29/04/2026
Warum der Hund jagt - und der Wolf nicht
Wir haben einen schönen Clip für euch, indem wir euch einen großen Unterschied zwischen Wolf und Hund zeigen können:
die Hunde hetzen -
und der „Wolfhybrid“ nicht.
Aber wie kann das denn sein?
Da der Hund vom Wolf abstammt, hat der doch bestimmt seinen „extremen Jagdtrieb“ von ihm geerbt. Und Hunde jagen - wie wir wissen - ja „alles und immer“.
Also ist das beim Wolf doch auch so …
Nö.
Tatsächlich mussten wir ziemlich an dem Hund „herumbasteln“ - im Rahmen der Domestikation - damit der überhaupt so jagt, wie wir das wollen.
Der Wolf tut das nämlich nicht.
Jedenfalls nicht so wie unsere Hunde.
Natürlich hat der Wolf einen „Jagdtrieb“ - der Unterschied liegt aber darin, wie sein Jagdverhalten organisiert und wie es ausgelöst wird.
Menschen, die befürchten, von einem Wolf auf ihrem Fahrrad „gejagt und erbeutet“ zu werden, sollten hier nun besonders gut aufpassen:
beim Wolf ist die Jagd eine geschlossene (!) Verhaltenskette (darüber haben wir schon etwas gepostet als es um den Hamburger Wolf ging).
Also so:
Orientieren - Einschätzen(!) - Anschleichen - Hetzen - ggf. Zugriff - Töten -
Diese Verhaltenskette wird nur dann „aktiviert“, wenn es sich lohnt (Energie), ein einzelner Reiz, selbst eine Fährte oder eine Bewegung werden gefiltert und - vor allem - bewertet!
Augustin läuft hier (im Reel) nicht mit den jagenden Hunden mit - er fragt (bewertet), ob sich das lohnt (Fuchsfährte ist schon einige Stunden alt!).
Und die Hunde?
Die jagen!
Denn, die Verhaltenskette wurde im
Rahmen der Domestikation „zerteilt“ beziehungsweise fragmentiert.
Einzelne Sequenzen wurden hypertrophiert, also übermäßig verstärkt, und - wichtig - vom ursprünglichen Zweck (Jagdbeute) entkoppelt.
Warum?
Weil wir Hunde für bestimmte Zwecke brauchten, zum Beispiel wie hier (Reel) zu sehen für die Fährtenarbeit, zum Stöbern, für die Jagd.
Aber auch der Hütehund ist so entstanden - indem gewisse Jagdszenen hypertrophiert wurden.
Und das bedeutet, dass unsere Hunde schon auf einzelne kleinste Reize, wie beispielsweise ein Geruch, eine Bewegung (den schnellen Fahrradfahrer!) mit starken, und extrem selbstbelohnenden Verhalten reagieren - auch ohne funktionalen Sinn dahinter (immerhin: der Fahrradfahrer soll nicht (unbedingt) gefressen werden … 😉 ).
Selbstbelohnend - weil die entkoppelten Jagdsequenzen durch das hündische Belohnungssystem verstärkt werden - das Ergebnis sehen wir hier:
schon das Stöbern empfinden die Hunde (gerade die Dackel) als Highlight, sie brauchen nicht (mehr) den Erfolg der Jagd.
Mit einem Wolf wäre eine gemeinsame Jagd, so wie wir sie kennen, ziemlich mühselig.
Der prüft nämlich genau, ob es sich überhaupt lohnt.
Man spricht hier von einer „primär bedarfsgekoppelten intrinsischen Motivation“.
Der Wolf jagt also nicht einfach so, zb weil er eine schnelle Bewegung wahrnimmt (oder die alte Fuchsfährte bemerkt). Das wäre viel zu riskant und eine Energieverschwendung.
Er bewertet zuvor. Und benötigt mehrere bestimmte Faktoren die sein Jagdverhalten überhaupt auslösen.
Ein Mensch auf dem Fahrrad gehört übrigens nicht dazu.
Der (wohl immer) hungrige Wolf
Tja. Das hören wir ja ganz oft.
Augustin sei ja satt. Das könnte man ja gar nicht vergleichen.
(Satt ist er hier übrigens ganz und gar nicht).
Und Hunger ist auch nicht ganz so ausschlaggebend wie viele denken.
Leider wird der Wolf aber häufig nur auf das Fressverhalten reduziert -
In der Verhaltensbiologie gilt Hunger als „motivationaler Grundzustand“. Das heißt, er kann Verhalten verstärken, aber bestimmt Verhalten nicht allein!
Hunger erhöht zwar die Bereitschaft zu jagen - (und unsere zum Kochen) - aber er ersetzt niemals die Bewertung, also:
RISIKO, Aufwand, und Beutetyp!
Das heißt, ein hochspezialisiertes Raubtier verliert bei Hunger nicht den Verstand - er frisst deshalb nicht kleine fahrradfahrende Kinder.
Weil er eben trotzdem nicht wahllos (und kopflos) jagt!
Er bleibt reguliert um zu bewerten.
Aber: der Hund tut das. Er jagt hinterher.
Weil Jagen sich guuuut anfühlt.
Ihr seht, nicht alles, was wir heute beim Hund sehen, stammt direkt vom Wolf, erst recht lässt sich nicht einfach alles auf bloße „Instinkte‘ reduzieren.
Vieles haben wir verändert, durch die Domestikation.
Und je genauer wir hinsehen, desto klarer werden die Unterschiede in ihrem Verhalten.
Und genau diese Unterschiede zu verstehen, ist der Schlüssel für ein friedliches Zusammenleben mit dem „Urvater“ unserer geliebten Hunde.
Statt zu jagen, hat Augustin sich nur wieder in den Hinterlassenschaften von Meister Reineke gewälzt. Warum, verrät er uns gerne mal wann anders.
Also:
Wie wir im Reel so schön sehen, gibt es beim Wolf nicht den simplen Auslöser - Augustin rennt hier nicht einfach mit. Obwohl die Hunde rennen.
Weil der Wolf sich reguliert, Reize bewertet, bevor Verhalten ausgelöst wird.
Das erklärt auch, dass bei Wolf-Hund-Mischlingen (Wolfhunden) sowohl kontrolliertes, abwartendes Verhalten (wie beim Wolf), aber auch das reaktive Verhalten (wie beim Hund) auftreten kann - je nach genetischer Veranlagung (und natürlich Sozialisation+Lernerfahrung!).
PS
Ach, kleine (womöglich wuschelige) hetzende Hunde im Wald kann ein Wolf durchaus als Beute (oder als Konkurrenz!) bewerten!
Daher:
lasst eure Hunde - auch wegen der anderen Wildtiere - nicht einfach so im Wald Spurjagen oder Hetzen!
Und, denkt immer dran, durch operante Konditionierung kann sich Jagdverhalten beim Hund schnell verstärken und festigen - also wenn es sich für ihn gut anfühlt (Erfolgserlebnisse).
(Ja, der Wolf lernt natürlich auch operant. Aber bei ihm ist viel entscheidender (er prüft stärker), ob sich Verhalten wirklich lohnt!).
Foto: ein nicht alles kopflos jagendes Raubtier