14/09/2022
Die WAEO (World Alliance of Equine Osteopaths) hat dieses Jahr auch wieder eine tolle (Online-) Konferenz zusammengestellt, die mir erneut bewusst gemacht, dass man als Pferde(und auch Hunde)osteopath immer wieder dazu lernen muss und man viele verschiedene Dinge bei der Behandlung in Betracht ziehen kann.
Hauptthema war diesmal der Verdauungstrakt des Pferdes, angefangen von der Anatomie über das Mikrobiom bis hin zur Parasitologie. Besonders interessant war der Vortrag von Donna Blinmann, einer englischen Pferdeosteopathin und Tierärztin, über Zusammenhänge zwischen dem Verhalten des Pferdes, der Stimmung/emotionalen Verfassung des Pferdehalters und Funktionsstörungen des Magen-Darmtrakts. So können z.B. Magenbeschwerden sich durch die Fahrt im Pferdeanhänger verstärken und so zu Widersetzlichkeiten beim Wiederverladen führen. Weitere Symptome könnten auch immer wieder auftretende Hufgeschwüre am linken Vorderbein sein oder auch aggressives Fressverhalten. Häufig fällt dann bei BesitzerInnen von Pferden mit Magenproblemen ein Hang zur Besorgtheit auf. Ein interessanter Zusammenhang, den ich in Zukunft im Auge behalten werde.
Eine weitere Referentin, Tierärztin Madalyn Ward, stellte einen Zusammenhang her zwischen der aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) stammenden 5-Elemente Theorie und der Fütterung von Pferden her. So werden die Pferde anhand ihres Typs und ihrer Eigenschaften in die Elemente Erde, Wasser, Metall, Feuer und Holz eingeteilt. Jedes Element verträgt bestimmte Futtermittel besser oder schlechter, ebenso wie bestimmte Trainingstechniken. Auch dies sicherlich eine Sache, bei der man öfter mal hinschaut, wenn man es weiß.
Lu Ann Groves, ebenfalls eine Tierärztin mit Osteopathieausbildung, sprach über das 4. Larvenstadium des Fadenwurms, der sich so im Gefäßsystem des Pferdes festsetzt und durch Kotproben schwer festzustellen ist, aber durch eine Ultraschalluntersuchung nachgewiesen werden kann. Kennzeichnend für dieses Krankheitsbild ist eine Dysfunktion bzw. eine eingeschränkte Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule und des hinteren Anteils der Brustwirbelsäule, die in einer osteopathischen Behandlung auffällig wird und zeigt, wie wichtig und auch produktiv die Zusammenarbeit zwischen Osteopath und Tierarzt ist.
Die Anatomie und Lage der Organe und des Verdauungsapparates der kompletten Bauchhöhle demonstrierte Ivana Ruddock-Lange, indem sie ihre Präparationen in Foto und Video vorstellte. Sie veranschaulichte deutlich die Anatomie des Zwerchfells und den Zusammenhang zwischen Faszien, Gefäßen und Organen. Auch die Folgen der Kastration, in Form von Gewebsverklebungen im Bereich des inneren und äußeren Leistenrings konnte sie am Präparat erfolgreich darstellen. Die Anatomie vor seinem inneren Auge zu sehen, hilft bei der therapeuthischen Arbeit besonders. Dies war schon einer der Leitsätze von A.T. Still (Begründer der Osteopathie): „You begin with anatomy, and you end with anatomy, a knowledge of anatomy is all you want or need.“ (Man beginnt mit der Anatomie und man endet mit der Anatomie, die Kenntnis der Anatomie ist alles, was man will oder braucht)
Der italienische Osteopath Paolo Tozzi sprach über Dysfunktionen im Körper, wie verschiedene Fehlhaltungen sich gegenseitig beeinflussen und wann es demzufolge besser ist nur einzelne Schlüsselstellen zu behandeln oder den gesamten Körper. Zum Schluss stellte er noch viszerale, die Organe betreffende Behandlungstechniken am Pferd vor.
Die Vielfalt der im Rahmen dieser Konferenz vermittelten Informationen und ihre Praxisbezogenheit machten diese Fortbildung so ertragreich.
Leben ist Bewegung und auch Wissen ist einer gewissen Dynamik unterworfen. Als Osteopathin bin ich immer offen, dazuzulernen und erworbenes Wissen an meine Patienten weiterzugeben.
© Martina Görlich, Physio Pferd und Hund ∙ www.physio-pferd-hund.de