18/10/2020
Wir haben es getan.....
Vor vier Wochen haben wir (das heißt, mein Mann und ich) uns entschlossen, eines unserer Kälber schlachten zu lassen. Es war keine einfache Entscheidung. Schließlich handelte es sich um ein Tier, dessen Geburt und Aufwachsen wir begleitet haben, deren Entwicklung und seine ganz eigene Persönlichkeit uns täglich erfreuten . Wir haben uns vor einigen Jahren eine kleine Mutterkuhherde aufgebaut, bestehend aus Englisch Longhorns und Angus. Beide Rassen sind bekannt für ihre Robustheit, Fruchtbarkeit, Leichtkalbigkeit, ihren ausgeprägten Mutterinstinkt und nicht zuletzt für ihre hervorragende Fleischqualität. Ersteres haben sie jedes Jahr auf’s Neue bewiesen. Die Kälber leben bei uns sieben bis acht Monate bei ihren Müttern und müssen dann umziehen. Entweder wechseln sie in die Herden anderer Betriebe, oder werden an Viehhändler in eine ungewisse Zukunft verkauft. Gerade letztes war niemals leicht. Und dabei war unser Urgedanke, mit unseren Rindern einen Beitrag leisten zu wollen, dass Fleischproduktion tiergerecht und respektvoll sein kann. Somit kam der Entschluss für Tag X mit dem sieben Monate alten Kalb. Wir fanden einen kleinen zertifizierten Schlachtbetrieb, der unseren „Ansprüchen“ entsprach und auch der Weg dorthin sollte so kurz wie möglich sein. Also haben wir das Kalb mit einem mulmigen und nicht ganz schuldfreiem Gefühl in den Hänger geladen und hatten die wohl schweigsamsten 30 Minuten Autofahrt vor uns. Zu unserer Erleichterung war es ganz still im Anhänger, das Kalb lag im Stroh und mümmelte ganz ohne Vorahnung genüsslich sein Heu. Angekommen, öffnete sich ein schweres Tor, wir fuhren auf einen großen gepflasterten Hof. Und es roch nach Tod. Und ich sah Männer in blutverschmierten Schürzen. Ganz ohne Eile kam einer zu mir und ich gab ihm zu verstehen, dass wir einen Termin für unser Kalb hätten. Er guckte etwas irritiert. Ich glaubte zu wissen was er dachte. So was wie; „Mädel, Termine gibts beim Arzt. Hier ist Endstation und nu bleib mal ganz geschmeidig“. Und dabei hatte ich so sehr gehofft, mein Unbehagen professionell verbergen zu können. Zu guter Letzt musste ich einen Strick am Halfter des Kalbes befestigen um es zu fixieren. Ich konnte dem Blick des Tieres nicht standhalten. Ich schloss die Augen und murmelte: „alles wird gut“ Was für ein Blödsinn! Es hat mir vertraut. Es hat sich ein Halfter von mir anlegen lassen ist voller Vertrauen auf den Hänger gegangen und jetzt behaupte ich auch noch, dass alles gut werden würde. Fragt sich nur, für wen. Aber noch bevor die Frage beantwortet werden konnte, gab es einen kurzen dumpfen Schuss und das Kalb lag regungslos im Hänger. Das war’s. Eine Woche später haben wir es abgeholt, sorgfältig zerlegt, portioniert und einvakuumiert. Unmengen an Fleisch und Bratwürsten. Und Sie können mir glauben, die erste Wurst hat mir nicht geschmeckt. Sie zu essen, war genauso schwer wie die Entscheidung, diesen Weg zu gehen. Aber ich bin überzeugt, es ist der richtige Weg. Wir essen Fleisch. Das ist nur all zu natürlich. Schließlich sind wir Allesfresser. Nur sollten wir uns bewusst sein, dass dafür ein anderes Lebewesen sein Leben lassen musste. Und wäre es nicht richtig, dem mit Würde und Respekt zu begegnen? Ich denke schon. Und mit Respekt meine ich auch unseren massiven Drang nach Fleisch zu überdenken. Sollte Fleisch nicht zu den besonderen Nahrungsmitteln zählen? Eines, dass nicht jeden Tag unsere eh schon überfüllten Mägen füllt? Und, wäre Respekt nicht Ausdruck besonnenerer Auswahl beim Kauf bezüglich der Herkunft des Fleisches? Wir jedenfalls, haben etwas dazu beigetragen und werden diesen Weg fortführen.
In Dankbarkeit. Emily