09/06/2026
Hundetraining ist keine Geschmackssache – was die Wissenschaft dazu sagt
Immer wieder wird behauptet, die Wahl der Trainingsmethode sei „Ansichtssache“ oder jeder Trainer habe eben „seine eigene Philosophie“. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Aussage jedoch problematisch.
Natürlich gibt es viele Wege, einem Hund ein Verhalten beizubringen. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Welche Methode erzielt zuverlässig Lernerfolge, ohne dabei unnötige Risiken für das Wohlbefinden, die Gesundheit und die Mensch-Hund-Beziehung zu verursachen?
Genau diese Frage wurde in den letzten Jahrzehnten in zahlreichen wissenschaftlichen Studien untersucht.
Die Ergebnisse zeigen ein bemerkenswert einheitliches Bild:
Belohnungsbasiertes Training führt zu guten Lernerfolgen, fördert positive Emotionen, stärkt die Bindung zwischen Mensch und Hund und geht mit weniger Stress, Angst und problematischen Verhaltensweisen einher.
Demgegenüber stehen Methoden, die auf Einschüchterung, körperlicher Einwirkung, Leinenruck, Schreckreizen, Bedrohung oder anderen Formen positiver Strafe und negativer Verstärkung beruhen. Diese Methoden erhöhen nachweislich das Risiko für Stress, Angstreaktionen, Meideverhalten und Aggression.
Besonders deutlich wurde dies in einer groß angelegten Studie der Universidade do Porto. Hunde aus Hundeschulen, die aversive Trainingsmethoden verwendeten, zeigten höhere Cortisolwerte, mehr Stresssignale während des Trainings und langfristig schlechtere Ergebnisse in Tests zum emotionalen Wohlbefinden als Hunde aus belohnungsbasierten Hundeschulen (Vieira de Castro et al., 2020).
Auch eine Übersichtsarbeit von Ziv (2017), die die verfügbare Forschung zu aversiven Trainingsmethoden zusammenfasste, kam zu dem Schluss, dass die Risiken solcher Methoden die potenziellen Vorteile deutlich überwiegen und belohnungsbasierte Verfahren vorzuziehen sind.
Darüber hinaus zeigen zahlreiche Studien, dass Bestrafung zwar Verhalten kurzfristig unterdrücken kann, jedoch nicht erklärt, welches Verhalten stattdessen erwünscht ist. Nachhaltiges Lernen entsteht dagegen vor allem durch die Konsequenzen, die Verhalten lohnenswert machen. Genau darauf basiert moderne Lerntheorie.
Dieses Wissen ist keineswegs neu. Bereits die Grundlagenforschung von B. F. Skinner und vielen nachfolgenden Verhaltenswissenschaftlern zeigte, dass Verhalten durch seine Konsequenzen beeinflusst wird. Moderne Tiertrainingsmethoden in Zoos, bei Assistenzhunden, im Medical Training, bei Artenschutzprojekten und im professionellen Tiertraining weltweit basieren deshalb überwiegend auf positiver Verstärkung.
Wenn wir heute wissen, dass eine Methode gleich gute oder bessere Lernerfolge erzielt und gleichzeitig weniger Stress, weniger Angst und weniger Risiken für den Hund mit sich bringt, stellt sich nicht mehr die Frage, welche Methode „härter“ oder „konsequenter“ ist.
Die entscheidende Frage lautet:
Warum sollten wir eine Methode wählen, die nachweislich mehr Risiken birgt, wenn eine andere Methode mindestens genauso effektiv und gleichzeitig tierschutzgerechter ist?
Genau deshalb ist modernes, positives Hundetraining keine Modeerscheinung und keine persönliche Vorliebe einzelner Trainer. Es ist die Trainingsform, die aktuell am besten durch die wissenschaftliche Evidenz gestützt wird.
Quellen
Vieira de Castro, A. C., Barrett, J., de Sousa, L., & Olsson, I. A. S. (2020). Carrots versus sticks: The relationship between training methods and dog-owner attachment and dog welfare. PLOS ONE, 15(11).
Ziv, G. (2017). The effects of using aversive training methods in dogs – A review. Journal of Veterinary Behavior, 19, 50–60.
Cooper, J. J. et al. (2014). The welfare consequences and efficacy of training pet dogs with remote electronic training collars. PLOS ONE, 9(9).
Hiby, E. F., Rooney, N. J., & Bradshaw, J. W. S. (2004). Dog training methods: Their use, effectiveness and interaction with behaviour and welfare. Animal Welfare, 13, 63–69.
China, L., Mills, D. S., & Cooper, J. J. (2020). Efficacy of dog training with and without remote electronic collars versus a focus on positive reinforcement. Frontiers in Veterinary Science, 7.