19/02/2026
Die Sache mit den zwei Gehirnhälften
Wenn ich Pferde trainiere, erinnere ich mich immer wieder an eine Sache: Ein Pferd ist kein kleines Sportgerät mit WLAN, das man einfach neu starten kann, wenn’s spinnt. Das Pferd ist eher so ein sehr sensibles Sicherheits-System auf vier Beinen und sein Gehirn ist dabei der Chef vom Dienst. Praktisch ist, dass auch das Pferdegehirn wie unseres in zwei Hälften aufgeteilt ist: eine linke und eine rechte Gehirnhälfte. Die arbeiten zwar zusammen, aber sie haben unterschiedliche Lieblingsaufgaben. Und wenn man das einmal verstanden hat, erklären sich viele Klassiker aus dem Alltag: „Auf der linken Hand läuft er wie ein Profi, auf der rechten Hand tut er so, als wär er noch nie ein Pferd gewesen.“
Die rechte Gehirnhälfte ist beim Pferd quasi die Abteilung „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“. Da sitzen Emotionen, Reflexe und das komplette Überlebensprogramm. Die rechte Seite denkt nicht lange nach, sie macht eher: *ZACK!* Reiz bewertet. Neu? Unklar? Plötzlich? Dann geht’s schnell in den Alarmmodus. Typisch ist dann: Kopf hoch, Körper wird fest, Atmung schneller, Augen groß wie Untertassen – und das Pferd wirkt auf einmal, als hätte es gerade eine Eilmeldung bekommen: „Achtung, irgendwo könnte ein Tiger im Gebüsch wohnen!“ (Auch wenn es in Wirklichkeit nur ein sehr böses… Plastikband ist.) In diesem Zustand bringt es meist wenig, mit Druck oder Ärger zu arbeiten, weil das Pferd nicht „absichtlich frech“ ist. Es ist einfach im Sicherheitsprogramm. Und da gibt’s keine Diskussion, da gibt’s nur: „Ich muss hier lebend raus.“
Die linke Gehirnhälfte ist dagegen eher der Bereich „Alles klar, wir können arbeiten“. Hier laufen Routine, Wiederholung, Lernen und so ein bisschen das pferdige „Ich hab’s verstanden“. Wenn das Pferd sich sicher fühlt, schaltet es eher in diesen Arbeitsmodus. Dann sieht man plötzlich ein anderes Tier: mehr Gelassenheit, mehr Aufmerksamkeit für den Menschen, feinere Reaktionen auf Hilfen und ganz wichtig: Es kann sich Dinge merken. Pferde lernen nämlich besonders gut, wenn sie emotional stabil sind. Also nicht, wenn sie gerade innerlich schon den Koffer packen, weil sie gleich auswandern wollen.
Und jetzt kommt der Teil, den wirklich viele kennen: Pferde sind manchmal auf einer Seite „anders“. Das liegt nicht daran, dass sie heimlich einseitig frech sein wollen (auch wenn’s sich gelegentlich so anfühlt), sondern oft daran, wie sie Reize über Auge und Körperseite aufnehmen und verarbeiten. Ein Pferd kann ein Objekt von links völlig okay finden und von rechts plötzlich so tun, als hätte man ihm einen Drachen hingestellt. Oder beim Verladen eine klare Lieblingsseite haben. Das ist meistens keine Sturheit, sondern eine Mischung aus Wahrnehmung, Erfahrung und emotionaler Bewertung, also: „Ich hab das schon mal komisch gefunden, also finde ich’s jetzt wieder komisch.“
Was heißt das fürs Training? Für mich ganz simpel: Ich trainiere nicht nur Lektionen, ich trainiere erstmal den Zustand. Wenn das Pferd über der Schwelle ist (Alarmmodus), dann geht’s nicht um „jetzt aber durchsetzen“, sondern um: Ruhe reinbringen, Orientierung geben, Aufgabe vereinfachen. Sicherheit vor Leistung. Kleine Schritte, die wiederholbar sind, helfen dem Pferd, aus „Fluchtmodus“ zurück in „Lernmodus“ zu kommen. Und Pausen sind dabei kein Luxus, sondern die Zeit, in der das Pferd das Ganze wirklich abspeichert. Man könnte auch sagen: Pause ist nicht Faulenzen, Pause ist Gehirn-Download.
Unterm Strich hilft mir das Bild von den zwei Gehirnhälften total: Die rechte Seite steht stärker für Emotion und Überleben, die linke stärker für Routine und Lernen. Ein Pferd kann je nach Situation zwischen beiden Zuständen wechseln, manchmal schneller, als wir „Innenstellung“ sagen können. Und gutes Training bedeutet für mich nicht nur Technik, sondern vor allem, dem Pferd so viel Sicherheit und Klarheit zu geben, dass es überhaupt in den Modus kommt, in dem Lernen möglich ist.
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