02/04/2026
APRIL
Im Herbst 2020 verloren wir unseren geliebten Labrador Sam ganz plötzlich altersbedingt. Mein Herz brach – ein Leben ohne Labrador war für mich keine Option.
Während der Corona-Zeit folgte ich lange einer Labradorzucht, die auf mich liebevoll und vertrauenswürdig wirkte. Nach einem persönlichen Austausch nahmen meine Tochter und ich sogar 400 km Fahrt auf uns, um uns selbst ein Bild zu machen. Die Hunde wirkten gepflegt, anhänglich und gut versorgt – wir fuhren mit Hoffnung nach Hause.
Trotz geringer Chancen standen wir auf der Warteliste. Im Januar 2021 kam dann unerwartet die Nachricht: Ich durfte einen schwarzen Rüden haben. Unser Glück war unbeschreiblich. Wochenlang begleiteten uns Fotos und Videos unseres kleinen Wunders.
Kurz darauf kam die Nachricht, die alles veränderte: Unser Welpe hatte ein schmerzhaftes Rolllid. Das Video seines zusammengekniffenen, tränenden Auges ließ mich weinen. Die Züchterin spielte es herunter, doch mein Mutterherz hatte nur noch Angst – Angst um diesen kleinen Kerl, der so weit weg war und Schmerzen hatte.
Hilflos und verzweifelt suchte ich selbst Hilfe und wandte mich an eine spezialisierte Augenklinik. Dort nahm man sich Zeit, erklärte mir alles ruhig und ehrlich und bestätigte, dass unser Welpe Schmerzen hatte und dass es sich um ein genetisches Problem handelte. Von da an wusste ich: Wir würden alles tun, um ihm zu helfen.
Die Wochen bis zur Abholung waren kaum auszuhalten – voller Tränen, Zweifel und schlafloser Nächte.
Am 5. März 2021 hielten wir ihn endlich in den Armen. Alles andere war plötzlich egal – Verträge, Geld, Formalitäten. Wir wollten nur eines: unseren kleinen Kalle mit nach Hause nehmen, ihn der Augenklinik vorstellen und ihm die Liebe, Sicherheit und medizinische Hilfe geben, die er so dringend brauchte.
Bei der ersten Untersuchung machte die Augenärztin schnell klar: So lange warten wollte sie nicht. Das Rolllid war schlimmer als gedacht. Vier Wochen bekamen wir Zeit – mit täglichem Massieren des Lids und Augensalbe, in der Hoffnung, eine Operation vermeiden zu können.
Am 9. Mai 2021 wurde Kalle operiert. Als schonende Erstmaßnahme im Wachstum erhielt er sogenannte Stay-Sutures. Dabei wurde das Lid so fixiert, dass der schmerzhafte Reiz verschwand und das Auge endlich zur Ruhe kommen konnte. Die Hoffnung war, dass sich das Lid mit dem Wachstum dauerhaft korrekt anlegt.
Ich informierte die Züchter – doch echtes Interesse spürte ich keines. Weder an Kalles Zustand noch an der Operation oder den Kosten. Das machte mich traurig und wütend zugleich.
Die Zeit nach der OP war intensiv: Trichter, Tag-und-Nacht-Betreuung, ständige Sorge. Doch es hat sich gelohnt. Die Fäden fielen heraus, das Lid heilte perfekt, und vier Wochen später sagte die Ärztin: Geduld und positives Denken wurden belohnt.
Ein halbes Jahr später bat mich die Züchterin, meine „guten Erfahrungen“ weiterzugeben – bei einem neuen Wurf hatten gleich mehrere Welpen ein Rolllid. Ich war entsetzt, sagte aber zu, um den Hunden zu helfen. In den folgenden Monaten erfuhr ich von immer mehr Erkrankungen aus dieser Zucht. Mir wurde klar, dass wir trotz allem noch Glück gehabt hatten. Als ich die Züchterin damit konfrontierte, wurde ich blockiert.
Bis heute habe ich Kalle nicht röntgen lassen – aus Angst vor weiteren Diagnosen. Stattdessen wird er regelmäßig physiotherapeutisch und osteopathisch betreut. Er wird sportlich geführt, ohne Sprünge, mit strengem Blick auf sein Gewicht. Sein Gangbild ist gut.
Kalle war ein sehr herausfordernder Welpe und Junghund – überdreht, bissig, schwer zur Ruhe zu bringen. Es gab viele Tränen und Momente des Zweifelns. Heute weiß ich, dass auch andere Hunde aus dem Wurf auffällig waren und dass die Schmerzen sein Verhalten vermutlich verstärkt haben.
Durch viel Arbeit, Training und Hundesport haben wir unseren Weg gefunden. Kalle ist heute ein wunderbarer Hund, den ich über alles liebe – auch wenn unser gemeinsamer Weg alles andere als leicht war.
Diese Geschichte soll keine Hetze sein, sondern aufklären. Erkrankungen wie das Rolllid sind keine „Laune der Natur“, sondern häufig genetisch bedingt. Verantwortungsvolle Zucht bedeutet, genau hinzusehen, ehrlich zu informieren, betroffene Linien aus der Zucht zu nehmen und für entstandenes Leid einzustehen.
Was wir erlebt haben, war das Gegenteil: Verharmlosung von Schmerzen, fehlende medizinische Verantwortung, kein echtes Interesse am Wohl des Welpen und keinerlei Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – weder emotional noch finanziell. Besonders erschütternd war, dass mehrere Würfe betroffen waren und dennoch weitergezüchtet wurde.
Corona hat einen Markt geschaffen, auf dem Nachfrage wichtiger wurde als Gesundheit. Vertrauen wurde ausgenutzt, Gefühle spielten keine Rolle. Die Leidtragenden sind die Hunde – und die Familien, die sie lieben und alles für sie tun.
Ich liebe meinen Kalle über alles. Er ist heute ein großartiger Hund – nicht wegen der Zucht, sondern trotz ihr. Sein Weg war steinig, schmerzhaft und emotional belastend, für ihn und für uns.
Diese Geschichte soll Mut machen, genau hinzusehen, Fragen zu stellen, nicht alles zu glauben und Verantwortung einzufordern. Ein Welpe ist kein Produkt. Zucht ist kein Geschäft.
Hunde haben ein Recht auf einen gesunden Start ins Leben – und Menschen haben das Recht auf Ehrlichkeit.
Wenn diese Geschichte auch nur einem Welpen Leid erspart oder eine Familie zum Nachdenken bringt, dann hatte all das wenigstens einen Sinn. 💛
Wer Kalle auf seinem weiteren Weg – hoffentlich noch viele, viele Jahre – begleiten möchte, ist herzlich eingeladen, ihn hier zu besuchen und ein Stück seines Lebens mitzuerleben:
https://www.instagram.com/kalle.sir_the_black_one?igsh=aHZsa284NzQ3eGNl
Hinweis:
Dieser Beitrag basiert auf einem freiwillig eingereichten Erfahrungsbericht einer Hundehalterin.
Die Inhalte stellen keine medizinische Beratung oder Diagnose dar und ersetzen nicht die Betreuung durch Tierärzt:innen oder Fachpersonal.
Alle Angaben spiegeln ausschließlich persönliche Erfahrungen wider.
Es werden keine Schuldzuweisungen gegenüber Einzelpersonen, Züchtern, Vereinen oder Organisationen vorgenommen.
Hinweis:
Wenn auch ihr eure Geschichte teilen möchtet – anonym oder bewusst offen – meldet euch gern bei uns. Alles geschieht freiwillig und nach klarer Absprache.