05/09/2026
Alte Spuren: Was können wir wirklich behaupten?
Seit einiger Zeit erreichen mich Nachrichten, in denen mir vorgeworfen wird, ich würde mich beim Thema „alte Spuren“ nicht am aktuellen Stand der Wissenschaft bewegen. Auch mein Buch „Dem Geruch auf der Spur“ halte angeblich an überholten Vorstellungen fest.
Diesmal greife ich das Thema nicht nur kurz im WhatsApp-Kanal auf, sondern nehme mir hier bewusst etwas mehr Raum dafür. Weil es mir zu wichtig ist, um es mit wenigen Sätzen abzuhandeln.
Deshalb möchte ich hier dazu öffentlich Stellung nehmen.
Ich bestreite nicht, dass Hunde unter bestimmten Bedingungen ältere Spuren erfolgreich ausarbeiten können. Ebenso wenig bestreite ich außergewöhnliche Leistungen einzelner Hunde. Was ich jedoch bestreite, ist die Schlussfolgerung, einzelne erfolgreiche Suchverläufe würden beweisen, dass Hunde zuverlässig Wochen oder Monate alte Individualgeruchsspuren verfolgen – oder dabei eine bislang unbekannte, von Geruchsstoffen unabhängige Informationsquelle nutzen.
Denn genau hier beginnt Wissenschaft.
Eine Beobachtung beweist noch nicht ihre Erklärung!
Wenn ein Hund nach mehreren Wochen oder Monaten einen Weg spurennah ausarbeitet, zeigt das zunächst nur, dass er diesen Weg gegangen ist. Es zeigt noch nicht, woran er sich orientiert hat.
Um daraus ableiten zu können, dass er tatsächlich der alten Individualgeruchsspur eines bestimmten Menschen gefolgt ist, müssten andere mögliche Erklärungen ausgeschlossen werden:
* Ortskenntnis und Erinnerung,
* sichtbare, hörbare oder räumliche Hinweise,
* wiederholte Begehungen und spätere Kontaminationen,
* unbewusste Hinweise durch Personen, die Verlauf oder Ziel kennen, etwa durch Blickrichtung, Körperhaltung, Bewegung oder Leinenspannung,
* bekannte Informationen über Start, Richtung oder Ziel,
* eine jüngere Spur der Zielperson,
* der aktuell vom Aufenthaltsort der Zielperson ausgehende Geruch,
* sowie die Möglichkeit, dass der Hund die Person gefunden hat, ohne den gesamten alten Weg zu verfolgen.
GPS-Daten und Videos können dokumentieren, wo ein Hund gelaufen ist. Sie zeigen aber nicht, welche Information er dabei genutzt hat.
Das ist der entscheidende Unterschied.
Und selbst wenn unter kontrollierten Bedingungen nachgewiesen würde, dass ein Hund tatsächlich einer sehr alten menschlichen Geruchsspur gefolgt ist, wäre damit noch kein unbekanntes „Signaturgebilde“ bewiesen. Dafür müssten zusätzlich bekannte stoffliche Erklärungen ausgeschlossen werden – etwa verbliebene flüchtige oder schwerer flüchtige organische Verbindungen, an Oberflächen gebundene Stoffe, Partikel, Abbauprodukte und mikrobielle Stoffwechselprodukte.
Eine erfolgreich ausgearbeitete alte Spur könnte also zeigen, dass verwertbare Geruchsinformationen länger erhalten bleiben als bislang angenommen. Sie beweist aber nicht automatisch, dass diese Informationen nichtstofflich oder energetisch sind.
Empirische Beobachtung und wissenschaftliche Studie sind nicht dasselbe!
Empirie ist ein wichtiger Bestandteil der Wissenschaft. Auch wissenschaftliche Studien sind häufig empirisch. Aber nicht jede Sammlung praktischer Versuche ist deshalb bereits eine wissenschaftliche Studie.
Dafür braucht es eine nachvollziehbare Fragestellung, vorher festgelegte Erfolgskriterien, geeignete Kontrollbedingungen, ausreichend viele unabhängige Versuche, konsequente Verblindung, den Ausschluss alternativer Informationsquellen, eine statistische Auswertung, vollständige methodische Dokumentation und eine unabhängige Überprüfung der Ergebnisse.
Eine beeindruckende Einzelleistung kann eine wertvolle Beobachtung und der Ausgangspunkt einer Hypothese sein. Sie ist aber noch kein Beweis. Auch mehrere ähnlich durchgeführte Versuche lösen dieses Problem nicht, wenn sie denselben methodischen Schwächen unterliegen.
EINE alte Spur beweist keine neue Form der Wahrnehmung!
Derzeit wird die Vorstellung verbreitet, Menschen hinterließen neben Geruchsstoffen ein „energetisch-informationelles Feld“ oder ein dreidimensionales „Signaturgebilde“, das unabhängig von Wind, Wetter, Gezeiten und Liegezeit stabil bleibe. Hunde könnten angeblich sogar dessen räumlich-zeitliche Struktur im „Raum-Zeit-Kontinuum“ lesen.
Das sind außerordentlich weitreichende Behauptungen.
Bislang kenne ich keine veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung, in der ein solches Feld physikalisch nachgewiesen, gemessen, eindeutig definiert oder unabhängig bestätigt wurde. Ebenso bleibt ungeklärt, mit welchem Sinnesorgan der Hund diese Information erfassen sollte.
Ein alter, spurennah ausgearbeiteter Weg weist ein solches Feld nicht nach.
Die Schlussfolgerung lautet sinngemäß:
„Die bekannten Geruchskomponenten können diese Leistung meiner Meinung nach nicht erklären. Deshalb muss eine andere, energetische Information existieren.“
Doch aus einer unvollständigen Erklärung folgt nicht automatisch die Richtigkeit einer beliebigen Alternativerklärung. Dass wir einen Vorgang noch nicht vollständig verstehen, beweist weder ein Energiefeld noch eine neue Materie oder ein Signaturgebilde.
Ein unbekannter Mechanismus darf selbstverständlich als Hypothese formuliert und untersucht werden. Er darf aber nicht als bereits belegte Erkenntnis bezeichnet werden.
Was mein Buch tatsächlich beschreibt:
"Dem Geruch auf der Spur“ reduziert die menschliche Geruchsspur nicht auf „klebende und schwebende Hautschuppen“.
Das Buch behandelt unter anderem:
* flüchtige und schwerer flüchtige organische Verbindungen,
* Hautpartikel und sogenannte Rafts,
* Körpersekrete und Stoffwechselprodukte,
* Hautmikrobiom, mikrobielle Abbauprodukte und Mikrobenwolke,
* Thermik und Luftströmungen,
* Adsorption an unterschiedlichen Oberflächen,
* Temperatur, Feuchtigkeit und Witterung,
* Verlagerung, Veränderung und Kontamination von Geruch,
* Erwartungseffekte und den Klugen-Hans-Effekt,
* sowie die Grenzen unseres heutigen Wissens.
Feste Partikel und flüchtige Stoffe sind dabei keine konkurrierenden Erklärungen. Hautmaterial, Sekrete und Mikroorganismen können wiederum flüchtige Substanzen freisetzen. Der Hund muss also kein festes Hautstück „riechen“, um Informationen zu nutzen, die ursprünglich mit diesem Material verbunden waren.
Ich behaupte an keiner Stelle, Entstehung, Zusammensetzung und Alterung einer menschlichen Geruchsspur seien abschließend geklärt. Wissenschaftlich korrekt ist es, kenntlich zu machen, was wir wissen, was wahrscheinlich ist und was wir noch nicht wissen.
Genau deshalb bin ich überzeugt, dass „Dem Geruch auf der Spur“ den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand abbildet: nicht weil es auf jede Frage eine endgültige Antwort gibt, sondern weil es zwischen Erkenntnis, plausibler Hypothese und unbelegter Behauptung unterscheidet.
Ich bin jederzeit bereit, mich korrigieren zu lassen!
Als ich das Thema alte Spuren zuletzt im Zusammenhang mit ihrer möglichen Bedeutung vor Gericht aufgegriffen habe, erhielt ich zahlreiche Zuschriften.
Fast allen antwortete ich sinngemäß dasselbe:
Ich lerne sehr gerne dazu und bin bereit, mir solche Leistungen unter kontrollierten Bedingungen anzusehen. Ich sichere vollständige Diskretion zu. Niemand wird öffentlich vorgeführt. Über die Versuche sprechen wir nur dann öffentlich, wenn sie erfolgreich sind. Und wenn sich zeigt, dass meine Einschätzung falsch war, werde ich dazu stehen.
Auf dieses konkrete Angebot bekam ich anschließend keine Antwort mehr.
Es genügt nicht, mir zu schreiben, der eigene Hund könne Wochen oder Monate alte Spuren zuverlässig verfolgen. Wenn diese Fähigkeit als Tatsache verbreitet oder für Einsätze und Gerichtsverfahren herangezogen wird, muss sie sich unter kontrollierten und verblindeten Bedingungen zeigen lassen.
Nicht nur einmal. Nicht mit einem bekannten Trailverlauf. Nicht dort, wo der Hundeführer das Ziel kennt. Und nicht unter Bedingungen, bei denen sich im Nachhinein für jede Entscheidung des Hundes eine passende Erklärung finden lässt.
Der wichtigste Punkt betrifft vermisste Menschen!
Wir können noch so oft und laut behaupten, Hunde könnten Spuren nach Wochen, Monaten oder sogar einem Jahr zuverlässig verfolgen: Die Erfolgsquote im realen Einsatz wird dadurch nicht höher.
Im Gegenteil: Solche Aussagen können dem Einsatzgeschehen massiv schaden.
Wenn bei Polizei, Einsatzorganisationen, Angehörigen oder Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, Mantrailer könnten ohnehin noch Wochen oder Monate später eingesetzt werden, verlieren wir das Wichtigste:
Zeit!
Mantrailer müssen möglichst früh alarmiert werden. Nicht irgendwann.
Mit jeder Stunde verändern sich die Bedingungen. Es entstehen neue Kontaminationen, weitere Menschen bewegen sich im Gebiet und Fahrzeuge, Wetter sowie Einsatzmaßnahmen verändern die Geruchslage. Gleichzeitig kann sich die vermisste Person weiter entfernen, verletzt sein, auskühlen, überhitzen oder medizinische Hilfe benötigen.
Die Behauptung, ein Hund könne „das später auch noch“, darf niemals zu einer verspäteten Alarmierung führen.
Auch vor Gericht müssen wir äußerst vorsichtig sein. Ein alter Trail wird nicht dadurch beweiskräftig, dass ein Hund ihn scheinbar überzeugend ausarbeitet. Gerade dort brauchen wir standardisierte Abläufe, Verblindung, vollständige Dokumentation, geeignete Kontrollen und eine zurückhaltende Interpretation.
Ein Hund ist ein Lebewesen und kein Messgerät. Und sein Hundeführer wird nicht zum Messtechniker, nur weil er die Leine hält und den Suchverlauf aufzeichnet.
Mein Standpunkt lautet deshalb nicht: Hunde können das unmöglich.
Mein Standpunkt lautet:
Außergewöhnliche Leistungen verdienen Aufmerksamkeit.
Hypothesen verdienen Überprüfung.
Behauptungen benötigen Belege.
Und je größer die möglichen Folgen für Einsatz und Justiz sind, desto höher müssen unsere Anforderungen an diese Belege sein.
Wissenschaft bedeutet nicht, an alten Vorstellungen festzuhalten. Sie bedeutet aber ebenso wenig, eine neue Erklärung für richtig zu halten, nur weil sie faszinierend klingt.
Wissenschaft bedeutet, sich irren zu dürfen – und so zu prüfen, dass ein Irrtum sichtbar werden kann.
Bis belastbare, kontrollierte und unabhängig überprüfte Daten vorliegen, werde ich die Vorstellung einer über Monate hinweg stabilen und von Umweltbedingungen unabhängigen „Signatur“ nicht als wissenschaftliche Tatsache darstellen.
Nicht, weil ich Neues ablehne.
Sondern weil ich Wissenschaft ernst nehme.