche ich mir kein Pferd, das nur deshalb funktioniert, weil es gelernt hat, dass Widerstand zwecklos ist.

Für mich zeigt sich gute Ausbildung nicht darin, dass ein Pferd alles widerspruchslos ausführt. Sie zeigt sich darin, dass es meine Hilfen versteht, körperlich dazu in der Lage ist und sich sicher genug fühlt, mitzuarbeiten.

Ein Pferd darf nachfragen. Es darf zögern. Und es darf uns durch sein Verhalten zeigen, dass gerade etwas nicht stimmt. Vielleicht war meine Hilfe unklar. Vielleicht ist die Aufgabe noch zu schwer. Vielleicht fehlt ihm die Kraft, oder es hat Schmerzen. Nicht jedes Nein ist Ungehorsam. Manchmal ist es eine ziemlich ehrliche Antwort.

Das bedeutet nicht, dass wir bei jeder kleinen Unstimmigkeit alles abbrechen. Ausbildung braucht Klarheit, Wiederholung und auch Verbindlichkeit. Aber Verbindlichkeit ist etwas anderes als Unterwerfung. Ich kann bei meiner Bitte bleiben, ohne lauter, härter oder ungerecht zu werden. Und manchmal muss ich eben auch bereit sein, meine Bitte zu verändern.

Ein Pferd, das aus Angst gehorcht, kann beeindruckend funktionieren. Ein Pferd, das verstanden hat und freiwillig mitarbeitet, fühlt sich anders an. Nicht immer perfekt, nicht immer sofort , aber ehrlich.

Ich möchte keine Pferde ausbilden, die aufgehört haben, eine eigene Meinung zu haben. Ich möchte Pferde, die mir zuhören, weil auch ich bereit bin, ihnen zuzuhören.

Wie seht ihr das: Ist Gehorsam für euch ein Ausbildungsziel , oder sollte gute Ausbildung auf Verständnis und Kooperation beruhen?

Euer Tommy Freundlich Horsemanship

Bitte denkt an meine Bücher die für euch bei Amazon erschienen sind

Wann wird Fürsorge zur Überfürsorge?Wir Pferdemenschen wollen, dass es unseren Pferden gut geht. Wir kaufen passende Aus...
28/08/2026

Wann wird Fürsorge zur Überfürsorge?

Wir Pferdemenschen wollen, dass es unseren Pferden gut geht. Wir kaufen passende Ausrüstung, achten auf Futter, Haltung und Bewegung, beobachten Veränderungen und holen Hilfe, wenn etwas nicht stimmt.

Das ist Verantwortung. Und die braucht ein Pferd, weil es viele Dinge in seinem Leben nicht selbst entscheiden kann.

Aber kann Fürsorge auch zu viel werden?

Ich glaube schon.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass manche Pferde heute besser überwacht werden als ein Hochsicherheitstrakt. Jeder Schritt wird kontrolliert, jedes Stolpern analysiert und jedes neue Haar fotografiert. Das Pferd hustet einmal und im Kopf des Besitzers läuft bereits eine komplette medizinische Dokumentation samt möglicher Langzeitfolgen.

Natürlich soll man Veränderungen ernst nehmen. Ein aufmerksamer Pferdebesitzer kennt sein Pferd und bemerkt häufig früh, wenn etwas nicht stimmt. Das kann entscheidend sein.

Aber Aufmerksamkeit und ständige Angst sind nicht dasselbe.

Wenn wir hinter jeder Bewegung sofort ein Problem vermuten, beobachten wir unser Pferd irgendwann nicht mehr aufmerksam, sondern regelrecht krank. Dann wird aus einem schlechten Tag gleich ein grundsätzliches Leiden, aus Muskelkater eine Katastrophe und aus einem kleinen Kratzer der Beweis, dass Herdenhaltung viel zu gefährlich ist.

Pferde dürfen sich bewegen, spielen, rennen und miteinander auseinandersetzen. Dabei können sie sich auch verletzen. Das gefällt uns nicht, gehört aber zu einem Pferdeleben dazu.

Meine leider bereits verstorbene Sue wurde bei einer Koppelzusammenführung einmal so heftig getreten, dass ihr Griffelbein gebrochen war. Natürlich war das schlimm. Sie musste behandelt werden, bekam die nötige Ruhe und Zeit, und wir haben über Monate alles dafür getan, dass die Verletzung vollständig ausheilen konnte.

Aber habe ich Sue danach für den Rest ihres Lebens allein gestellt?

Nein.

Als sie wieder gesund und belastbar war, kam sie zurück in dieselbe Gruppe. Nicht leichtfertig und nicht, weil mir ihre Sicherheit egal gewesen wäre. Ich habe genau hingeschaut und die Situation aufmerksam begleitet.

Sue stand danach noch viele Jahre in dieser Gruppe – ohne eine weitere solche Verletzung.

Der Vorfall hätte für mich ein Grund sein können, sie dauerhaft von anderen Pferden zu trennen. Es wäre vielleicht sogar leichter gewesen, meine eigene Angst damit zu beruhigen. Aber wäre das auch für Sue die bessere Entscheidung gewesen?

Ein Unfall kann passieren. So schwer es uns fällt, das zu akzeptieren. Wir dürfen darüber jedoch nicht den Blick verlieren – den Blick für das Pferd, für seine Bedürfnisse und für seine Freiheit.

Natürlich müssen Gruppen passend zusammengestellt und Zusammenführungen verantwortungsvoll gestaltet werden. Es braucht ausreichend Platz, Rückzugsmöglichkeiten, Futterstellen und eine aufmerksame Beobachtung. Aber eine völlig risikofreie Pferdehaltung gibt es nicht.

Wer jedes Risiko ausschließen möchte, schließt am Ende häufig auch Bewegung, Sozialkontakt und eigene Erfahrungen des Pferdes aus.

Dann steht das Pferd vielleicht sauber, gut verpackt und ohne Kratzer da – aber ist das automatisch ein gutes Leben?

Auch beim Training kann Überfürsorge eine Rolle spielen.

Das Pferd schaut in die Ecke, also führen wir es lieber vorbei. Es zögert an der Pfütze, also nehmen wir einen anderen Weg. Es wird kurz unsicher, und sofort beenden wir die Aufgabe, damit es keine schlechte Erfahrung macht.

Das ist gut gemeint. Aber wenn wir jedes Problem für unser Pferd lösen, nehmen wir ihm auch die Möglichkeit, selbst Lösungen zu finden und an einer Aufgabe zu wachsen.

Ein Pferd wird nicht selbstbewusster, weil niemals etwas Schwieriges passiert. Es wird selbstbewusster, wenn es eine Herausforderung in einem passenden Rahmen bewältigen kann und dabei erlebt, dass der Mensch ruhig und verlässlich bleibt.

Fürsorge bedeutet deshalb nicht, jede Unsicherheit zu vermeiden. Sie bedeutet, das Pferd nicht mit ihr allein zu lassen.

Ähnlich ist es bei Ausrüstung und Fütterung. Für jedes mögliche Problem gibt es inzwischen eine Decke, ein Ergänzungsfutter, einen Schutz, ein Pad oder ein Pulver. Manchmal sind diese Dinge sinnvoll und notwendig. Manchmal beruhigen sie aber hauptsächlich den Menschen.

Ein Zusatzfutter ersetzt keine passende Haltung. Eine neue Decke löst nicht jedes Problem. Und fünf verschiedene Schutzprodukte machen eine unpassende Trainingsbelastung nicht automatisch pferdegerecht.

Mehr ist nicht immer besser. Manchmal ist es einfach nur mehr.

Ich möchte damit weder gesundheitliche Probleme herunterspielen noch jemanden davon abhalten, fachliche Hilfe zu holen. Wenn ein Pferd Schmerzen zeigt, sich sein Verhalten verändert oder bestimmte Auffälligkeiten wiederholt auftreten, muss hingeschaut und gegebenenfalls untersucht werden.

Aber wir sollten lernen, zwischen einem echten Signal des Pferdes und unserer eigenen Angst zu unterscheiden.

Das ist nicht immer einfach. Gerade wer schon einmal ein Pferd durch Krankheit oder Verletzung verloren hat, weiß, wie schnell Sorge im Kopf wachsen kann. Man möchte nicht noch einmal etwas übersehen. Das kann ich sehr gut verstehen.

Trotzdem darf unsere Angst nicht das ganze Leben des Pferdes bestimmen.

Ein Pferd braucht Schutz, aber auch Freiheit. Es braucht klare Grenzen, aber ebenso eigene Erfahrungen. Es braucht Versorgung, ohne dass jede Minute seines Tages kontrolliert wird.

Fürsorge fragt: „Was braucht mein Pferd?“

Überfürsorge fragt häufig: „Was muss ich tun, damit ich selbst keine Angst mehr habe?“

Dieser Unterschied ist unbequem, aber wichtig.

Denn manchmal tun wir nicht immer mehr für unser Pferd, weil es tatsächlich mehr braucht. Wir tun es, weil Nichtstun schwer auszuhalten ist. Weil Beobachten weniger aktiv wirkt als Eingreifen. Und weil Vertrauen bedeutet, ein Stück Kontrolle abzugeben.

Für mich beginnt Überfürsorge dort, wo das Pferd kaum noch Pferd sein darf.

Wo es nicht mehr rennen darf, weil es stürzen könnte. Nicht mehr mit anderen Pferden spielen darf, weil es sich verletzen könnte. Nicht mehr ausprobieren darf, weil es scheitern könnte. Und nicht mehr körperlich gefordert werden darf, weil Anstrengung vorschnell mit Überforderung gleichgesetzt wird.

Ein gutes Pferdeleben besteht nicht darin, jedes Risiko auszuschließen. Es besteht darin, Risiken verantwortungsvoll abzuwägen, genau hinzuschauen und dem Pferd trotzdem ein möglichst echtes Leben zu ermöglichen.

Wie ist das bei euch? Könnt ihr eurem Pferd Freiraum geben oder fällt euch das Loslassen schwer? Habt ihr nach einer Verletzung schon einmal zwischen eurer eigenen Angst und den Bedürfnissen eures Pferdes entscheiden müssen?

Bitte teilt diesen Beitrag, denn ich finde ihn so wichtig🤠

Tommy Freundlich Horsemanship

Pferdewohl ist kein Gefühl – woran erkennen wir eigentlich gutes Reiten?Die Weltmeisterschaft in Aachen ist gerade zu En...
27/08/2026

Pferdewohl ist kein Gefühl – woran erkennen wir eigentlich gutes Reiten?

Die Weltmeisterschaft in Aachen ist gerade zu Ende gegangen. Wie nach fast jedem großen Reitsportereignis ist das Thema Pferdewohl in den sozialen Medien wieder in aller Munde.

Kurze Videos werden geteilt, Bilder vergrößert und ganze Ritte Bild für Bild analysiert. Die einen sehen großartigen Sport und fein ausgebildete Pferde. Die anderen erkennen Stress, Überforderung und Bilder, die sie nicht mehr sehen möchten.

Dazwischen wird diskutiert, verteidigt und angeklagt. Leider nicht immer sachlich.

Ich möchte weder einen ganzen Ritt aufgrund weniger Sekunden verurteilen noch alles mit dem Hinweis entschuldigen, Außenstehende hätten keine Ahnung. Ein einzelnes Foto kann einen falschen Eindruck vermitteln. Wiederkehrende Auffälligkeiten grundsätzlich als „ungünstigen Moment“ abzutun, ist aber genauso bequem.

Und wir sollten bei dieser Diskussion nicht nur auf den Spitzensport zeigen. Es ist leicht, einen Reiter im großen Stadion zu beurteilen. Unangenehmer ist die Frage, wie es auf unserem eigenen Reitplatz aussieht, wenn gerade keine Kamera läuft.

Fast jeder Reiter möchte sein Pferd fair behandeln. Davon bin ich überzeugt. Aber eine gute Absicht allein macht noch kein gutes Reiten.

Der Satz „Ich liebe mein Pferd“ sagt zunächst etwas über die Gefühle des Menschen aus. Ob sich das Pferd in der gemeinsamen Arbeit ebenfalls wohlfühlt, müssen wir am Pferd erkennen können.

Ein Pferd kann eine Aufgabe ausführen und trotzdem körperlich oder mental überfordert sein. Es kann stillhalten, weil es entspannt ist – oder weil es gelernt hat, dass Widerstand nichts verändert.

Funktionieren und Wohlbefinden sind nicht automatisch dasselbe.

Deshalb reicht es nicht, nur auf das Ergebnis zu schauen. Ein sauberer Übergang, eine gelungene Lektion oder eine gute Platzierung erzählen noch nicht, wie dieses Ergebnis entstanden ist.

Wir müssen das Pferd vor, während und nach dem Training betrachten.

Wie reagiert es beim Putzen, Satteln und Gurten? Weicht es aus? Verändert sich seine Mimik? Spannen sich Maul, Kinn oder Nüstern an? Legt es wiederholt die Ohren an?

Ein einzelnes Zeichen liefert noch keine sichere Antwort. Ein Schweifschlag kann tatsächlich einer Fliege gelten. Entscheidend sind Häufigkeit, Dauer, Situation und das Zusammenspiel mehrerer Signale.

Während des Reitens schaue ich nicht nur darauf, ob das Pferd die Aufgabe erfüllt. Ich achte auf Takt, Atmung, Muskelspannung, Bewegungsfluss und Gleichgewicht.

Kann der Rücken arbeiten oder wird er festgehalten? Bleibt das Maul ruhig? Kann das Pferd seine Kopf-Hals-Haltung innerhalb der Bewegung verändern oder wird sie mit der Hand festgeschrieben? Wird eine Übung leichter – oder wird das Pferd lediglich müder und fügsamer?

Auch die Qualität der Hilfen ist entscheidend. Kommt eine Hilfe klar und im richtigen Moment? Kann der Reiter sie aussetzen, sobald das Pferd antwortet? Oder bleibt der Druck bestehen?

Eine Hilfe, die niemals endet, kann vom Pferd kaum verstanden werden.

Dabei geht es nicht nur um die Hand. Ein klemmender Oberschenkel, ein festgehaltenes Becken oder ein schiefer Sitz können das Pferd ebenso stören. Wenn der Mensch nicht in seinem eigenen Gleichgewicht sitzt, muss das Pferd dieses Ungleichgewicht ständig mit ausgleichen.

Das bedeutet nicht, dass nur perfekte Reiter aufs Pferd dürfen. Dann wären die Reitplätze ziemlich leer. Es bedeutet aber, dass wir Verantwortung für unseren Körper und unsere Einwirkung übernehmen müssen.

Auch die Zeit nach dem Training gehört zur Beurteilung.

Wie schnell normalisieren sich Atmung und Muskeltonus? Kann das Pferd wieder zur Ruhe kommen? Wirkt es aufmerksam und zufrieden oder erschöpft und in sich zurückgezogen? Kommt es beim nächsten Mal wieder bereitwillig mit oder nimmt die Abwehr über Tage und Wochen zu?

Ein schlechter Tag kann vorkommen. Wiederholen sich bestimmte Auffälligkeiten, sollten wir sie nicht dauerhaft mit Charakter, Ungehorsam oder einer schwierigen Phase erklären. Überforderung, widersprüchliche Hilfen, unpassende Ausrüstung oder Schmerzen müssen dann ehrlich überprüft werden.

Natürlich darf Training anstrengend sein. Ein Pferd darf lernen, Muskulatur aufbauen und sich mit neuen Aufgaben beschäftigen. Pferdegerecht bedeutet nicht, dass wir nichts mehr verlangen dürfen.

Die Grenze liegt dort, wo wir Anstrengung mit Überforderung verwechseln und Widerstand grundsätzlich als Ungehorsam behandeln.

Gebisslos ist nicht automatisch fein. Ein Knotenhalfter ist nicht automatisch pferdegerecht. Bodenarbeit ist nicht grundsätzlich sanfter als Reiten. Und sportliches Reiten ist nicht automatisch schlecht.

Nicht das Etikett entscheidet.

Entscheidend ist, was der Mensch tut und was das Pferd dabei zeigt.

Genau mit diesen Fragen beschäftige ich mich auch in meinem bei Amazon veröffentlichten Buch „Reiten, Fair und Gesund“. Darin geht es nicht um eine Methode, die für jedes Pferd passen soll. Es geht um gesundes, faires und nachvollziehbares Reiten, um die Verantwortung des Menschen und um eine Ausbildung, die nicht nur Leistung fordert, sondern die körperliche und mentale Gesundheit des Pferdes erhält.

Pferdewohl darf kein Satz sein, den wir unter ein schönes Bild schreiben. Es muss sich im täglichen Umgang und in jeder Trainingseinheit zeigen.

Nicht nur darin, was das Pferd am Ende kann, sondern vor allem darin, wie es dorthin gekommen ist.

Darum sollten wir uns nach dem Reiten nicht nur fragen: „Hat es funktioniert?“

Sondern auch: War meine Hilfe verständlich? Konnte mein Pferd körperlich leisten, was ich verlangt habe? Habe ich seine Anspannung rechtzeitig erkannt? Und war es nach der Arbeit besser in seinem Körper – oder nur müder und gehorsamer?

Wie habt ihr die Diskussionen rund um die Weltmeisterschaft wahrgenommen? Woran erkennt ihr gutes Reiten? Und schaut ihr bei euren eigenen Ritten genauso kritisch hin wie bei den Bildern aus dem großen Stadion?

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