05/06/2026
Fortsetzung vom 01.06.2026.
Natürlich wird vom QUEN und anderen Akteuren der Qualzuchtkampagne versucht, die Ergebnisse der Studie von O'Neill et al., 2024 zu relativieren. Natürlich wird man weitere Fallserien mit Widderkaninchen produzieren. Natürlich werden diese wieder die gleichen Mankos aufweisen wie alle anderen vorher auch.
Der tatsächliche Wert der Studie von O'Neill liegt eigentlich in den Ergänzungen zum Artikel. Die haben nämlich tatsächlich die kompletten Rohdaten frei zur Verfügung gestellt. In einer Excel-Datei sind für jedes einzelnde Kaninchen alle Erkrankungen, die es hatte, erfasst.
Wenn man diese Datei öffnet, öffnet man das Tor zur Hölle. Mit dem, was man da findet, hatte selbst ich nicht gerechnet - geahnt ja, aber nicht in diesem Ausmaß.
Im Artikel liest sich das noch recht harmlos: "The median disorder count per rabbit was one disorder (IQR 0‒2, range 0‒15)". (Die mediane Anzahl von Erkrankungen pro Kaninchen war 1 Erkrankung). Vorsicht - dieser Median bezog sich auf 3.933 zufällig ausgewählten Kaninchen, also auch gesunden Tieren!
Sieht man sich nur die Kaninchen an, für die eine Otitis externa/media/interna diagnostiziert wurde, betrug der Median der Erkrankungen pro Tier = 5!
Im Mittel hatten Kaninchen in der Studie von O'Neill et al., 2024 mit Otitiden fünf weitere Erkrankungen/Diagnosen. Unabhängig von einer Kopf- oder Ohrform oder einer Körpergröße.
Spitzenreiter war ein Löwenkopfkaninchen mit insgesamt 15 Diagnosen, inklusive Otitis externa und O. media.
Es gab nur 3 Kaninchen, bei denen nur eine Otitis diagnostiziert wurde. Die häufigsten Begleitdiagnosen zu Otitiden bei 39 Kaninchen waren 4x Encephalitozoon cuniculi, 8x Erkrankung der oberen Atemwege, 14x Zahnerkrankungen und 20x überlange Krallen.
Damit wurde zum ersten Mal etwas offengelegt, was in bisherigen Studien zu Ohrerkrankungen bei Kaninchen nicht beachtet wurde: Confounder (und Collider + Mediatoren).
Confounder sind Störgrößen, die als zusätzliche Variable in Studien die Ursache wie auch das Ergebnis beeinflussen und deshalb statistisch herausgerechnet werden müssen.
jetzt wird sich mancher sicher fragen, was denn in meinem Beispiel die überlangen Krallen mit einer Otitis zu tun haben kann. Das Problem lautet Eintrittspforten für Bakterien.
Zu lange Krallen können zu Pododermatitis führen, eine entzündliche Erkrankung der Sohlen der Pfoten. Außerdem ist die Umgebung der Tiere, vor allem die Latrinen, mit verschiedenen Bakterien belastet. Wenn sich Kaninchen putzen, können durch zu lange Krallen Verletzungen in der Haut entstehen, durch die Bakterien eindringen können (Eintrrittspforte). Wer Kaninchen einmal bei Putzriten zugeschaut hat, weiß, wie intensiv vor allem der Kopf, die Ohrbasis und die Ohren geputzt werden. Auf diese Weise kann z. B. eine O. externa ausgelöst werden, die im weiteren Verlauf zu O. media führen kann (nicht muss).
Außerdem können bei Zahnerkrankungen durch Entzündungen im Kiefer oder Abszessen ebenso wie bei Erkrankungen der Atemwege über die Eustachische Röhre die Verbreitung von Bakterien im Ohr begünstigt werden.
Was man in dem Begleitmaterial sieht (wenn man daran interessiert ist) stellt die Realität dar. Keine ausgesuchten Tiere, sondern zufällig ausgewählt aus 160.000 Tieren, die in über 1.000 Tierkliniken vorgestellt wurden.
Im Gegensatz zu hängenden Ohren sind Bakterien nicht sichtbar. Obwohl die mögliche Übetragung von Bakterien bei Erkrankungen im Kopfbereich in das Ohr bekannt ist, wird es in Studien nicht thematisiert. Geradezu klassisch für dieses Problem sind die Studien von De Matos, 2015 und Reuschel, 2018.
Fortsetzung folgt.
Bild: Screenshot eines Excelfiles mit Patientendaten einzelnder Kaninchen mit mehreren Erkrankungen aus dem Begleitmaterial der Studie von O'Neill et al., 2024.