16/04/2026
Die Kunst der Pferdezucht – zwischen Wissen, Wundern und Wirklichkeit
Von außen wirkt Pferdezucht oft wie Mathematik: gute Abstammung hinein, gutes Fohlen heraus. Doch nach über vierzig Jahren Zucht und fast 400 Fohlen weiß ich: So einfach ist es nicht. Zucht ist faszinierend, berührend – und manchmal gnadenlos unberechenbar.
Selbst Vollgeschwister können Welten trennen, obwohl sie dieselbe genetische Ausgangslage haben. Wie bei Menschen: Einsteins Geschwister wurden auch nicht alle Nobelpreisträger. Wäre Zucht berechenbar, gäbe es nur noch Top Züchter. Aber die Wirklichkeit ist anders.
Gerade bei Hengsten entscheidet oft die Promotion: Wo steht das Pferd? Wer bildet es aus? Wie wird es gezeigt – und welche Geschichte erzählt man darüber? Manchmal macht nicht das bessere Pferd das Rennen, sondern das, das gesehen wird.
Auch der Erfolg der Nachzucht hängt nicht zuletzt von den Besitzern der Pferde ab. Ein guter Ausbilder kann aus einem Durchschnittspferd einen Champion formen. Ein schwacher Reiter kann dasselbe Pferd in kurzer Zeit zum „Problempferd“ machen.
Und vielleicht steht irgendwo auf einer abgelegenen Weide ein unscheinbarer No Name Hengst, den niemand beachtet – und genau er vererbt die soliden, ehrlichen, starken Fohlen.
Genauso entscheidend ist die Stute. War sie nie wirklich gesund, konnte nie Leistung zeigen oder wollte schlicht nie „mitmachen“, sollte man keine Wunder erwarten. Denn Gene werden jedes Mal neu gemischt: Jede Anpaarung ist ein kleines Wagnis, ein bisschen Zufall, ein bisschen Glück.
Die Natur folgt der Gaußschen Normalverteilung: Die meisten Nachkommen landen im Mittelfeld, nur wenige sind Ausreißer nach oben – oder nach unten. Das gilt leider auch in der Pferdezucht. Ein Top Hengst und eine Durchschnittsstute bringen meist ein solides Fohlen, manchmal auch ein außergewöhnliches.
Aber zwei Top Pferde ergeben nicht automatisch ein Spitzenpferd. Irgendwann ist das genetische Limit erreicht – die Amerikaner sagen top of the line. Tatsächlich fallen Nachkommen aus zwei absoluten Spitzenpferden nicht selten hinter die Erwartungen zurück.
Und dann ist da die wichtigste Frage: Was will ich überhaupt züchten?
Die meisten Menschen brauchen kein Hochleistungs Sportpferd, sondern ein zuverlässiges, gesundes Reitpferd mit Charakter – für den Alltag. Gesundheit, Nervenstärke, Verträglichkeit, Arbeitswillen, Belastbarkeit: Genau das ist schwer zu messen. Für den einen ist ein Pferd ungeeignet, für den anderen ist genau dieses sein perfekter Partner.
Und doch kaufen viele lieber nach „gutem“ Papier oder begehrter Farbe. Ein schöner Black verkauft sich leichter als ein unscheinbarer Sorrel – selbst wenn letzterer stabile Beine und ein goldenes Herz hat.
Meine Erfahrung hat mich gelehrt, bescheiden zu bleiben. Pferde mit bester Abstammung haben mich enttäuscht; andere, von denen ich kaum etwas erwartete, haben mich begeistert. Ich hatte Stuten, deren Nachkommen – fast unabhängig vom Hengst – verlässlich gut, brauchbar und charakterstark waren. Und ich habe Hengste erlebt, die ihre Fohlen so deutlich prägten, dass man die Vaterschaft sofort „sieht“ – und einige dieser Nachkommen wurden echte Sportpferde.
Man braucht zehn Jahre und mindestens 30 Fohlen, bis man verlässlich etwas über einen Hengst sagen kann.
Am Ende bleibt Zucht dennoch ein Spiel aus Wissen, Intuition und Glück. Man plant, studiert Papiere, sucht passende Anpaarungen – doch ob es wirklich aufgegangen ist, zeigt sich oft erst sechs oder sieben Jahre später. Und manchmal dreht sich in dieser Zeit der Markt: Plötzlich ist eine Farbe oder Linie „out“, für die man jahrelang Feuer und Flamme war.
Eine Geschichte erzähle ich besonders gern:
Vor etwa 30 Jahren brachte jemand eine Stute mit etlichen Exterieurfehlern zu uns. Sie sollte von unserem Top Hengst gedeckt werden. Doch ich wollte diesen Hengst nicht mit einer Stute kombinieren, bei der ich ein fehlerhaftes Fohlen befürchtete. Also überzeugte ich die Besitzer, es mit einem jungen Hengst zu versuchen, den wir ohnehin bald kastrieren wollten: ein nettes Pferd, zuverlässig im Wesen, aber nichts Besonderes. Ich dachte: Damit kann man nicht viel falsch machen.
Und dann passierte das, was Zucht so demütig macht: Das Fohlen gewann im nächsten Jahr die Futurity. Plötzlich wollten alle mit genau diesem Hengst züchten – nur war er da längst Wallach und als Freizeitpferd verkauft. So etwas hätte ich mir nicht einmal ausmalen können.
Diese Erfahrung hat mir endgültig gezeigt, wie wenig wir Züchter wirklich voraussagen können – und wie sehr uns jedes Fohlen Geduld, Demut und Staunen lehrt.
April 2026 prl