21/03/2025
Die große Schwäche vieler Menschen ist die undifferenzierte, inflationäre Verwendung wichtiger Begrifflichkeiten.
Immer und immer wieder wird im Hundetraining der Begriff GEWALT verwendet, obwohl die wenigsten wissen, wie dieser Begriff eigentlich genau definiert wird!
Schnell wird ja bei Definitionen der Ruf nach wissenschaftlich fundierten Beschreibungen laut.
Völlig zurecht, und deshalb greifen wir die Definition von Dr. Helga Theunert auf.
Helga Theunert ist Honorarprofessorin für Medienpädagogik am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Leipzig.
Erstes Bestimmungskriterium für GEWALT ist für Helga Theunert die „bei dem Betroffenen feststellbare Folge, die durch GEWALT bewirkte Schädigung…
Das Ziel der Gewaltausübung tritt gegenüber der Folge in den Hintergrund, es ist sekundäres Bestimmungskriterium“.
Damit müssen in der Folge einer Gewalteinwirkung die Aspekte einer Schädigung erkennbar werden.
Nehmen wir diese Definition mal ernst und übertragen sie bildlich auf eine Hundebegegnung:
Wenn ein Hundebesitzer in einer Hundebegegnung seinen pöbelnden Hund mit einem körperlichen Anrempeln nach hinten drängt, müssen wir dann von GEWALT sprechen, wenn wir in der Folge die durch GEWALT bewirkte Schädigung feststellen. Eine Schädigung kann sowohl physisch als auch psychisch erfolgen. Im schlimmsten Fall wird der Hund tatsächlich körperlich verletzt (Schädigung) oder sozial so verunsichert, dass die Einwirkung unter psychischen Gesichtspunkten nachhaltige Spuren hinterlässt (Schädigung).
War das Anrempeln so heftig, dass der Hund sein Vertrauen gegenüber dem Menschen nachhaltig verliert, würde ich den Begriff GEWALT somit jederzeit befürworten.
Spätestens jetzt muss jedem klar werden, dass alle Menschen, die mit Hunden umgehen, dies auch unbedingt gewaltfrei tun sollten.
Eine erzieherische Einwirkung darf ganz einfach keine nachhaltig negativen Folgen aufweisen.
Doch wie ist es zu bewerten, wenn eine vergleichbar restriktive Einwirkung (Anrempeln und nach hinten drängen) bei einem anderen Leinenpöbler positive Folgen hinterlässt.
Dazu nehmen wir an, dass sich der Hund nach dem körperlichen Anrempeln durchaus beeindruckt zeigt (was ja auch gewollt ist), anschließend aber unter diesem Eindruck wieder neben seinem Menschen geht und das Pöbeln einstellt. Er vermeidet ganz einfach die negative Konsequenz seines Handelns. Der Mensch freut sich und lobt dann seinen Hund nachfolgend in jeder pöbelfreien Hundebegegnung. Schädigungen sind weder physisch noch psychisch erfolgt. Es ist somit weder ein Vertrauensverlust noch sonstige negative Spuren zu erkennen.
Im Gegenteil, die klare erzieherische Vermittlung von unerwünschtem Verhalten und erwünschtem Verhalten dürfte sich sogar positiv auf die Mensch-Hund-Beziehung auswirken.
Der Hund bekommt Orientierung und Planungssicherheit vermittelt.
Damit lässt sich in dieser von mir beschriebenen Situation GEWALT ganz einfach nicht feststellen.
Übrigens definiert auch das Strafgesetzbuch Gewalt als „Misshandlung oder Schädigung“ der Gesundheit.
Gewalt hinterlässt feststellbare Spuren / Schädigungen. Sind solche nicht vorhanden, ist die Verwendung des Begriffes GEWALT ganz einfach nicht angebracht bzw. inkorrekt.
Wie so oft im Hundewesen werden Begriffe teilweise inflationär verwendet, ohne die tiefere und vor allem korrekte Bedeutung der Begriffe genauer zu kennen.
Somit muss letztlich jedem klar sein, dass Zwang oder sogenannte „Strafreize“ in der Hundeerziehung niemals pauschal mit Gewalt gleichgesetzt werden dürfen. Dies ist in keiner Weise kompetent, weil schlicht und einfach falsch! Und dennoch sehen sich viele Hundebesitzer täglich mit angeblichen Gewaltvorwürfen konfrontiert, wenn sie ihre Vierbeiner erzieherisch reglementieren.
UPDATE aus gegebenem Anlass.
---Definition von GEWALT durch die Psychologie (unter anderem): Gewalt ist die vorsätzliche Anwendung physischer Kraft oder Macht, ob angedroht oder tatsächlich, gegen sich selbst, eine andere Person oder eine Gruppe oder Gemeinschaft . Sie führt zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Entwicklungsstörungen oder Deprivation oder hat MIT HOHER WAHRSCHEINLICHKEIT FOLGEN! (WHO, 2017).
---Und dann wäre da noch ein Auszug aus dem Lexikon für Psychologie: "Gewalt [engl. violence], [RF, SOZ], abgeleitet von «walten»; bedeutet Macht oder das Recht, über Dinge und Menschen zu herrschen. Meistens wird Gewalt im Zusammenhang mit physischem und/oder psych. Zwang verwendet, durch den Menschen und Dinge einer fremden Herrschaft unterworfen und geschädigt werden".
https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/gewalt
Die letzten drei Worte dieser Psychologie-Definition: ...UND GESCHÄDIGT WERDEN.
Thomas Baumann, 21.03.2025