02/09/2026
Führen beginnt nicht am Strick
Führen gehört zu den Dingen, von denen fast jeder Pferdemensch sagt: „Das kann mein Pferd.“
Der Strick kommt ans Halfter, der Mensch läuft los und das Pferd kommt irgendwie mit. Schaut man genauer hin, sieht es häufig anders aus: Der Mensch zieht vorne, das Pferd schlurft hinterher. Oder das Pferd bestimmt das Tempo und der Mensch versucht dranzubleiben. Beim Anhalten läuft es noch ein paar Meter weiter und in der Wendung wird der Kopf mit dem Strick um die Ecke gezogen.
Ja, beide sind von A nach B gekommen. Aber geführt wurde dabei nicht besonders viel.
Genau dieses „Irgendwie-von-A-nach-B-Kommen“ beobachte ich auf allen meinen Kursen. Dabei ist gutes Führen keine nebensächliche Übung. Es ist eine Grundvoraussetzung für nahezu alles, was später mit dem Pferd gemacht werden soll. Es gehört in die Grundschule des Pferdes – und genauso in die Grundschule des Menschen.
Wir sprechen über Seitengänge, Gymnastizierung, Verladen, Gelassenheitstraining und feine Hilfen. Gleichzeitig können Mensch und Pferd oft noch nicht gemeinsam losgehen, das Tempo verändern, eine klare Linie halten und ruhig wieder anhalten, ohne ständig am Strick zu korrigieren.
Das passt für mich nicht zusammen.
Wer auf einer geraden Linie keine klare Richtung vermitteln kann, wird in einer engen Wendung nicht plötzlich verständlicher. Und wer sein Pferd beim Anhalten am Halfter festhalten muss, wird auch bei schwierigeren Aufgaben Probleme mit einem feinen Timing bekommen.
Für mich beginnt gutes Führen deshalb nicht in der Hand und auch nicht am Strick. Es beginnt mit einer einfachen Frage: Weiß ich selbst eigentlich, wohin ich möchte?
Viele Menschen laufen los, ohne ihrem Körper eine klare Richtung zu geben. Sie schauen ständig zum Pferd, gehen mal nach links und dann wieder nach rechts, verändern unbewusst ihr Tempo und ziehen zwischendurch am Strick. Das Pferd soll daraus erkennen, was gemeint ist.
Kann es natürlich nicht immer.
Dann heißt es schnell, das Pferd sei respektlos oder unaufmerksam. Manchmal ist es aber auch nur einem Menschen gefolgt, der selbst noch keine klare Linie hatte.
Wenn ich ein Pferd führe, suche ich mir zunächst einen Punkt, zu dem ich gehen möchte. Dorthin richte ich meinen Blick und meinen Körper. Dann gehe ich los. Nicht hektisch und nicht drohend, aber mit einer eindeutigen Absicht.
Der Strick ist dabei eine Sicherung und eine Möglichkeit zur Verständigung. Er ist aber kein Lenkrad, an dem ich das Pferd durch die Gegend ziehe.
Natürlich darf ich ihn benutzen, wenn mein Pferd nicht reagiert oder meinen persönlichen Raum überläuft. Die Hilfe sollte jedoch kurz und verständlich sein. Sobald das Pferd reagiert, wird meine Hand wieder ruhig und der Strick darf locker werden. Auch hier gehört das Nachgeben zur Hilfe.
In meinen Kursen sehe ich außerdem viele Menschen, die ihr Pferd beim Führen ununterbrochen anschauen. Nach jedem zweiten Schritt drehen sie sich um und kontrollieren, ob es noch da ist. Meistens ist es noch da. Es ist schließlich ein Pferd und kein Schlüsselbund, den man unterwegs verloren haben könnte.
Durch das ständige Umdrehen verändert der Mensch seine Schulterachse und damit seine Richtung. Manche laufen dabei halb rückwärts und erwarten trotzdem, dass das Pferd geradeaus und mit vernünftigem Abstand folgt.
Mein Pferd soll auf meine Bewegungsrichtung achten. Dafür muss ich ihm aber auch eine erkennbare Richtung anbieten.
Mein Quicktipp: Suche dir auf dem Platz oder auf einem sicheren Weg zwei deutlich erkennbare Punkte aus. Stelle dich mit deinem Pferd an den ersten Punkt. Der Strick hängt locker durch und wird nicht um die Hand gewickelt. Richte deinen Blick und deinen Körper auf den zweiten Punkt und gehe bewusst los.
Versuche, nicht sofort mit der Hand zu ziehen. Erst bewegt sich dein Körper, dann darf dein Pferd folgen. Reagiert es nicht, kannst du über den Strick eine kurze Einladung geben. Sobald es losgeht, wird die Verbindung wieder weich.
Achte darauf, ob dein Pferd eine passende Position neben dir halten kann. Es soll dich weder mit der Schulter verdrängen noch weit hinter dir hängen. Welche genaue Position du bevorzugst, kann unterschiedlich sein. Entscheidend ist, dass sie sicher, eindeutig und ohne dauernde Korrekturen möglich ist.
Am zweiten Punkt hältst du nicht zuerst mit der Hand an. Atme aus, werde langsamer und stoppe deine eigenen Füße. Gib deinem Pferd einen Moment, darauf zu reagieren. Erst wenn es weiterläuft, unterstützt du das Anhalten kurz über den Strick. Bleibt es stehen, wird deine Hand sofort wieder weich.
Wiederhole die Strecke und verändere zwischendurch dein Tempo. Dein Pferd soll nicht gedankenlos hinter dir herlaufen, sondern auf deine Bewegung achten und sich daran orientieren.
Das ist keine spektakuläre Übung. Aber gerade an solchen einfachen Dingen zeigt sich, wie verständlich unsere Körpersprache wirklich ist.
Gutes Führen bedeutet nicht, dass das Pferd willenlos hinter dem Menschen herläuft. Es bedeutet, dass es aufmerksam bleibt, den persönlichen Raum respektiert und einer klaren Richtung folgen kann, ohne bei jedem Schritt am Kopf korrigiert zu werden.
Führen ist Grundschule. Und nur weil eine Aufgabe einfach aussieht, ist sie noch lange nicht unwichtig.
Führung entsteht nicht dadurch, dass ich stärker ziehe. Sie entsteht, wenn meine Richtung so klar wird, dass Ziehen immer seltener nötig ist.
Wie ist es bei euch: Folgt dein Pferd deiner Richtung – oder kommt ihr manchmal auch nur irgendwie gemeinsam von A nach B?
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