29/09/2019
📌 Es klingt nicht nach großen Neuigkeiten, was eine französische Studie vor kurzem als Ergebnis veröffentlichte: Reine Boxenhaltung macht Pferde krank.
Die ausschließliche Boxenhaltung ist in der Reiterwelt aber schon seit Jahren in die Kritik geraten und mittlerweile auch schon durch zahlreiche Studien belegt worden.
Interessant an den Untersuchungsergebnissen aus Frankreich ist aber, dass auch Training, Arbeitsroutine und Boxengestaltung wenig bis überhaupt keinen Einfluss auf das eingeschränkte Wohlbefinden des Pferdes in Boxenhaltung haben. Der liebgemeinte Leckstein und der farbenfrohe Gummiball am Boxengitter helfen also wenig gegen Tristes, Langweile und geistige Unterforderung des Tieres. Ein Umstand, den man sich nicht schönreden kann…🤔
Als unterstes Mindestmaß für die Grundfläche einer Pferdebox gilt die Formel: doppelte Widerristhöhe im Quadrat. Das ergibt 12qm für ein Pferd von 1,70m Stockmaß. Ein verhältnismäßig kleiner Raum für ein großes Tier. In vielen Ställen ist dieser Standard auf Grund von baulichem Altbestand aber nicht einmal annähernd erreicht und die Pferde verweilen auf deutlich kleinerer, eigener Fläche. Durch die vielen regionalen Unterschiede lässt sich die Zahl an Pferden, die in der reinen Boxenhaltung leben, schwer ermitteln: Mindestens 30% der Tiere könnten aber in dieser Form gehalten werden.
📌 Was ist die reine Boxenhaltung?
Die reine Boxenhaltung erlaubt es einem Pferd seinem Bewegungsdrang ausschließlich durch das Training in Halle, Führmaschine und Co bzw. unter dem Reiter nachzugehen. In der Regel gibt es wenige Möglichkeiten für soziale Kontakte, da die Boxen häufig vergittert sind und Artgenossen so maximal beschnuppert werden können.
Daneben gibt es noch zahlreiche weitere kombinierte Haltungsformen: Box mit Außenfenster, Box mit direkt angeschlossenem Paddock, Box mit täglichem Weidegang, Laufstallhaltung, etc.
Diese Haltungsformen wurden in der Studie allerdings nicht untersucht – beleuchtet wurden in der französischen Versuchsreihe Warmblüter in ausschließlicher Boxenhaltung.
📌 Warum überhaupt reine Boxenhaltung?
Wenn diese Haltungsform so kritisiert wird, warum existiert sie dann überhaupt?
In erster Linie ist die Boxenhaltung günstig und praktisch für den Pferdebesitzer. Durch die platzsparende Unterbringung existieren auch Ställe in Regionen, in denen gar keine Auslaufmöglichkeiten in Form von Weiden und Paddock geboten werden: Weniger Fläche und Land bedeuten auch weniger Kosten, die an den Pferdehalter weitergegeben werden müssen.
Zudem ist die Boxenhaltung verhältnismäßig sicher für das Pferd. Verletzung durch übermütiges Spielen oder Streitigkeiten mit Artgenossen bleiben aus.
📌Die Studien-Ergebnisse
In der Studie wurden vier negative Verhaltensweisen über einen Zeitraum von 9 Monaten an 187 Pferden beobachtet: Entwicklung von Stereotypien, Aggressivität gegenüber dem Menschen, Unempfindlichkeit gegenüber der Umwelt und stressbedingtes Verhalten. Berücksichtigt wurden dabei diversere Parameter wie Geschlecht, Alter, Trainingsdauer, etc.
Das Ergebnis zeigt, dass sich das Verhalten der Pferde unabhängig von Leistungsniveau oder täglicher Trainingsdauer verschlechterte. Gesteigerte körperliche Aktivität oder Ablenkungen in der Box (Spielzeug) zeigten ebenfalls keine positiven Effekte auf das Wohlbefinden. Lediglich Pferde, die aus dem Fenster sehen konnten, waren weniger aggressiv gegenüber Menschen. Dieser Effekt war auch bei Stroheinstreu (anstatt Spänen) zu beobachten, da hier eine Aufnahme von vermehrtem Raufutter möglich war. Alle anderen Maßnahmen verpufften weitestgehend wirkungslos.
📌 Was verbessert die Lebensqualität des Pferdes?
Die Lösung liegt auf der Hand: Anstatt der reinen Boxenhaltung sollten so oft wie möglich freie Bewegung, ausreichend Sozialkontakt mit anderen Pferden und die Aufnahme von rohfaserreichem Futter möglich sein.
Die gutgemeinten Spielzeuge verhindern nicht, dass ein Pferd in der Box geistig und körperlich unterfordert ist und sich unerwünschtes Verhalten aneignen kann. Es sollte mindestens Sicht-, Hör- und Geruchskontakt zu anderen Pferden gegeben sein. Artfremde Tiere (z.B. Ziegen oder Katzen) ersetzten übrigens keinen Artgenossen…
📌 Auch aus tierärztlicher Sicht ist die reine Boxenhaltung auf Dauer abzulehnen. Die gesundheitlichen Nachteile, die das Pferd durch diese Art der Haltung häufig erfährt, lassen sich nicht mit dem Bestreben nach mehr Sicherheit kompensieren.
Normalweise bewegen sich Pferde im Herdenverband bis zu 16h täglich – hauptsächlich im Schritt, verbunden mit einer stetigen, langsamen Futteraufnahme. Kontrollierte Trainingsbewegungen beinhaltet daher nicht die gleichen Bewegungsabläufe wie die freie Bewegung und können diese nie vollständig ersetzen. Mangelnde Bewegung kann nicht nur oben beschriebene unerwünschte Verhaltensweisen fördern, sondern auch den Bewegungsapparat, die Atemwege und den kompletten Stoffwechsel negativ beeinflussen.
Wir empfehlen dem Pferd täglich freie Bewegungsmöglichkeiten (von idealerweise mind. 4h) ohne den Reiter und das Pflegen von sozialen Kontakten zu Artgenossen, um es langfristig körperlich und mental gesund zu halten. Ausgenommen sind natürlich Pferde, die auf Grund von Erkrankungen oder Rekonvaleszenz zeitweise in reiner Boxenhaltung gehalten werden.
⁉️ Für welche Haltungsform habt ihr euch entschieden – und warum? ⁉️
Glaubt ihr, euer Pferd ist zufrieden mit eurer Wahl? Lasst es uns in den Kommentaren wissen...
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Leitlinien zur Pferdehaltung unter Tierschutzgesichtspunkten gibt es hier:
www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Tier/Tierschutz/GutachtenLeitlinien/HaltungPferde.pdf