06/07/2019
Wenn aus zu viel zu wenig wird.
Es gibt heute viele Pferde die untertrainiert sind und deutlich mehr muskelaufbauende Arbeit nötig hätten. Es gibt aber auch immer wieder „übertrainierte“ Pferde, die viel arbeiten, aber der Muskelaufbau nicht so voran geht, wie man sich das wünschen würde. Manchmal geht das sogar so weit, dass solche Pferde anstatt aufzubauen, Muskulatur verlieren, die schon einmal da war.
Wie kann das sein? Das im Training oft unterschätzte Phänomen heißt Superkompensation bzw. ein Mangel an dieser. Zu viel, zu lange, zu schwer, zu oft trainieren, kann Muskelschwund bewirken. Einfach nur viel arbeiten macht keinen Sinn. So funktioniert Muskelaufbau nicht.
Das Prinzip der Superkompensation besagt, dass der Körper nach einer Trainingsbelastung nicht nur die Bereitschaft zur Erbringung des gleichen Leistungsniveaus wiederherstellt, sondern im Verlauf der Erholung (Regeneration) die Leistungsfähigkeit über das ursprüngliche Niveau hinaus steigert und über einen bestimmten Zeitraum auf diesem Niveau hält.
Wird dieses höhere Leistungsniveau jeweils für die neue Trainingseinheit genutzt, kommt es zu einer über einen längeren Zeitraum anhaltenden, aber nach oben begrenzten Leistungssteigerung. Ist die Regenerationsphase zwischen Trainingsbelastungen zu groß, geht der Trainingseffekt wieder verloren. Wird hingegen zu viel oder/und zu intensiv trainiert, hat der Körper nicht genügend Zeit zur Regeneration und das Leistungsniveau sinkt (Übertraining). (Wikipedia)
Zu viel für diesen Zeitpunkt, zu lange für das momentane Leistungsniveau, zu schwer für die verfügbare Kraft und zu oft dasselbe, sind dafür verantwortlich, dass Pferde im Laufe des Trainings nicht besser sondern schlechter aussehen. Wenn ein Pferd bereits gut aufgemuskelt hatte und das dann wieder Rückschritte macht, sollte man überprüfen, was sich im Training und in der Fütterung geändert hat. Die Ursachen können vielfältig sein, aber dass man evtl. zu viel und zu gleichförmig reitet, haben manche nicht auf dem Schirm.
Für ein Pferd im Aufbau ist es nicht sinnvoll jeden Tag geritten zu werden bzw. dieselbe Art des Trainings zu praktizieren. Jeden Tag auf demselben Boden, in derselben Länge, Dressurlektionen zu üben, mit den gleichen Schwerpunkten, macht müde, sauer und überlastet den Körper des Pferdes. Kennt ihr das? In jedem Stall gibt es Reiter, die mit dem gleichen Pferd tagein, tagaus Dressur reiten. Im Laufe von 10 Jahren wird das Pferd nicht besser sondern sieht immer schlechter aus. Man bewegt sich immer noch auf A-Niveau und kommt nicht weiter. Obwohl jeden Tag fleißig trainiert wird, sieht man das dem Pferd nicht in positiver Weise an.
Das Ziel ist der optimale Leistungsfortschritt (Superkompensation). Auf das Training folgt eine perfekt getimte Regenerationsphase. Wie lange diese ist, hängt von der Intensität des Trainingsreizes ab.
Ist die Regenerationsphase zu lange, droht Leistungsverlust, ist sie zu kurz entsteht entweder Stagnation oder sogar ein Leistungsabfall, ebenso ein Verlust an Kraft, Ausdauer und Muskelmasse. Das richtige Verhältnis zwischen Belastung und Entlastung ist hier also extrem wichtig. Nun heißt das nicht, dass sich das Pferd durch Nichtstun regeneriert.
Freie Bewegung auf der Koppel, Schrittarbeit auf dem Laufband, Longieren in leichter Form etc. sind ein gutes Programm in der Regenerationsphase. Für ein top-trainiertes Pferd kann dagegen normale Dressurarbeit oder Cantern im Gelände die Regenerationsphase sein. D. h. das was für ein Pferd höchste Anstrengung ist, ist für ein anderes noch leichte Arbeit.
Tägliche Belastung mit Reitergewicht von oben, erfordert ein bereits muskulär sehr gut aufgebautes Pferd. Viele junge Pferde oder solche mit noch nicht ausreichend entwickelter Muskulatur, werden zu viel vom Sattel aus gearbeitet, was das junge oder noch schwach bemuskelte Pferd nicht tragen kann. Nach der Erschöpfung kommt die Übersäuerung der Muskulatur und danach die Widersetzlichkeit oder die Unfähigkeit am nächsten Tag wieder die gleiche Leistung zu erbringen. Daher sollte man sich, um diese Probleme zu vermeiden, mit der Trainingslehre auseinandersetzen und sein Pferd im Training gut beobachten.
Sabine Ellinger, Juli 2019
Foto: Lisa Rädlein, CAVALLO