25/08/2026
Das Glück, wenn man es fühlt, dass der Hund angekommen ist
(für alle Hundebesitzer, die sich einen erwachsenen Hund aus dem Tierschutz holen)
Vor einem Jahr zog Duke bei mir ein.
Ein 6jähriger Dobermann der aus einer Beschlagnahmung kam. Abgemagert, nichts als einen Hinterhof kennengelernt, viele Narben am Kopf und Körper – alles in Allem, eine eher miese Vergangenheit.
Duke ist nicht mein erster Tierschutz Hund, aber er hat eine große Veränderung hinter sich.
Als Duke und ich uns das erste Mal im Zwinger gesehen haben, hat er mich angeknurrt – aus völliger Verunsicherung.
Prallten auf einmal so viele Eindrücke auf ihn ein – 6Jahre nichts und dann wird innerhalb von wenigen Wochen sein komplettes Leben auf links gedreht. Und das mit 6 – das sind für einen Dobermann mal gar nicht so wenig Jahre
Es gab keine Strukturen in seinem Leben, die auch nur im Ansatz mit einem familiären Leben vergleichbar waren.
Er durfte – naja – musste alles lernen.
Das waren alle möglichen Reize des Alltags im Haus – und noch viel mehr, die der Umwelt draußen.
Er lag lieber freiwillig am blanken Boden, als auf einem Hundebett, Treppen waren seine große Challenge. Überhaupt alles was mit Koordination zu tun hat.
Er kannte weder Katzen (jetzt lebt er mit einer zusammen) noch Hunde die keine Dobermänner waren (jetzt lebt er mit 3 anderen zusammen und hat viele Hundefreunde egal welche Rasse oder Größe). Es gab viele schwierige Situationen, ein erwachsener Hund trifft auf ein neues Leben.
Nun liegt 1 Jahr hinter uns und warum schreibe ich das jetzt.
Gestern war ich mit ihm auf einem Weg Gassi, der ihm alles abverlangt hat – also aus Dukes Sicht.
Sehr wackelige Untergründe, schmale Stege, viele Begegnungreize u.v.m.
Er hat kein einziges Mal gezögert, er ist mitgegangen – manchmal unsicher, aber – voller Vertrauen mir gegenüber.
Abends als ich dann mit ihm auf dem Sofa lag (ja, das mit dem harten Untergrund hat sich geändert 😉)hat er seinen Kopf zu mir gelegt und ich habe es tief gespürt.
Er ist angekommen, er hat sich mir völlig anvertraut - frei nach dem Motto: Frauchen, wenn Du sagst, ich schaffe das - dann geh ich mit und werde es schaffen.
Natürlich waren bisher schon öfters Situationen, in denen er mir gezeigt hat, dass er mir die Verantwortung übergibt.
Sich auf mich verlässt.
So etwas erfordert viel Mut von einem Hund.
Vertrauen kommt nicht nur davon, weil wir als Menschen jetzt wissen, dass das unser neuer Hund ist.
Jeder der schon einmal in einer Beziehung oder Freundschaft verletzt wurde, weiß, wie schwer es ist, Vertrauen wieder aufzubauen.
Und es geht leider nicht alles nur mit Liebe, Streicheln und Futter sondern mit viel Arbeit an der Beziehung.
Von beiden Seiten – die Bereitschaft sich darauf einzulassen und – mit enormer Vorleistung von uns Menschen.
Ob Duke bereits der perfekte erzogene und ausgebildete Hund ist – nein, da dürfen wir noch viel Lernen.
Aber das Wichtigste ist geschafft – Vertrauen.
Viele Hundehalter die sich einen Hund aus dem Tierschutz holen, denken, das geht alles fix – nein, das tut es gerade bei erwachsenen leider nicht.
Welche Phasen gibt es?
1. Ankommen – „Ich weiß noch gar nicht, was hier passiert“
Erste Tage bis etwa 2–3 Wochen
Der Hund ist häufig noch stark mit der neuen Situation beschäftigt. Manche Hunde wirken erstaunlich ruhig und unkompliziert – das wird schnell als „der ist ja schon angekommen“ interpretiert. Tatsächlich können sie aber noch sehr gehemmt sein.
Typisch sind z. B. viel Schlaf, vorsichtiges Erkunden, starke Orientierung am Menschen oder auch Rückzug, wenig Spiel und ein scheinbar problemloses Mitlaufen. Andere Hunde zeigen dagegen von Anfang an Unruhe, Stress, schlechten Schlaf oder Schwierigkeiten beim Alleinbleiben.
Wichtig: Noch wenig, aber bewusst Dinge verlangen. Sicherheit, Ruhe, vorhersehbare Abläufe sind erstmal wichtig für diese Zeit.
Aber – auch schon Regeln aufstellen, sie geben Sicherheit, denn der Hund beobachtet ganz genau, wie Ihr Euch verhaltet
2. Auftauen – „Okay, ich glaube, ich bleibe hier“
Oft nach einigen Wochen
Jetzt wird der Hund zunehmend aktiver und beginnt, seine tatsächlichen Verhaltensweisen zu zeigen. Und genau hier denken manche Halter: „Jetzt wird er plötzlich schwierig.“
Das muss aber keine Verschlechterung sein. Häufig traut sich der Hund schlicht mehr. Oder, das muss man ehrlich sagen, der Hund hat Euch bisher genau gescannt, er hat sich einen ersten Eindruck von Euch gemacht und eingeordnet, wie viel Orientierung und Sicherheit Ihr ihm geben könnt. Und was er sich bei Euch trauen darf oder nicht.
Jetzt können Themen sichtbar werden, die vorher kaum erkennbar waren: Ressourcenverteidigung, Jagdverhalten, Unsicherheiten, territoriales Verhalten, Leinenreaktionen, Schwierigkeiten mit Besuchern oder Frust. Gleichzeitig entstehen mehr Spielverhalten, Neugier, Kontaktaufnahme
3. Beziehung und Alltag – „So funktioniert unser gemeinsames Leben“
Über mehrere Monate
Der Hund versteht zunehmend, welche Menschen zu ihm gehören, wie der Tagesablauf aussieht und was von ihm erwartet wird. Routinen geben Sicherheit und die Kommunikation zwischen Mensch und Hund wird verlässlicher.
Jetzt lässt sich auch wesentlich besser einschätzen, wer dieser Hund tatsächlich ist – was Persönlichkeit ist, was er gelernt hat und wo Unsicherheit oder schlechte Erfahrungen eine Rolle spielen.
Auch bei Duke weiß ich mittlerweile ganz genau, welche Situationen ihn noch immer tief triggern.
4. Wirklich angekommen – „Das ist mein Zuhause“
Bei manchen Hunden nach wenigen Monaten, bei anderen erst nach 12 Monaten oder noch später. (das kommt immer darauf an, wie viel Gepäck der Hund im Rucksack hat)
Der Hund muss nicht mehr permanent herausfinden, was als Nächstes passiert. Er kennt seine Menschen, seine Umgebung und die Regeln. Verhalten wird stabiler und die Bindung belastbarer.
Gebt Euren Hunden die Zeit, die sie brauchen.
Habt Verständnis, aber legt nicht alles in die Ausrede, es ist halt ein Tierschutzhund.
Die Schritte sind manchmal gefühlt winzig - aber in der Summe riesig