13/02/2020
So wahr....
Der Maulkorb – von Sicherung und Stigma
Wenn ich mit meinem zeitweise Maulkorb tragenden Hund von Passanten angesprochen werde, bekommt mein Hund oft mitleidige Blicke. Manchmal wird vorwurfsvoll gefragt „Aber warum muss der denn einen Maulkorb tragen? Ist er so böse?“ mit einem traurigen Blick auf den Hund.
Mein Hund trägt seinen Maulkorb wie sein Halsband oder sein Geschirr. Andere Leute haben mehrere Halsbänder und Leinen für ihren Hund. Ich besitze mehrere Maulkörbe, die dem Hund es erlauben zu hecheln, zu trinken, Leckerchen zu nehmen und ihm ganz passig auf der Nase sitzen. Mein Hund spielt, rennt, schläft und schnüffelt mit seinem Maulkorb, denn er behindert ihn in keinster Weise. Ich bin Brillenträger und meine Brille schränkt mich mehr ein (geht mal als Brillenträger bei Regenwetter und Wind spazieren – da fehlen die Scheibenwischer!). Komischerweise bin ich noch nie mitleidig deswegen angesehen worden.
Es hatte auch noch nie jemand Mitleid mit mir, weil ich einen Hund habe, der zeitweise einen Maulkorb tragen muss. Mein Hund weiß nämlich seine 42 spitzen Argumente im Zweifel passend einzusetzen. Dies tut er vorwiegend gegenüber anderen Hunden. Dabei ist er nicht unverträglich. Er ist nur sehr klar, besitzt dabei aber keine allzu lange Zündschnur.
So kann es sein, dass ein Tut-Nix herangebrettert kommt, der nicht einmal gerufen wird (weil er eh nicht hört) und meint, auf meinem Rüden Trampolin springen zu müssen. Während es von vorne ein „der will nur spiiiiiielen“ heran flötet, weiß mein Rüde ziemlich genau, wie der Hund sich grade verhält: Absolut unhöflich. Und genauso wie ich einem Mann eine Ohrfeige verpasse, der mir ungefragt an den A***h grabscht, verteilt mein Rüde Schellen, wenn ihm ein Artgenosse auf seinem kranken Rücken springt.
Meistens kann ich solche Situationen verhindern, aber dies gelingt nicht immer. Damit mein Rüde bei seinen Schellen keinen verletzt und ich sicher sein kann, die Hunde im Zweifel gefahrlos trennen zu können, trägt mein Hund einen Maulkorb.
Es kommt noch etwas hinzu: Sobald mein Rüde den Maulkorb trägt, nehmen die Leute ihre Hunde zur Seite. Er ist ein Stigma. „Mit dem Hund stimmt was nicht.“ Dieses Stigma hilft mir im Alltag. Sobald Leute meinen Hund mit Maulkorb sehen, können sie plötzlich ihre Hunde bei sich behalten und versuchen sie tatsächlich aktiv zurück zu rufen.
Andererseits ist es dieses Stigma, was viele Leute daran hindert, ihre Hunde zu sichern. Mein Hund kann beißen. Das tut weh. Ich wurde schon gebissen. Meine Tiere wurden schon gebissen. So etwas sieht nicht nur unschön aus – es ist auch höchst dramatisch. Ich habe Wunden verarztet, musste einen Krankenwagen rufen, habe selber die Schmerzen gespürt und habe das heraus gebissene Fleisch gesehen (nein, das war nicht alles mein Hund-als Trainer sieht man so einiges). Hunde können das tun. Egal wie oft wir sie als „Fellnasen“ betiteln, bleiben es Raubtiere, die genauso wie wir Menschen sich im Zweifel durchsetzen. Hunde haben keine Worte. Hunde haben nur Taten.
Im Alltag sehe ich viele Hunde, die sich aggressiv verhalten. Da kommt der freilaufende imponierende Rüde heran mit durchgedrückten Beinen und belästigt die anderen Hunde, die alle an der Leine sind und das einzige, was gerufen wird, ist „fassen sie den bloß nicht an, der ist ein Angsthund!“. Da kann man den ausflippenden Hund an der Flexi kaum bändigen und besäuselt diesen mit „die wollen nicht spielen“. Die meisten Hundehalter können ihren Hund schlicht nicht einschätzen. Sie verstehen die Körpersprache nicht, verstehen die Intention ihrer Hunde nicht und verstehen auch nicht, dass der 1 ½ jährige Rüde jetzt nicht mehr spielen, sondern sich messen will.
Viele Anfragen bzgl. Agressionsverhalten des eigenen Hundes enden schon an dem Punkt, wo ich sage, dass der Hund einen Maulkorb tragen soll. Da beißt der Hund sich fröhlich durch sämtliche Familienmitglieder und keiner denkt daran, dem Hund mal etwas auf die Nase zu setzen, um dies zu verhindern. Da verteilt der Hund Löcher in andere Hunde und die einzige Angst ist, wenn der Hund einen Maulkorb trägt, dass dies andere Menschen blöd finden könnten. Wenn ich dann über die Sicherung in Einzel- und Gruppenstunden aufkläre (Fun Fact: Ich lasse weder mich, noch meine Kundenhunde zerpflücken), sind die Leute schnell weg. Anstatt sich mit dem Problem auseinanderzusetzen, läuft der Hund weiter ungesichert herum.
Und da wundert es mich nicht, dass Tierheime vermehrt bissige Hunde aufnehmen müssen. Der Hund läuft aus dem Ruder und verhält sich nicht so, wie ich es in meiner menschlichen rosigen Welt gerne hätte? Weg damit! Sollen sich doch andere darum kümmern!
Einen Maulkorb aufsetzen, um weiteren Schaden zu verhindern? Das kommt gar nicht in die Tüte. Gar nicht, weil der Hund dadurch Schaden nehmen würde (das tut er nicht), sondern weil man kein Gerede haben möchte.
Der Maulkorb ist das Zeichen dafür, dass der Hund eben agiert wie es ein Hund tut. Viele möchten aber keinen Hund. Sie möchten ein pelziges Familienmitglied, was bitteschön alles zu ertragen hat. Es soll ertragen, wenn ihm andere Hunde in den A***h kriechen. Es soll ertragen, wenn es von Menschen ungefragt angepackt wird. Es soll ertragen, dass permanent über seine Bedürfnisse wie Ruhe, Individualdistanz und Respekt hinweg gegangen wird. Quittiert der Hund das auf seine Weise, ist plötzlich guter Rat teuer. Den Hund erstmal zu sichern, scheint dabei völlig unmöglich zu sein. Stattdessen werden Schäden in der Umgebung in Kauf genommen. Dabei ist der physische Schaden das eine-der psychische Schaden ist oft deutlich schlimmer. Hauptsache die Fellnase bekommt nicht so einen bösen Maulkorb drauf!
Leute, ein Maulkorb ist KEIN Armutszeugnis für den Besitzer. Es ist auch NICHT traurig für den Hund. Es ist ein Zeichen dafür, dass jemand verantwortungsvoll mit seinem Hund umgeht und sogar die verantwortungslose Umgebung mit schützt. Mein Hund trägt keinen Maulkorb, weil er „böse“ ist. Er trägt einen Maulkorb, weil Herr Müller seinen Labbi nicht halten kann. Er trägt seinen Maulkorb, weil Frau Mops nicht hört. Er trägt einen Maulkorb weil der Chihuahua an der Flexi in sein Unglück geschickt wird. Mein Hund wird von seinem Maulkorb nicht beeinträchtigt. Ich frage mich jedoch, wie das Leben all dieser anderen Hunde, wegen denen mein Hund seinen Maulkorb trägt, sie eigentlich beeinträchtigt.
Ohne Blick für ihre Bedürfnisse und ihre Not werden sie in Verantwortlichkeiten geschickt, die sie kaum tragen können. Haltlos müssen sie zig Übergriffe ertragen. Und wehe sie antworten, wie es eben ein Hund tut: Dann gibt es Ärger und im Zweifel die Abgabe. Was für ein bescheidenes Leben das sein muss. Schon komisch, dass ausgerechnet mein Hund die mitleidigen Blicke kassiert.
(Nina Dany)