05/06/2026
Meine Freytagsgedanken
In meiner Praxis begegnen mir immer häufiger Hunde, die ursprünglich wegen chronischer Darmproblematiken vorgestellt werden. Fast ebenso häufig erzählen die Halter von Veränderungen im Verhalten. Der Hund wirkt reizbarer, ängstlicher, schneller überfordert oder reagiert plötzlich aggressiver als früher.
Natürlich spielen Erziehung, Training und Lernerfahrungen eine Rolle. Verhalten entsteht nie im luftleeren Raum.
Und dennoch beobachte ich immer wieder, dass wir Verhalten häufig auf der Ebene betrachten, die für uns sichtbar ist. Wir sehen die Reaktion. Wir sehen die Unsicherheit. Wir sehen die fehlende Impulskontrolle. Was wir nicht sehen, sind die biologischen Prozesse, die im Hintergrund ablaufen.
Gerade in der modernen Hundewelt wird viel über Methoden diskutiert. Welche Trainingsform die richtige ist. Wie fair Training gestaltet werden sollte. Welche Form von Verstärkung genutzt wird. Wie Verhalten aufgebaut, verändert oder begleitet werden kann.
Das sind wichtige Fragen.
In den letzten Jahren habe ich jedoch gelernt, noch eine weitere Frage zu stellen:
In welchem Zustand befindet sich der Organismus, der dieses Verhalten zeigt?
Denn Lernen geschieht nicht losgelöst vom Körper.
Während die Lerntheorie beschreibt, wie Verhalten entsteht, aufrechterhalten oder verändert wird, beschäftigt sich die Psychoneuroimmunologie mit den Wechselwirkungen zwischen Nervensystem, Hormonen, Immunsystem und Stoffwechsel. Sie betrachtet den Organismus als Ganzes und lenkt den Blick auf Faktoren, die auf den ersten Blick oft wenig mit Verhalten zu tun haben: Schlaf, Entzündungen, Darmgesundheit, Schmerzen, hormonelle Veränderungen oder die Verfügbarkeit von Energie und Nährstoffen.
Je tiefer wir in diese Zusammenhänge eintauchen, desto deutlicher wird, wie eng Körper und Verhalten miteinander verbunden sind.
Ein Hund, dessen Nervensystem dauerhaft unter Belastung steht, trifft nicht dieselben Entscheidungen wie ein Hund, der sich in einem Zustand innerer Stabilität befindet. Ein Organismus, der kontinuierlich Ressourcen für Entzündungsprozesse, Stressbewältigung oder körperliche Regulation aufbringen muss, verfügt nicht über dieselben Kapazitäten für Lernen, Anpassung und Selbstkontrolle.
Das bedeutet nicht, dass Lerntheorie an Bedeutung verliert. Ganz im Gegenteil. Sie liefert uns wichtige Werkzeuge, um Verhalten zu verstehen und zu begleiten.
Gleichzeitig zeigt die moderne Forschung immer deutlicher, dass Verhalten nicht ausschließlich auf der Verhaltensebene entsteht. Hinter jedem Verhalten steht ein Organismus mit seiner individuellen Biochemie, seiner Lerngeschichte, seinen Erfahrungen und seinen körperlichen Möglichkeiten.
Besonders dankbar bin ich meinen Trainerkolleginnen Kirsten von Hundeschule Sarstedt und InCanetion - Nanette Will. Beide begleiten Mensch-Hund-Teams mit viel Fachwissen und einem offenen Blick. Immer wieder verweisen sie Hunde an mich, bei denen sie das Gefühl haben, dass hinter den gezeigten Verhaltensweisen mehr steckt als eine Frage von Training oder Erziehung.
Diese Bereitschaft, über den eigenen fachlichen Tellerrand hinauszuschauen, empfinde ich als große Bereicherung. Denn je länger ich Hunde begleite, desto seltener erscheint mir Verhalten als isoliertes Problem. Häufig zeigt es sich vielmehr als sichtbarer Ausdruck von Prozessen, die tief im Organismus stattfinden.
Je mehr wir über Hunde lernen, desto deutlicher wird, wie eng Körper, Emotionen, Umwelt und Lernen miteinander verwoben sind. Viele Zusammenhänge, die lange als selbstverständlich galten, werden heute differenzierter betrachtet. Neue Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft, der Immunologie und der Stoffwechselforschung erweitern unser Verständnis Schritt für Schritt.
Für mich liegt genau darin der eigentliche Wert wissenschaftlicher Entwicklung: nicht darin, auf jede Frage sofort eine Antwort zu haben, sondern immer bessere Fragen stellen zu können.
Fragen, die uns helfen, Hunde nicht nur über ihr Verhalten zu betrachten, sondern als das, was sie sind – komplexe Lebewesen, deren Körper und Psyche untrennbar miteinander verbunden sind.