19/08/2026
Für mich hat der Gedanke etwas schockierendes und zugleich eine unglaubliche Tiefe.
Denn natürlich kann ich keinem fühlenden Wesen seine Angst verbieten.
Ich kann einem Pferd nicht erklären, dass die Spritze nur ein bisschen pieksen wird. Dass ich ihm als Tierarzt nichts Böses will, dass es eigentlich keinen Grund gibt, sich zu fürchten.
Am liebsten möchte ich in solchen Momenten sagen: "Vertrau mir"
Wenn ich als Tierärztin mit Pferden in belastenden Situationen umgehe, bemühe ich mich genau das zu vermitteln. Auch wenn das Pferd die Geste versteht - Vertrauen entsteht nicht durch Worte.
Ich kann einem Pferd nicht sagen:" Vertrau mir, hab keine Angst" und erwarten, dass genau das passiert. Aber ich kann ihm durch gezieltes Training helfen, eine Situation selbstbewusst zu meistern, in der Angst entsteht.
Ich kann ihm die nötige Zeit geben.
Ich kann kleine Schritte gehen.
Ich kann ihm zeigen, dass es einen Weg gibt, Angst zu überwinden und Schmerz bei der Behandlung geduldig zu ertragen.
Und dass man nicht kämpfen muss, um gehört zu werden.
Medical Training bedeutet für mich deshalb nicht, ein Pferd dazu zu bringen, „zu funktionieren“.
Es bedeutet, Vertrauen aufzubauen auf der Basis absoluter Freiwilligkeit. Vorhersehbarkeit zu schaffen.
Und einem Pferd die Möglichkeit zu geben, schwierige Situationen bewältigen zu lernen.
Es bedeutet für mich ein Pferd charakterlich über sich hinaus wachsen zu lassen, ihm Selbstbewusstsein, Mut und Stärke zu verleihen.
Medical Training bedeutet dem Pferd eine Stimme zu geben.
Dem Pferd das Bestimmungsrecht über den eigenen Körper zurück zu geben. Denn wir dürfen niemals vergessen, dass wir nur deshalb Kontrolle über unsere Pferde haben, weil sie uns gestatten Kontrolle auszuüben.
Freiwillige Kooperation ist unendlich wertvoll. Gerade wenn ein Pferd aufgrund einer Erkrankung regelmäßig untersucht oder behandelt werden muss, ist das mehr als ein schönes Extra. Es kann ein entscheidender Teil einer guten medizinischen Versorgung sein.
Denn manchmal beginnt eine erfolgreiche Therapie nicht mit dem ersten Medikament.
Manchmal beginnt sie damit, dass ein Pferd wieder Vertrauen in die Hände fasst, die ihm helfen wollen.
Und vielleicht ist das einer der schönsten und wichtigsten Bereiche meiner Arbeit:
Pferden dabei zu helfen, nicht nur physisch sondern auch psychisch gesund zu werden.
Sich auch während einer Behandlung sicher fühlen zu können ist für unsere Pferde ein Geschenk.