07/06/2026
Wenn alles Gewalt ist, ist nichts mehr Gewalt.
Diesen Gedanken habe ich beim Lesen eines Beitrags von Nora Brede zur Gewaltdebatte im Hundetraining mitgenommen.
Der Gewaltbegriff ist so aufgebläht, dass jede Grenze, jede Konsequenz, jeder unangenehme Moment bereits als Gewalt gilt. Selbst die hochgezogene Augenbraue gilt als psychische Gewalt.
Der Begriff hat seine Trennschärfe verloren. Und die Folge ist fatal: Wenn alles Gewalt ist, ist nichts mehr Gewalt.
Echte Gewalt – der geschlagene, misshandelte Hund – geht im Lärm der aufgeblähten Empörung unter. Schutzbedürftige Fälle werden unsichtbar.
Wer jede unangenehme Erfahrung als Gewalt definiert, kommt zwangsläufig zu dem Schluss: Der Hund darf Grenzen nicht spüren. Wer einem Hund jede Erfahrung mit Grenzen erspart, bereitet ihn nicht auf das Leben vor. Er zieht ihn am Leben vorbei.
Das ist Unterlassung, keine Fürsorge.
Die Vorbereitung auf das Leben funktioniert nicht ohne Grenzen, Frustration, Widerstände und die Erfahrung von Konsequenzen – ein Prinzip des Lernens.
Wer nie erfährt, was zu vermeiden ist, entwickelt keine Eigenständigkeit. Er bleibt auf die permanente Steuerung durch den Menschen angewiesen.
Ausschließlich positives Verstärken ist nicht automatisch machtfrei. Es kann ebenso zur Steuerung und Kontrolle eingesetzt werden.
Der Glaube, Kontrolle verschwinde allein dadurch, dass sie freundlich und schmackhaft verpackt wird, ist ein Trugschluss.
Gehorsam im Zuckerpelz
bleibt Gehorsam.
Auch Futter ist Macht.
Auch das Vermeiden von Unbehagen entscheidet darüber, was der Hund erleben darf und was nicht.
Wer den Hund nie Nein spüren lässt, hält ihn im Kopf an der kurzen Leine.
Verhältnismäßige Konsequenzen sind nicht dasselbe wie Züchtigung. Der Hund soll die Folgen seines Handelns erfahren, nicht willkürlich bestraft werden. Wer beides gleichsetzt, macht Beziehung unmöglich.
Ohne Nein kein echtes Ja.
Wer nie Nein sagt, sagt trotzdem etwas:
Diese Grenze ist dir nicht zumutbar.
Diese Erfahrung ist dir nicht zumutbar.
Diese Welt ist dir nicht zumutbar.
Von wegen Schutz:
Das ist Entmündigung.
Und Entmündigung war noch nie ein guter Nährboden für Entwicklung.
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Den Beitrag von Nora Brede, auf den ich mich beziehe, verlinke ich im ersten Kommentar.