17/02/2026
Balu war vierzehn Monate alt, als ich ihn kennenlernte. Ein junger Golden Retriever Rüde, der mit seinen Besitzern, einem sehr sympathischen jungen Paar, zu unserem Kanukurs „Paddeln mit Hund“ angemeldet war.
Im ersten Kontakt und bevor die restlichen Kursteilnehmer kamen, habe ich Balu mit meinem Hovawart Noah, zu dem Zeitpunkt gut 3 Jahre alt, für wenige Minuten auf der Wiese frei laufen lassen, um einen ersten Eindruck zu bekommen.
Balu zeigte sich überraschend frech und distanzlos, aber ohne die Goldie-typische infantile Unbeschwertheit. Er zeigte wenig Sozialkompetenz und wirkte vor allem gestresst.
Nach und nach ist dann der Rest der Gruppe eingetrudelt und wir haben unseren Teil des Geländes bezogen, ein schönes Stück Wiese am Wasser, wo wir unsere Kanus, unsere Rucksäcke und unser Essen deponieren konnten, eben alles, was man für einen Tag im Freien so braucht. Dabei habe ich darum gebeten, dass alle darauf achten, dass ihre Hunde auf unserem Areal nicht markieren. Keiner will vollgepinkelte Rucksäcke, keiner will auf einer Wiese sitzen, die zuvor gründlich „getränkt“ wurde.
Da gab es bei Balus Menschen zum ersten Mal große Augen: sie wussten nicht, wie sie das verhindern sollten, denn ihre bisherige Hundetrainerin hatte sie ausdrücklich angehalten, das Markierverhalten ihres jungen Rüden keinesfalls einzuschränken, weil er sonst in seiner Entwicklung Schaden nehmen könne. Die beiden waren also keineswegs unwillig, sie hatten einfach etwas völlig anderes gelernt.
Ich habe ihnen zunächst empfohlen, die Schleppleine gegen die kurze Leine zu tauschen und außerdem Balu nicht dauernd nachzulaufen, wenn er den nächsten Baum ansteuerte, weil ihn dort schnüffeln zu lassen gleichbedeutend mit anschließendem Markieren ist. Da gab es das nächste Mal große Augen, denn die beiden hatten bisher auch gelernt, dass an der Leine vorwiegend Balu das Tempo und die Richtung bestimmte.
Und natürlich hatte das Kind einen Namen: „Bedürfnisorientiertes Training“. Aha. Ich gebe zu, dass ich zu diesem Zeitpunkt das erste Mal davon gehört habe – und dass mich der erste Eindruck nicht überzeugt hat.
Wie auch immer, es war in diesem Rahmen weder leistbar noch meine Aufgabe, Grundsatzdiskussionen mit unschuldigen Ersthundebesitzern zu führen, also bin ich einfach bei meiner Empfehlung geblieben und das hat erstmal geklappt.
Der Anfang eines solchen Kanukurses für zwei- und vierbeinige Anfänger ist notwendigerweise schnöde Theorie. Das heißt, die Menschen stehen auf der Wiese, ihre Hunde bei sich, rund um die Kanus rum, während der Kanuinstruktor in den Kurs einführt und die wesentlichen Dinge erklärt. Nach den ersten fünf langweiligen Minuten lagen die meisten Hunde zu Füßen ihrer Menschen, nach zehn Minuten auch der Rest. Alle außer Balu. Der tigerte weiter an der kurzen Leine hin und her, deutlich gestresst, und kam einfach nicht zur Ruhe. Die Möglichkeit, ihm mittels Platz-Kommando den richtigen Weg zu ebnen, fiel aus, weil Balu dieses Kommando noch nicht konnte. Das war gerade erst im Aufbau.
Nach einer halben Stunde Theorie endlich die erste Praxiseinheit: die Hunde dürfen einer nach dem anderen die Kanus kennenlernen und einsteigen, in der ersten Einheit als Trockenübung mit den Kanus an Land. Je nach Temperament gehen die Hunde da unterschiedlich ran. Von sehr zögerlich bis total forsch ist alles dabei, aber mit der entsprechenden Anleitung meistert es jedes Team. Nur nicht Balu. Balu ist extrem verunsichert und nun zeigt sich ein gravierendes Manko: Balu lässt sich nicht lenken und hat nicht gelernt, seinen Menschen zu vertrauen. Bisher musste der Junghund immer führen, entspannt zu folgen gab es schlicht nicht in seinem Repertoire.
Und nicht nur der Hund war maximal gestresst, auch seine Menschen! Es fühlt sich nämlich scheußlich an, wenn alle Mensch-Hund-Teams – so unterschiedlich sie auch sind – etwas hinkriegen, woran man selbst nun gefühlt scheitert. Im ständigen Bewusstsein, dass man die ganze Gruppe aufhält.
Mit viel Geduld (und viel Leberwurst) hat Balu es irgendwann ins Kanu geschafft. Aber an hinlegen war nicht zu denken. Nicht nur, weil Balu kein Kommando als Hilfsmittel nutzen konnte, er war auch einfach viel zu gestresst dazu.
Und an alle, die jetzt aufschreien: „Der arme Hund! Wie kann man ihm so einen Stress überhaupt zumuten? Da muss man doch abbrechen!“ folgende Hinweise:
1. Es ging darum, in ein Kanu, das stabil auf dem Boden liegt, einzusteigen. Mehr nicht. Das explodiert nicht, das beißt einen nicht in den Hintern, und verursacht auch keinerlei andere Schmerzen! Es ist eine völlig harmlose Übung, die jeder halbwegs gesunde Hund jeder Größe und jeden Alters problemlos bewältigen kann. Kein Fall für den Tierschutz!
2. Ein vierzehn Monate alter Hund, der seit den Welpenbeinen kontinuierlich in einer Hundeschule ist, sollte das Kommando Platz können, ohne einen Nervenzusammenbruch zu bekommen.
3. Und am Wichtigsten: was macht es mit dem Hund, wenn ich an dieser Stelle aufgebe und ihm signalisiere, dass das unzumutbar ist und er das sowieso nicht kann?
Nach dieser Übung wieder eine – diesmal kürzere – Theorieeinheit und bei Balu zeigte sich das gleiche Bild wie zuvor: er tigerte an der Leine hin und her und kam nicht zur Ruhe, mittlerweile mit deutlichem Stressgesicht und einer Besitzerin, die verständlicher-weise den Tränen nahe war.
Also habe ich die beiden, Hund und Frauchen, kurzerhand an den Rand der Gruppe gestellt und ein einfaches Abschalttraining gemacht. Dabei wird die Leine am Halsband befestigt und da, wo sie beim stehenden Hund lotrecht hängend auf dem Boden aufkommt, wird fest ein Fuß draufgestellt. Und dann wird der Hund einfach nicht mehr beachtet, ist aber in seiner Bewegung so weit eingeschränkt, dass er sich nicht mehr weiter in seine Erregung reinsteigern kann durch das ständige hin und her. Es ist eine ganz simple Maßnahme, aber die muss einem halt auch erstmal jemand zeigen.
Etwa fünf Minuten später hat Balu sich zum ersten Mal in gut eineinhalb Stunden hingelegt, weitere fünf Minuten später ist er zu Füßen seines glücklich lächelnden Frauchens fest eingeschlafen.
Übrigens hat Balu die zweite Hälfte des Workshops richtig gut hingekriegt: er war tapfer im Kanu auf dem Wasser, mit der einzigen Einschränkung, dass er meistens gesessen statt gelegen ist, aber unter diesen Umständen, war auch das ein echt großer Erfolg!
Beim Verabschieden sind wir noch über eine weitere „Baustelle“ gestolpert: Balu hatte große Probleme beim Autofahren. Obwohl sie seit Monaten konditionierten, lockten und Leckerchen fütterten, war es jedes Mal ein Kampf, den Hund ins Auto zu kriegen, beim Fahren hatte er Dauerstress, und es war keine wirkliche Besserung in Sicht.
So also habe ich Balu kennengerlernt. Und er ist leider ein sehr typischer Fall eines Hundes, der schrecklich allein gelassen worden ist. Unter professioneller Anleitung, denn seine Menschen wollten nur das Beste für ihren Hund und haben dafür auch noch einen Haufen Geld ausgegeben! Und das ärgert mich wirklich sehr! Ersthundebesitzer haben kaum die Möglichkeit zu erkennen, wann eine angebliche Trainingsmethode einfach nur eine dumme Ideologie ist, wann ein schön klingender Name („bedürfnisorientiertes Training“ – wer wollte das nicht??) fachlich nicht nur falsch ist, sondern sowohl den Hund als auch seine Menschen schändlich im Stich lässt. Und wenn das Konzept nicht aufgeht und die Verhaltensprobleme immer größer werden, dann machen solche Trainerinnen auch noch den Hund dafür verantwortlich. Das macht mich dann ernsthaft wütend, wenn die eigene Inkompetenz dem Schwächsten in der Kette angelastet wird!
Die weitere Entwicklung von Balu
Leider wohnt Balu sehr weit weg, die Anfahrtszeit mit dem Auto liegt bei zwei Stunden je Weg. Deshalb haben wir die ausführliche Anamnese und die Regeln für zuhause telefonisch in engmaschigem Kontakt besprochen und uns danach im Laufe eines halben Jahres insgesamt vier Mal zu längeren Trainingseinheiten hier in Karlsruhe getroffen; zwei Mal waren sie außerdem zu einem Kurzworkshop hier.
Schon die anfänglichen Telefonberatungen haben jede Menge Ruhe in den gestressten Hund gebracht: Balu hat gelernt, zu schlafen. Er schläft nachts durch und kommt auch tagsüber problemlos runter. In dem Maß, in dem seine Menschen gelernt haben, die Verantwortung zu übernehmen und ihn anzuleiten, statt mit Leckerchen zu überreden, konnte Balu sich entspannen und die Kontrolle abgeben. Das hat seinen Stresspegel gesenkt und ihn ansprechbar gemacht.
Auch das Thema Autofahren war sofort erledigt, als das ganze Bohei weggefallen ist und seine Menschen ihm stattdessen Sicherheit gegeben haben. Auch lange Strecken sind total easy für ihn.
Balu läuft locker an der kurzen Leine, läuft in Wald, Feld und Wiese frei, ist gut orientiert und zuverlässig abrufbar. Grundkommandos wie Sitz und Platz sind längst kein Thema mehr, er ist ein zugewandter, fröhlicher und entspannter Hund geworden.
Das Einzige, was zum Glück des Trios noch gefehlt hat war, dass Balu weder spielen noch apportieren wollte. Dafür haben wir uns dann ein letztes Mal zum Einzeltraining getroffen.
In den ersten Probeläufen zeigte sich auf Seiten von Hund und Mensch ein sehr gehemmtes Bild, keine Spur von Ausgelassenheit und Freude, und vor allem machte mich stutzig, dass die ansonsten so liebevollen Besitzer Balu nicht angefasst haben beim Spielen. Kein Streicheln, kein Necken, vor allem keinerlei taktile Aktion an Kopf und Maul. Eine Hemmschwelle, hoch wie eine Wand, die ich mir nicht erklären konnte, weil sie einfach nicht ins Bild gepasst hat. Also habe ich nachgebohrt.
Tja, den beiden ist beigebracht worden, dass sie ihren Hund nicht anfassen dürfen, ohne ihn vorher um Erlaubnis zu fragen. Sie mussten immer ankündigen, bevor sie ihn anfassen wollten.
Ich bin nicht oft sprachlos, aber dazu fiel mir echt erstmal nichts ein.
Nicht nur, dass das natürlich jede Spontanität im Spiel unterdrückt und bspw. ein sanftes Abstreichen der Wangen beim Ausgeben eines Dummies unmöglich macht, es hemmt ja auch das ungezwungene Schmusen und Rumblödeln.
Außerdem verschiebt es einmal mehr die Beziehungsdynamik zu Ungunsten des Hundes.
Und wie ein Hund, der so gehandelt wird, beim Tierarzt damit klarkommen soll, plötzlich von Fremden ungefragt angefasst zu werden, mag ich mir kaum vorstellen. Die Antwort heißt natürlich Medical Training. Aber darüber rege ich mich jetzt nicht auch noch auf.
Nichts von dem, was sie vorher gelernt hatten, war in irgendeiner Weise „bedürfnisorientiert“! Weil es elementare Bedürfnisse des Hundes nicht nur außer Acht lässt, sondern geradezu mit Füßen tritt: sein Bedürfnis nach Führung im Sinne von Anleitung, sein Bedürfnis nach Sicherheit, sein Bedürfnis nach sozialem Lernen – und das bei einem so hochsozialen Lebewesen wie einem Hund! -, sein Bedürfnis nach Vertrauen können und Verantwortung abgeben dürfen, sein Bedürfnis nach Freude, Entspannung und Leichtigkeit.
Als ich das Trio sieben Monate nach unserem Kennenlernen (Balu also knapp zwei Jahre alt) in meinem Workshop „Leise führen“ zuletzt gesehen habe, waren alle drei kaum wiederzuerkennen.
Ein Team. Voller Ruhe, Zugewandtheit, Harmonie und Vertrauen. Und es macht mich in tiefster Seele froh, dass ich ein Teil dieses Weges sein durfte!
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