05/09/2017
"Die Sattellage" ....oder..."warum es leichter ist Osteotherapeut-oder Physio zu sein als ein Sattler ;)"
Eine der bei Reitpferden häufigsten Auffälligkeiten sind mehr oder weniger ausgeprägte Verspannungen in der Sattellage.
Häufig in der hinteren Sattellage. Und häufig ist nicht der Sattel (oder der Sattler ;)) daran Schuld...
Natürlich sollte dieser in Form und Polsterung zur Rückenlinie, zum Muskeltyp des Pferdes und zum Reiter passen, aber viel wichtiger ist wie immer die Reitweise!
Hier ein paar Fakten:
- das Pferd ist nicht zum Tragen von Lasten geboren. Damit wir es lange als gesundes Reitpferd erhalten müssen wir es schaffen das Pferd "über den Rücken" zu reiten. Das bedeutet das der Rücken sich aufwölbt und der Reiter auf dieser gespannten Konstruktion Platz nehmen kann! Das Pferd braucht hierzu vor allem Kraft in der Bauchmuskulatur und muss sich aktiv im Brustkorb entgegen der Schwerkraft stabilisieren.
Neben den Bauchmuskeln sind es vor allem die Rumpftragemuskeln, die für die Stabilisation des Brustkorbes aktiv werden müssen. Allen voran der m.serratus ventralis sowie der m.subclavius. Zusammen mit der Brust- und Schultergürtelmuskeln sorgen sie dafür, dass der Brustkorb und der Schultergürtel gegen die Schwerkraft stabilisiert werden!!
Dadurch kommt die Brustwirbelsäule und die Halsbasis weiter nach oben und muss hier gehalten werden....die Bauchmuskeln arbeiten dabei gemsinsam mit den Rumpfträgern.
Erst dann wird es den Rückenmuskeln ermöglicht, zu arbeiten, .....zu halten oder zu bewegen.
Übrigens: Dauernd wird zum Teil mit Hilfsmitteln an der aktiven Hinterhand gearbeitet! Diese kann aber nur aktiv werden bzw mit einem viel geringeren Kraftaufwand arbeiten, wenn der Rumpf stabilisiert ist. Hängt der Rumpf /Brustkorb durch, so muss die Muskulatur der Hinterhand gegen ein fast unüberwindbaren Widerstand anarbeiten!
Folge: Überlastung der entsprechenden Hinterhandmuskulatur.
Der Schlüssel ist der stabilisierte Brustkorb und die Halsbasis.
Die reelle Versammlung und Stabilisation ist vor allem für ein junges Pferd kraftmäßig schwierig ist muss es den Rücken über den langen Helbel des Halses aufwölben. Von hinten muss die Hinterhand angeschoben werden um die Aufwölbung des Rückens und das Anheben des Brustkorbes perfekt zu machen!
Achtung: es heißt vorwärts-abwärts und nicht rückwärts-abwärts! Nur weil das Pferd den Hals irgendwie rund macht geht es noch lange nicht über den Rücken. Besonders der Übergang der Halswirbelsäule zur Brustwirbelsäule kommt leider viel zu häufig unter zu starken Druck.
Erst wenn das Pferd Kraft in der Hinterhand und in der Bauchmuskulatur entwickelt kann es sich reell tragen und versammeln.
Der Weg geht also nur über die Losgelassenheit zur Versammlung
-Die reelle Versammlung ist für das Pferd ein großer Kraftaufwand.
Hier ist die Kraftausdauer der Muskeln gefragt. Das geht nur über einen bestimmten Zeitraum gut. Reitet man also ewig in der Versammlung...ohne Pause , ohne zwischenzeitliche Pause durch die Überprüfung der Losgelassenheit.... übersäuert die Muskulatur.
Das Pferd kann kräftemäßig die Brücke auf der der Reiter sitzt nicht aufrechterhalten. Nun wird die oberflächliche Rückenmuskulatur zum Tragen des Reitergewichts rangezogen! Und dafür ist sie nicht gemacht! Die oberflächlichen Muskel haben Bewegungsfunktion!
In meinen Behandlungen sehe ich mir die Pferde immer freilaufend an der Longe an. Hier ist häufig zu sehen das die Muskeln vor der Behandlung besonders in der Oberlinie dauerhaft angespannt sind und nicht wie sie es sollten abwechselnd an- und entspannen.
Fazit: Nie länger als 3-4 Minuten versammelnde Lektionen, sondern immer wieder Pausen einbauen, Losgelassenheit überprüfen, entlasten.
- Sind die Rückenmuskeln und die Rumpfträger eine längere Zeit verspannt, werden andere Muskeln herangezogen und müssen Mehrarbeit verrichten. Folge: sie verspannen, werden empfindlich.
Ebenso die Gegenspieler: Die Bauchmuskeln! Sie müssen in einer überdehnten Position arbeiten. Folge : Sie verspannen! (Der Pferdebesitzer sagt kitzelig, ich sage : verspannt)
Es bilden sich sogenannte Triggerpunkte (schmerzauslösende Punkte in der Muskulatur). Diese bleiben auch dann bestehen wenn der kompetente Sattler den Sattel noch so gut angepasst hat.
(Fazit: Sattler möchte ich nicht sein ...denn es ist nicht immer der Sattler schlecht weil das Pferd nach der Sattelanpassung immer noch nicht läuft)
Die Triggerpunkte bleiben bestehen, sie persistieren bei Nichtbehandlung...auch wenn die Ursache abgestellt wurde.
- die Sattellage ist der Balancepunkt . Stimmt hier das Verhältnis zwischen Flexibiliät und Stabilität nicht hat dies Folgen in alle Richtungen....je nachdem wie empfindlich das Pferd reagiert, wie gut oder schlecht es kompensieren kann.
- Taktunreinheiten, verminderte Lastaufnahme in der Hinterhand, Stellung, Biegung, verminderte Bewegungsausmaße, "Widersetzlichkeit", Unzufiedenheit des Pferdes, Stress, Lektionen klappen nicht mehr wenn vermehrte Kraft gefragt ist, das Pferd kann sich nicht strecken und dann auch nicht versammeln etc ...
Ich wollte nur ein paar kurze Antworten geben auf häufige Fragen :
Fazit: Hat nicht geklappt! Man könnte so viel mehr aufführen (Fütterung, Haltung, Kommunikation)
Jedes Pferd reagiert unterschiedlich stark auf zu frühe Belastung, zu hohe Anforderungen, schlecht sitzende Reiter oder Sättel.
Auch der Wald- und Wiesenreiter muss sein Pferd reitbar machen.
Das Pferd soll mit den Jahren ausdrucksvoller werden.
Wenn man sich ein lebendiges Wesen zum Freizeit - oder Sportpartner macht sollte man ein gutes Auge darauf haben. Ein Pferd wird dann ein toller Freizeitpartner sein oder im Sport Bestleistungen bringen können.
"Schade das die Pferde nicht sagen können was sie haben" ...das höre ich sehr oft. Antwort: Sie tun es die ganze Zeit und zwar mit einer ziemlichen Ehrlichkeit. Wir müssen es nur verstehen !
Ich bin dankbar für meinen Job und das was ich von den Pferden lernen darf.
Achtsam sein!