11/06/2022
Immer wieder zeigt es sich….
…. warum das kleinschrittige Vorgehen der Tellington Methode so so sinnvoll ist.
Heute war ich zum Beritt bei einer kleinen spanischen Stute, die das Glück hat, nach 10 (!) Vorbesitzern jetzt bei einer sehr bewussten und verständnisvollen Frau gelandet zu sein. Das Pony ist geritten und da mittlerweile auch brav. Die ersten Stunden verbrachten wir mit Connected Groundwork, einmal saß ich schon auf ihr, da war sie aber schon am Anbinder gesattelt worden. Beim Reiten war sie, wie gesagt, brav.
Heute allerdings haben wir den Sattel mit zum Platz genommen, weil ich vorher noch etwas vom Boden arbeiten wollte und siehe da: Madame Pferd hatte immensen Stress, als ihre Besitzerin mit dem Sattel kam. Ihn aufzulegen wäre nur mit Zwang möglich gewesen. Eine Variante wäre natürlich gewesen, jetzt am Gehorsam anzusetzen, zu satteln und zu reiten, denn das macht sie ja wie gesagt brav. Aber wie ist dann die Grundhaltung des Nervensystems? Richtig: Stress. Und was geht im Stress nicht? Richtig: Lernen. Um Veränderung und Entwicklung zu ermöglichen muss aber Lernen stattfinden, sprich Stress hat da im Pferd nichts zu suchen. Im Menschen übrigens auch nicht…
Also haben wir kurzerhand das Programm geändert. Es war ziemlich deutlich, dass die Reaktion aus der Vergangenheit rührt. Durch reine Gewöhnung ändert sich an ihrer Grundhaltung nicht wirklich viel, außer, dass sie vielleicht lernt, sich noch mehr zusammenzureißen. Um wirklich eine Veränderung ihrer Einstellung zum Satteln - und wie sich dann herausstellte auch zu Decken, Fliegendecken und überhaupt allem, was da von oben auf ihren Rücken kommt - zu ermöglichen, war es wichtig, nicht über ihre Grenze zu gehen.
Was bedeutet das?
Die Besitzerin, die großartigerweise sofort einverstanden war, blieb auf großem Abstand zum Pony mit dem Sattel stehen, währen ich sie ttouchte und sie immer wieder daran erinnerte, dass man den Hals auch loslassen kann.
Ich achte dabei natürlich auf die Spannung im Pferdekörper, darauf, wie es den Kopf hält, ob es zur Seite tritt… da ist es allerdings schon zu spät. Feinere Auskunft über das Stresslevel gibt uns zum Beispiel die Atmung oder ein zusammengepresstes Maul. Sobald ich eins dieser Zeichen bemerkte, stoppte der Sattel.
Schritt für Schritt näherte sich der Sattel, immer mit Pause zum Nachdenken und Entspannen beim Pony. Wir konnten in dieser kurzen Einheit schon sehr nah an sie herankommen, ohne, dass sie davonschoss.
Meine Vermutung ist allerdings, dass es nicht nur ein Problem mit dem Sattel ist, denn die Fliegendecke hat eine ähnliche Reaktion ausgelöst, obwohl sie „die ja kennt“. Das zeigt einerseits wieder sehr klar, dass Wiederholung ohne Veränderung der Wahrnehmung für die Katz ist. Andererseits aber auch, was für ein wichtiger Ausbildungsschritt es ist, Pferden zu erklären, dass Dinge von oben ok sind. Die Betonung liegt auf Erklären, nicht auf Gewöhnen!
In der Jungpferdeausbildung sind diesem Thema eine ganze Reihe von Ideen gewidmet und es wird immer erst dann einen Schritt weitergegangen, wenn das Pferd wirklich bewusst - das heißt, wach, interessiert und wahrnehmend - den vorherigen verstanden hat.
Ich bin immer dankbar, auch wenn das zunächst seltsam klingt, wenn ich solch ein Verhalten sehe, denn das gibt einfach so viel Auskunft darüber, ob ein Pferd wirklich ok ist mit dem, was es für uns tut , oder ob es sich ständig zusammenreißt.
In diesem Sinne, viel Freude!