04/06/2026
Berührungen…
Oder: Wie ich mein Pferd ertaste.
Berührung ist bei Pferden so viel mehr als einfach nur Streicheln.
Unsere Pferde können an verschiedenen Körperstellen ganz unterschiedliche Intensitäten von Berührung wahrnehmen. Manche Bereiche sind besonders sensibel: die Flanken, das Maul, der Widerrist, der Ellbogen, die Ohren, die Augen oder auch die Innenseiten der Fesselgelenke. Einige Pferde mögen es dort überhaupt nicht, andere genießen genau diese Stellen sehr.
Und genau das ist es, was mich an Pferden immer wieder so fasziniert: Jedes Pferd ist anders. Jedes Pferd hat seine eigenen Wohlfühlzonen, seine eigenen Grenzen und seine eigene Art zu zeigen, was ihm guttut.
Pferde nutzen Berührung untereinander ganz bewusst. Sie liebkosen sich, kraulen sich, stupsen sich an, kratzen, knabbern oder berühren sich nur ganz sanft. Damit vertiefen sie soziale Bindungen, klären aber auch Rangordnung und Grenzen innerhalb der Herde.
Jeder von uns hat hoffentlich schon einmal gesehen, wie zwei Pferde sich gegenseitig an der Mähne oder am Widerrist kraulen. Oder dieses stille, zärtliche Nase-an-Nase-Berühren. Hach… ich könnte da jedes Mal einfach stehen bleiben und zuschauen. Es ist so leise, so ehrlich und so schön.
Und genau deshalb macht es mich auch traurig, wenn Pferde kaum oder gar keinen Kontakt zu Artgenossen haben. Gerade Pferde, die viel im Sport eingesetzt werden, stehen leider noch immer viel zu oft isoliert. Dabei sind Pferde hochsoziale Wesen. Ihnen diese Form von Nähe und Austausch zu nehmen, bedeutet auch, ihnen ein wichtiges Stück Pferdsein zu nehmen.
Unsere Pferde verfügen über eine sehr feine und differenzierte Berührungssprache. Von ganz zärtlich bis deutlich und rau. Was wir Menschen manchmal vorschnell als „bissig“, „frech“ oder „unerzogen“ abstempeln, ist nicht selten der Versuch des Pferdes, uns in seine sozialen Rituale einzubeziehen.
Beim Putzen zum Beispiel.
Viele Pferde möchten nicht einfach nur still angebunden dastehen, während wir Matsch und Staub aus dem Fell bürsten. Sie möchten Kontakt. Sie möchten antworten. Sie möchten vielleicht mit der Nase berühren, vorsichtig knabbern, sich mitteilen oder uns zeigen: „Da tut es gut“ oder „Bitte da nicht“.
Natürlich braucht es Grenzen. Ein Pferd darf uns nicht verletzen, nicht grob werden und wir müssen auf unsere eigene Sicherheit achten. Aber zwischen „alles verbieten“ und „alles erlauben“ liegt ein großer, wertvoller Raum: echtes Zuhören.
Ich sehe leider immer wieder, dass Menschen gar nicht wahrnehmen, wenn ihr Pferd versucht, sich mitzuteilen. Es stupst sanft mit der Nase, dreht den Kopf, zeigt eine Reaktion — und statt hinzuschauen, wird der Strick am Anbinder noch kürzer gemacht, damit es endlich stillsteht.
Dabei könnten wir gerade das tägliche Putzen so wunderbar nutzen, um Beziehung aufzubauen. Nicht nur, um das Fell sauber zu bekommen, weil unser Pony mal wieder ein ausgiebiges Schlammbad genommen hat. Sondern um unser Pferd wirklich zu fühlen.
Ich streiche mit meinen Händen über den Körper meines Pferdes und beobachte dabei das Ohrenspiel, die Augen, die Nüstern, die Muskulatur unter meinen Händen. Wird es weich? Atmet es tiefer? Senkt es den Kopf? Schließt es vielleicht sogar die Augen? Oder spannt es sich an, weicht aus, legt die Ohren an, schlägt mit dem Schweif?
All das sind Antworten.
Für mich ist Berührung ein Gespräch. Kein Übergriff. Kein „Ich will dich jetzt kuscheln, also hast du das zu mögen“. Sondern ein Dialog.
Ich möchte wissen: Wo magst du es? Wo brauchst du Abstand? Wo darf ich bleiben? Wo soll ich meine Finger lieber weglassen?
Viele Pferde lieben ein sanftes Kraulen am Widerrist, am Hals, an der Brust oder an der Schulter. Andere haben ganz andere Lieblingsstellen. Manche Pferde mögen Berührung im Gesicht, andere finden genau das viel zu nah. Manche lassen sich gern an den Ohren anfassen, andere sagen ganz klar: Nein, danke.
Und dieses Nein sollten wir respektieren.
Denn echte Nähe entsteht nicht dadurch, dass wir sie erzwingen. Sie entsteht dadurch, dass das Pferd freiwillig bleibt.
Es gibt für mich kaum etwas Schöneres, als ganz nah bei meinem Pferd zu sein. Mit meinem Gesicht an der weichen Nase entlangzustreifen, den warmen Atem aus den Nüstern zu spüren, diesen unverwechselbaren Pferdeduft einzuatmen. Den Kopf in meinen Händen zu halten und zu merken: Es vertraut mir.
Meine Pferde kommen inzwischen oft von allein und legen ihren Kopf in meine Hände. Manchmal schließen sie dabei die Augen. Und jedes Mal denke ich: Kann es etwas Schöneres geben?
Aber ich weiß auch: Das kann man nicht erzwingen.
Nicht jedes Pferd ist bereit, sich so berühren zu lassen. Manchmal dauert es Monate, manchmal Jahre. Manche Pferde tragen Erfahrungen mit sich, die wir nicht kennen. Manche haben gelernt, dass Menschenhände unangenehm sind. Andere sind einfach von Natur aus distanzierter.
Meine alte Dame Sue zum Beispiel hat es in den ersten 15 Jahren ihres Lebens gehasst, von anderen angefasst zu werden. Auch in der Herde erlaubte sie nur wenigen Pferden, ihr wirklich nahe zu kommen. Sie war Leitstute — und sie fand, dass sie ziemlich unantastbar war. Das zeigte sie Pferden genauso wie Menschen.
Beim Putzen hat sie es eher erduldet, als es zu genießen.
Und irgendwann hat sich etwas verändert.
Nicht, weil man sie gedrängt hat. Nicht, weil man sie „überredet“ hat. Sondern weil sie Zeit bekam. Weil ihre Grenzen gesehen wurden. Weil sie lernen durfte, dass Berührung auch angenehm, ruhig und sicher sein kann.
Später hat sie es genossen. So richtig.
Und genau solche Entwicklungen berühren mich tief.
Wenn ich mit neuen Pferden arbeite, versuche ich immer zuerst herauszufinden, wo ihre Wohlfühlzonen liegen. Diese Stellen nutze ich dann auch gern als Belohnung. Nicht jedes Pferd braucht sofort ein Leckerli. Manchmal ist ein Kraulen an der richtigen Stelle viel wertvoller.
Wir können mit unserer Berührung Emotionen übermitteln. Ruhe. Sicherheit. Zuneigung. Respekt. Aber auch Unsicherheit, Hektik oder Druck. Pferde spüren das. Viel feiner, als wir manchmal glauben.
Und dann ist da noch die Nase.
Die Nase des Pferdes ist wie ein kleines Wunderwerk. Mit den Tasthaaren, dem Geruchssinn und dem feinen Wahrnehmen von Nähe erkunden Pferde ihre Welt. Sie riechen, fühlen, schmecken und speichern Eindrücke ab. Deshalb finde ich es so wichtig, dass Pferde auch an uns riechen dürfen. Dass sie uns erkunden dürfen. Natürlich immer mit sicheren Grenzen, aber ohne ihnen ständig jede Form von Kontakt zu verbieten.
Ein alter Horseman sagte einmal zu mir:
„Geh zu einem Pferd, nimm seinen Kopf in deine Hände, berühre sanft seine Tasthaare und atme ruhig in Richtung seiner Nüstern. Du wirst sehen, es wird dich wiedererkennen.“
Ich mache das bis heute. Vielleicht bilde ich mir ein, dass es funktioniert. Vielleicht ist aber genau das der Zauber: diese stille, nahe, respektvolle Begegnung.
Wir sehen es doch auch auf der Weide. Wenn wir unser Pferd zu seinen Kumpels bringen, laufen sie oft erst einmal zueinander, näseln, riechen, prüfen: Wer bist du heute? Ist alles in Ordnung? Bist du noch mein Freund?
Das zeigt uns, wie wichtig Berührung, Geruch und Nähe für Pferde sind.
Ich glaube, wir Menschen dürfen da noch viel lernen. Weniger festhalten. Weniger bestimmen. Weniger erwarten. Dafür mehr fühlen, mehr beobachten, mehr fragen.
Das tägliche Putzen kann so viel mehr sein als Pflege. Es kann ein Gespräch sein. Eine Einladung. Ein Moment von Verbindung.
Physical Touch bei Pferden bedeutet für mich nicht, ein Pferd nach menschlichen Bedürfnissen zu bekuscheln. Es bedeutet, mich auf seine Sprache einzulassen. Es bedeutet, mein Pferd als fühlendes, soziales Wesen wahrzunehmen. Mit Vorlieben, Grenzen, Erinnerungen und Bedürfnissen.
Und manchmal ist die schönste Berührung genau die, bei der das Pferd freiwillig bleibt.
Ich könnte über dieses Thema wahrscheinlich ein ganzes Buch schreiben. Mir fallen jeden Tag neue Momente ein, in denen Nähe, Berührung und Vertrauen mit unseren sensiblen Vierbeinern eine Rolle spielen.
Und ich glaube, viele von euch wissen genau, was ich meine.
Denn wer das nicht erlebt, wer dieses stille Geschenk von freiwilliger Nähe nicht kennt, der ist vielleicht kein Pferdemensch — sondern nur ein Mensch mit Pferd.
Euer Tommy
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Und denkt bitte auch an meiner Bücher, die ganz viele solcher und auch andere Themen behandeln.
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