01/10/2023
Heute erreichten uns leider wieder traurige Neuigkeiten.
Auch für Langzeitinsasse Ben war das Tierheim nun die Endstation.
Ben wurde im Alter von etwas über einem Jahr von seiner damligen Halterin abgegeben und lebte bis zu seinem Tod fast 7 Jahre im Tierheim. Also praktisch sein gesamtes Leben.
In diesen 7 Jahren gab es zwei Vermittlungsversuche, die beide nach jeweils kurzer Zeit daran scheiterten, dass die Hinweise des Tierheims nicht ernst genommen wurden und die Adoptanten es nicht vermochten klare Regeln und Grenzen zu setzen.
Wie auch das Schicksal von Langzeitinsasse Anton, über dessen Tod wir vor zwei Monaten berichtet haben, steht auch das Schicksal von Ben beispielhaft für die Schicksale unzähligerer weiterer Hunde in deutschen Tierheimen.
Und das traurige ist, dass das nicht sein müsste.
Ja, die meisten Langzeitinsassen haben die ein oder andere Baustelle im Gepäck und ja, einige Beschreibungen der Tierheime lesen sich im ersten Moment etwas abschreckend.
Aber bei sehr vielen dieser Hunde braucht es gar nicht so viel um sie als tolle Begleiter zu gewinnen.
In den letzten Jahren ist die Anzahl an Hundetrainern regelrecht explodiert. Ohne Zweifel sind da leider viele schwarze Schafe dabei, aber glücklicherweise gibt es auch immer mehr wirklich gute Trainerinnen und Trainer.
Trainerinnen und Trainer, die nicht nur nach "Schema F" arbeiten, die wissen, dass man nicht alles nur mit Leckerlis lösen kann, die wissen, dass Konflikte zur Lebensrealität gehören und auch mal angenommen und ausdiskutiert werden müssen, die wissen, dass Hunde klare Grenzen brauchen - und die das alles auch sehr gut vermitteln und engagierte Hundehalter in die Lage versetzen können, diese Dinge auch selbst zu erkennen und umzusetzen.
Und mit solch einer Trainerin bzw. solch einem Trainer an der Seite hat man die besten Voraussetzungen, um mit den meisten Langzeitinssasen sehr schnell ein für alle beteiligten gewinnbringendes Zusammenleben zu erreichen.
Kurz aus dem Nähkästchen gesprochen:
Regelmäßig bekommen wir regelrecht Bauchschmerzen wenn wir einen der auf unserer Website gelisteten Hunde auf unseren Social-Media-Kanälen veröffentlichen.
Bei nahezu jedem dieser Beiträge gibt es unzählige Kommentare, in denen dem jeweiligen Hund "ein Zuhause mit ganz viel Liebe" gewünscht wird.
Diese Kommentare blenden wir regelmäßig aus und oft fragen wir uns ob wir mit dem Projekt bisher überhaupt die richtige Zielgruppe erreichen.
Denn "ein Zuhause mit ganz viel Liebe" ist nicht die Lösung, sondern in sehr vielen Fällen vielmehr die Ursache für das Problem.
Was selbstverständlich nicht heißen soll, dass man seinen Hund nicht lieben soll. - Aber Liebe alleine ist in den wenigsten Fällen das passende Heilmittel.
Das was die meisten dieser Hunde brauchen ist Fairness, eine klare Struktur und klare Regeln und Grenzen.
Grenzenlose Bedingungen schaffen eben grenzenlose Hunde.
Und bereits grenzenlose Hunde werden ihr Verhalten nicht ändern wenn sie nach einer Adoption unter grenzenlosen Bedingungen leben.
Bietet man diesen Hunden aber ein Umfeld mit einer klaren Struktur, mit klaren Regeln, klaren Grenzen und einem fairen Umgang, werden aus vielen "Schrecken des Tierheims" schnell tolle Begleiter.
Wir als Gesellschaft haben es zu verantworten, dass diese Hunde überhaupt existieren.
Daher sollte es auch unsere erste Pflicht sein, unser Bestmögliches zu tun um möglichst vielen Hunden ein Schicksal wie das von Anton und Ben zu ersparen.
Und in den meisten Fällen braucht es wie gesagt gar nicht so viel dafür.
Ein wenig natürliches Hundeverständnis, statt irgendwelcher ideologisch geprägter Traningsmethoden und einer falsch verstandenen und oftmals mit starker Vermenschlichung einhergehender Tierliebe, ist oft schon mehr als die halbe Miete.
In unserer Gesellschaft herrscht aktuell bei Hunden eine regelrechte Wegwerfmentalität. Hunde werden "kaputt gemacht", entsorgt und dann wird sich das nächste Opfer vom Züchter oder Vermehrer besorgt.
Die Tierheime laufen in der Folge über, bei den Hundeproduzenten klingelt die Kasse und immer mehr Hunde enden wie Anton und Ben.
Ben wurde nun von unserer Seite entfernt und ihm können wir nicht mehr helfen.
Auf Langzeitinsassen.de sind aktuell aber noch über 80 weitere Langzeitinsassen aus ganz Deutschland gelistet.
Und in den deutschen Tierheimen warten noch viele mehr.
Die Welt kann niemand retten der einen Langzeitinssassen adoptiert - aber man rettet die Welt dieses einen Hundes.
Daher unser Appell:
Wenn ihr einen neuen Begleiter sucht, gebt bitte einem Langzeitinsassen eine Chance.
Habt keine Angst, dass ihr dem nicht gewachsen sein könntet.
Aber genauso gebt euch nicht der falschen Vorstellung hin, dass es nur genug Liebe braucht, um alle Themen die ein Hund vielleicht mitbringt lösen zu können.
Sucht euch bestenfalls bereits im Vorfeld einen - guten - Trainer bzw. eine - gute - Trainerin, lasst euch beraten und besucht mit dieser Unterstützung gemeinsam den Hund für den ihr euch interessiert im jeweiligen Tierheim.
Lernt den Hund zusammen mit dieser Unterstützung kennen und gebt dem Ganzen auch Zeit.
Lernt die Grenzen des Hundes und eure Grenzen kennen und macht euch im Vorfeld Gedanken welche eventuell entstehenden Einschränkungen für euch tolerabel sind und welche nicht.
Und dann stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass ihr am Ende einen für euch passenden Hund an eurer Seite habt, der ohne euch keine Perspektive gehabt hätte....
..und statt über den Tod eines Hundes können wir vielleicht wieder über eine erfolgreiche Vermittlung berichten.