13/05/2026
Wendy und die Geschichte warum Hunde Hunde brauchen
Wir wollten euch schon längst von Wendys Happy End berichten -
nur kurz zur Erinnerung:
Anfang des Jahres kam die 10-jährige Hündin aus der Vermittlung zurück. Ihr Frauchen musste schwer erkrankt in eine Einrichtung; der erwachsene Sohn bekam eine Absage vom Vermieter für die abgesprochene Übernahme des Hundes - zusätzlich gab er aber auch an, dass Wendy nicht „ansprechbar“ beziehungsweise sehr zurückgezogen sei.
Wie sie dann aber bei uns ankam, war auch für uns ein Schock - schließlich hatten wir Wendy in bester Absicht vor fast 10 Jahren an ein wirklich tolles Frauchen vermittelt.
Nach so vielen Jahren im gewohnten Umfeld sorgte die Rückgabe bei Wendy für einen dramatischen Zusammenbruch. Sie fraß die ganze erste Woche nichts, wollte sogar nicht mal trinken, nicht raus, lag nur in ihrem Körbchen.
Uns und den Hunden gegenüber zeigte sie sich extrem eingeschüchtert: mit Artgenossen schien sie definitiv länger keinen Kontakt gehabt zu haben, ihr Fell war gezeichnet von dem Leben im Haus (kaum draußen), ihre Muskulatur war stark verkümmert, und sie war ängstlich und sichtlich überfordert mit eigentlich alltäglichen Reizen.
Jetzt könnte man denken - und leider tun die Menschen das auch oft - das ein Hund der sich so verhält, sicher schlimmste Misshandlungen erlebt haben muss. Also bei ihrem Frauchen.
Aber Wendy wurde nicht misshandelt. Nicht im eigentlichen Sinne.
Wie bei so vielen ängstlichen, gestressten (unruhigen) und erschöpften Hunde entstehen diese Verhaltensauffälligkeiten nämlich nicht (nur) durch offensichtliche Gewalt - sondern vor allem durch fehlende Sicherheit, Schutz, Struktur, Bedürfnisbefriedigung (hündische!), und sozialer Führung (Anmerkung: aufgrund der negativen Assoziation mit dem Wort Führer/Führung haben wir uns für den Begriff „Soziale Führung“ entschieden - was diese beinhaltet erklären wir gesondert!).
Verhaltensbiologisch bedeutet ein Leben in dauerhafter Unsicherheit für Hunde wie in Wendys Fall extremen Stress. Und zwar immer.
Ein Hund, der ständig selbst entscheiden, sich selbst schützen muss, lebt in einer permanenten erhöhten Wachsamkeit.
Und das bedeutet: das Nervensystem kommt nie zur Ruhe!
Aber genau das verhindert auch die Habituation an alltägliche Reize. Nicht weil Frauchen diese vermeidet, sondern weil Frauchen ihr keine Sicherheit vermittelt.
Für einen Hund ist das ein sehr anstrengendes und - objektiv gesehen - gar kein schönes Leben.
Zwar ist scheinbar alles da zum Glücklichsein - doch das Wesentliche … das fehlt …
Und als Frauchen dann auch noch krank wurde, und Wendy mehr und mehr „vergisst“, wird ihre Isolation immer schlimmer.
Zwar gingen jetzt täglich fremde Menschen ein und aus, doch ohne soziale Sicherheit konnte Wendy nicht Kontakt aufnehmen - sie lernte zu vermeiden, sich zu verstecken.
Unsichtbar zu sein.
In diesem Zustand kam sie zu uns.
Alles Gewohnte brach für sie zusammen.
Ihre für sie so lebenswichtigen Anpassungen … weg. Frauchen ist weg!
Es schien damals so, als könne ihr niemand mehr da heraus helfen.
Was haben wir uns um sie gesorgt!
Braucht sie vielleicht sogar Psychopharmaka? Zwangsernährung? Intravenöse Flüssigkeitsgabe?
Doch es gab ganz andere Hilfe:
unsere Hunde.
Die waren da.
Und wie sehr nicht nur Wendy, sondern Hunde ganz allgemein Hunde brauchen - und warum das verhaltensbiologisch begründet ist - das wisst ihr spätestens jetzt …
Denn: Hunde sind hochsoziale Lebewesen, deren gesamtes Nervensystem nun mal nicht auf Alleinsein, sondern - wichtig - auf soziale Kooperation, Orientierung, Kommunikation, Sicherheit, Fürsorgeverhalten usw. ausgelegt ist.
Hunde brauchen Hunde. Punkt.
Leider wird ihnen dieses Grundbedürfnis - häufig von R+ arbeitenden Trainern - immer häufiger abgesprochen:
„Der Hund braucht nur den Menschen, er hat sich sogar selbst domestiziert“, wird dort gerne argumentiert
(FALSCH: Domestikation bedeutet Anpassung an uns Menschen, nicht Isolation und Verlust artspezifischer Bedürfnisse!).
Dieses Thema haben wir sehr ausführlich in unserem Buch erörtert (Die Leier mit dem Rudel - Warum Hunde Hunde brauchen).
Dennoch möchten wir es hier unbedingt schon mal etwas aufgreifen.
Weil es uns wichtig ist.
Weil wir DIESE Hunde täglich sehen.
Die gerettet (!) und in guter Absicht doch ein wunderschönes Leben mit allem was sie brauchen (sicher?!) genießen dürfen. Von Kuscheldecke bis Pfotenschutz - alles steht dem modernen Hund zur Verfügung. Und dennoch gibt es immer mehr von ihnen. Die verhaltensauffälligen Hunde.
Die Wendys.
Oder Fines und Zeldas! Also Hunde, die im Gegensatz zu Wendy ihre Flucht im Aggressionsverhalten suchen.
(Gerettete) Hunde, denen das Wichtigste fehlt:
der Artgenosse!
Also der, der die gleiche Sprache spricht, über den Co-Regulation möglich ist, und soziales Lernen.
Bevor ihr jetzt total enttäuscht seid - jaaa, der Mensch kann der wichtigste Bindungspartner sein - und ist das auch oft.
Und trotzdem braucht der Hund Artgenossen.
Unsere Hunde haben Wendy aus ihrem Schneckenhaus gelockt, aus ihrem Zusammenbruch geholt. Haben ihr gestörtes Nervensystem stabilisiert, ihr soziale Sicherheit vermittelt (wichtig: wir Menschen auch!!!), eine gewisse Routine und Vorhersagbarkeit geschaffen, ihre jahrelange Isolation beendet, Kommunikation ermöglicht.
Und so kam nach und nach eine ganz andere Wendy zum Vorschein: eine lockere, gelöste fröhliche Wendy. Eine verspielte alberne Wendy.
Eine lebenslustige Wendy.
Eine plötzlich jung wirkende Wendy!!
Ihr alle habt diese Bilder gesehen ❤️
Nicht weil sie sich „zurück entwickelte“, sie plötzlich wieder jung wurde, sondern weil ihr überlastetes Nervensystem endlich aus dem dauerhaften Stress herauskam - solch ein dauerbelastetes Nervensystem beschäftigt sich eben nur mit dem
ÜBERLEBEN
und nicht mit … ja… mit Leichtigkeit!
Im Überlebensmodus ist kein Platz für Spiel, Neugier … unbeschwerte Fröhlichkeit.
Kein Platz für Lernen!
Das ist der Grund, warum unsere Hunde nach einer wirklich korrekten sozialen Stabilisierung oder Resozialisierung bei uns wie ausgewechselt wirken - nicht weil sie einen anderen Charakter entwickeln, sondern weil der ganze Ballast aus chronischem Stress, dieser lebenseinschränkenden Unsicherheit, und der furchtbaren dauerhaften Wachsamkeit die gesamte Persönlichkeit überlagert!
Das Schlimmste für uns ist aber - dass so so so viele vermeintlich gerettete Hunde von der einen Hölle in die andere - in die „schöne Hölle“ kommen.
Einfach weil Menschen nicht verstehen, dass Hunde mehr brauchen als Kuschelkörbchen und Liebe.
(Hinweis: Charaktereinschätzung unter Stress im Shelter - Folgen einer Direktvermittlung!)
Und genau das hatte auch Wendy.
Die „schöne Hölle“.
Denn, sie musste ja wieder umziehen.
Nicht weil wir es unbedingt wollten.
Sondern weil so sensible Hunde wie Wendy bei uns auf Dauer nicht richtig aufgehoben sind.
Sie sind nicht für wechselnde Hundegruppen gemacht.
Kaum ein Hund ist das.
Das ist die andere Seite der Medaille:
Ja, Hunde brauchen Hunde.
Damit sind aber nicht übervolle und ständig wechselnden Hunde-Gruppen gemeint.
Solch ständig wechselnde Hundegruppen (häufig noch mit sehr unterschiedlich großen Hunden) sind für Hunde nämlich genau das Gegenteil, zu dem was sie eigentlich brauchen …
Statt verlässliche soziale Beziehungen leben sie so unter ständigen Stress, Überforderung, fehlender Stabilität sowie häufigen und wiederkehrenden Konflikten. Und teilweise großen Ängsten - vor Artgenossen!
In Wendys neuem Zuhause gab es das nicht.
Es gab gar keine anderen Hunde - damals glaubten wir, dass sie das schaffen kann … mit den richtigen Menschen, die diese wichtige soziale Struktur tragen -
und mit verlässlichen und regelmäßigen Kontakten zu Artgenossen außerhalb des Zuhauses!
Doch das gab es nicht. Also Sicherheit durch ihre Menschen. Und so wurde sie ruckzuck zu uns zurück gebracht - mit einem neuem Stempel: Wendy sei „schwerst traumatisiert und gestört“!
Dabei fehlte ihr „nur“ das Wesentliche: Sicherheit, Co-Regulation, Fürsorge.
Und Hunde.
Wendy hat sich - trotz des neuen Stempels - zum Glück nicht wieder aufgegeben und so für ihr eigenes Happy End gekämpft.
Diesmal haben wir ein Zuhause gesucht, das ihr die Sicherheit durch Artgenossen bietet. Menschen neigen bei Hunden wie Wendy einfach ein wenig zu Mitleid - und das braucht sie eben auf keinen Fall!
Und dieses Zuhause haben wir gefunden.
Das Beste, das ihr passieren konnte!
Und damit zeigt uns Wendy auch wieder, dass nicht jede Abgabe für Hunde das „Ende“ ist - oft ist gerade dieses Ende der Anfang … der Beginn eines neuen Lebens mit einem viel besser passenden sozialen Fundament!
Wendy hat jetzt ihr eigenes Frauchen, nur für sich. Einen großen Garten, ein schönes Haus, viele weiche Hundebetten (sie bevorzugt das große Bett), mehrmals täglich ausgedehnte Spaziergänge …
doch das Wichtigste:
sie hat auch Hunde. Die der Familie.
Mit denen sie im Garten ausgelassen toben kann, die ihr helfen anzukommen, die neue Hundefreunde ermöglichen. Die arteigene Bedürfnisse befriedigen.
Und wisst ihr, was Wendy auf „ihre alten Tage“ jetzt noch geworden ist ?
Die Hühner-Schützerin!
Ja, gemeinsam mit dem neuen Frauchen werden jeden Morgen ganz pünktlich die Hennen rausgelassen, Wendy schaut dabei genau ob alle da sind - und ob es allen gut geht …
Hunde brauchen nicht nur Hunde, sondern auch eine Aufgabe. Einen Job. So machen wir Hunde stark - aber - davon erzählen wir dann noch wann anders.
Wir danken allen Menschen, die einem älteren Hund - auch mit vielen Stempeln - ein Zuhause ermöglichen!
Ihr seid unsere Helden! ❤️
Wenn ihr euch jetzt mehr über verhaltensbiologische Prozesse interessiert, und zwar in der Mehrhundehaltung, bei Hundebegegnungen draußen(!), im ausländischen Shelter oder im Leben als Einzelhund … dann bleibt einfach hier …
und wartet auf unser Buch 😅