06/06/2026
Text: Ute Heberer
"Liebe Nora, ich sehe, Dich hat dieses Wochenende genau so bewegt wie mich. Ich bin offenen Herzens mit der Einstellung hinein gegangen, dass es viele Wege nach Rom gibt und jeder seine eigenen Grenzen erkennt und danach handelt. So erhoffte ich mir noch einige Kniffe, Tricks und Ideen, um meinen Horizont zu erweitern.
Es war am zweiten Tag, spätestens da, wo eine Mitarbeiterin eines Tierheims mit sage und schreibe 2 Jahren Berufserfahrung ohne Ausbildung über die bösen aversiv arbeitenden Tierheime herzog und erzählte, wie sie mit schwierigen Hunden arbeitet. Sie zeigte, wie man Futter ins Gehege wirft, um den Hund von der Tür wegzulocken, damit man unbelästigt in den Zwinger treten kann. Ich fragte daraufhin, wie sie das denn macht in der Gruppenhaltung, weil ja in der Tierschutzhundeverordnung ganz klar geregelt ist, dass Hunde, die auf einem Grundstück gehalten werden, grundsätzlich in Gruppen zu halten sind, mit vorübergehend zu begründenden Ausnahmen. Die Antwort kam - zeitverzögert - in sehr aggressivem Ton, dass solche Hunde in Social walks mit großem Abstand aneinander gewöhnt werden, um dann in die Gruppenausläufe zu gehen, die Hunde zu beschäftigen und zu füttern, damit sie lernen zu KO-EXISTIEREN!!!!!
Da holte ich dann Alkohol und fing an zu weinen.
Der Nachgang dieses Online-Symposiums war noch viel schlimmer, weil die wirklich fachlich kritisch Fragenden sinngemäß als aggressive Störenfriede bezeichnet wurden, die versucht hätten, die ganze Veranstaltung zu kolportieren, das Gegenteil war der Fall. Bekannte Namen wurden im Chat ignoriert oder gesperrt, die den "AVERSIVEN" zugerechnet wurden. Dazu wurden teilweise sooo viele Falschaussagen, fachliche Fehleinschätzungen und wirklich tierschutzrelevanter Unsinn vorgetragen, dass ich von mir von einem nachhaltigen Trauma sprechen muss.
Eines hab ich gelernt, ich weiss nun, dass diese Szene aggressiv ist, menschenverachtend, Hundeverhalten missachtend und in keinster Weise auf wissenschaftlichen Füßen steht. Keine Toleranz mehr bei Positive-only."
DIE MACHT, GEWALT ZU DEFINIEREN: Warum die Debatte über Gewalt im Hundetraining aus dem Ruder läuft
„Einige Befragte (148 Personen, 20,96 %) nutzten die offenen Kommentarfelder, um ihre Unterstützung oder Ablehnung bestimmter Trainingspraktiken zum Ausdruck zu bringen. So sprachen sich einige für ein Verbot aversiver Hilfsmittel wie Stachelhalsbändern, Elektrohalsbändern und elektrischen Weidezäunen aus und verwiesen dabei auf Beispiele aus Ländern, in denen solche Verbote bereits bestehen.
Andere hingegen unterstützten den Einsatz aversiver Hilfsmittel und gaben teilweise an, dass die ausschließliche Verwendung positiver Methoden zu einer höheren Zahl von Euthanasien führen würde (z. B.: „Ich würde lieber ein Stachelhalsband oder ein E-Halsband bei einem Hund einsetzen, der es benötigt, wenn dadurch verhindert werden kann, dass er eingeschläfert wird oder im Tierheim landet …“).
Darüber hinaus kommentierten einige Befragte die Nützlichkeit und Notwendigkeit, die Möglichkeit eines sogenannten „Balanced Trainings“ beizubehalten. Einige äußerten ihre Sorge über mögliche Beeinträchtigungen des Tierwohls durch aversive Trainingsmethoden.
Andere wiederum zeigten sich besorgt darüber, dass belohnungsbasiertes Training langfristige Verhaltensprobleme hervorrufen könne, die letztlich zu einer verhaltensbedingten Euthanasie führen.
Interessanterweise berichteten Vertreter beider gegensätzlicher Positionen, dass sie eine Zunahme von Hunden beobachtet hätten, bei denen die von vorherigen Trainerinnen und Trainern angewandten Methoden ein Verhaltensproblem entweder „verursacht“ oder „verschlimmert“ hätten.
Schließlich gaben einige Befragte an, dass Hundetraining kein „Einheitsansatz“ sei („one size fits all“), häufig verbunden mit der Forderung, sich eine „offene Haltung“ sowie die „Freiheit der Methodenwahl“ zu bewahren.“
(Cavalli & Fenwick (2025): „A Survey of the Professional Characteristics and Views of Dog Traiers in Canada, S. 12 ff übersetzt mit ChatGPT.)
Ich bin mir nicht sicher, ob hier Menschen darauf warten, dass ich mich zur derzeitigen Debatte über Gewaltfreiheit im Hundetraining äußere. Von allen Themen, mit denen ich mich befasse, ist das definitiv das gefährlichste – nicht wegen der Strafreize, sondern wegen der Menschen. Die folgenden Zeilen werden also eher dokumentieren, wie ich mich nicht äußere – und das möchte ich gerne erklären: In der Hundeerziehung gibt es Entwicklungen, die auf mehreren Ebenen ambivalent sind und es gibt zu viele Verantwortliche, die sich von wohlklingenden Versprechen einlullen lassen, ohne zu prüfen, ob die Verheißungen wahr sind.
Das Wichtigste zuerst, weil offensichtlich, aber notwendig: Keine Gewalt. Nie und nirgendwo. Das muss das Ziel sein. Oder… es sollte.
Die falsche Debatte
Das Problem ist, dass die falsche Debatte geführt wird. In dieser Debatte geht es nicht darum, sich darüber auszutauschen und sinnvoll zu definieren, was Gewalt im Hundetraining ist. Da hat es sich eine hochengagierte Gruppierung sehr einfach gemacht und einen Teil vollkommen natürlicher Informationsverarbeitung von Organismen in einer sich permanent verändernden Umwelt als böse deklariert: Das Lernen aus unangenehmen Erfahrungen. Denn, so wurde beschlossen: Liefert diese Erfahrung ein Mensch, dann ist das eine Gewalttat. Die richtig wichtige Debatte muss jetzt geführt werden, weil diese Definition offensichtlich falsch ist, aber sich zu wenige Menschen, darunter auch solche in machtvollen Positionen, kritisch mit Begrifflichkeiten und der Realität auseinandersetzen, sondern lieber nachplappern und dann gewaltvoll durchsetzen, was ihnen vorgekaut und auf die Schreibtischplatte gewürgt wurde.
Gewalt als Begriff hat sich in seiner Wahrnehmung verändert. Gewalt ist nicht immer etwas Schlechtes und nicht immer etwas Gutes. Zwischen Gewaltenteilung als demokratisches Prinzip, „die Gewalt über das Auto verlieren“ und der Gewalttat offenbart sich eine riesige Spanne an Verhaltensweisen, die Menschen ausüben (1). Es geht um Macht, um Recht, um Freiheit und Verantwortung. Gewalt ist auch die Macht, die uns befähigt, unsere Freiheit zu bewahren, Verantwortung zu tragen und Rechte durchzusetzen – gegenüber und an anderen. Denn nichts davon ist real, wenn es nicht durchgesetzt wird (2). Die Gewalt, die zur Debatte steht, ist jene, die das Wohl eines anderen Lebewesens, eines, das selbst nicht über ausreichende Mittel der Gewalt verfügt, gefährdet.
Ich habe in den letzten Jahren immer dafür plädiert, sich auszutauschen und Toleranz das Miteinander diktieren zu lassen, denn, so dachte ich, wir verfolgen alle das gleiche Ziel: Gewalt in der Hunde-, ja, eigentlich sogar Tierhaltung zu sehen, zu benennen und dann bessere Wege zu finden, um Lebewesen an das Zusammenleben mit uns zu gewöhnen. Immerhin ist es üblicherweise nicht so, dass Menschen Freude daran haben, gewaltvoll mit anderen Tieren umzugehen, um sie leiden zu sehen. Wir befinden uns in einem gesellschaftlichen Wandel, wo Forschung erst zeigen musste, dass andere Tiere ebenfalls Empfindungen haben, und wir sie nicht wie Steine behandeln können, damit Menschen akzeptieren, dass andere Tiere auch fühlen. Viel zu lange hat die Menschheit gedacht, sie wäre einzigartig – und wenn wir ehrlich sind, tut sie das immer noch, wir arbeiten Stück für Stück gegen das tief in uns verwurzelte Verständnis der Gotthaftigkeit des Menschen an. Mal erfolgreicher und mal weniger erfolgreich, wie man möglicherweise auch an Timmy, dem Wal, sieht.
Gewalt in diesen Bereichen, also im Umgang mit Tieren, zu definieren, ist nicht einfach. Nicht, wenn man nicht voraussetzen kann, dass Gut und Böse offensichtlich sind – und das ist eben, was im Zusammenleben zwischen Mensch und Hund einfach nicht möglich ist. Viel zu unterschiedlich sind Menschen und andere Tiere, zu unterschiedlich ist ihre Wahrnehmung und ist ihr Verständnis von ihrem Lebensraum. Nichts daran ändert die Tatsache, dass wir Hunde in einem Umfeld halten, das sich auch durch abstrakte Gefahren, Regeln und Gesetze auszeichnet und es braucht immer eine Form der Gewalt, ja, wie bei einem Auto, um den Hund als Lebewesen durch dieses Leben zu lenken. Führung ist Gewalt, wenn man ihre Mechanismen zu Ende denkt. Solange also nicht ein Hund zu einem Menschen sagen kann: „Das ist Gewalt!“, sind wir darauf angewiesen, das derzeit verfügbare Wissen über alle Beteiligten mit einzubeziehen, bevor wir urteilen. Es geht nicht darum den Begriff „Gewalt“ zu relativieren – es geht darum zu erkennen, dass weit mehr Handlungen unter diesem Schirm ein Zuhause finden, als jene Verhaltensweisen, die ganz Hollywood-alike, die mit den extremen Formen von Gewalt gemeint sind und die, selbstverständlich, verurteilenswert sind. Wir sind darauf angewiesen, Menschen in ihren kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten, ihren Bildungsstand und ihre Erfahrungen zu betrachten, um genauer benennen zu können, ob jemand nach bestem Wissen und Gewissen, aufgrund dessen, was ihm oder ihr vermittelt wurde oder entgegen dessen und absichtlich schädigend handelt. Wir müssen unser hart erarbeitetes, aber weiterhin unvollständiges Wissen über Hunde vollumfänglich nutzen. Das verlangt vor allem biologische, aber auch soziologische und philosophische Betrachtungen, nicht die Verteufelung von Quadranten einer von vielen Lernformen, die Lebewesen nutzen, um sicher durch ihr Leben navigieren zu können, Gefahren aus dem Weg gehen und ihr Leben zu schützen.
Im Namen der Gewaltfreiheit
Mitte Januar habe ich an einem Online-Symposium zum Thema Gewalt im Hundetraining teilgenommen und es waren wirklich viele Gästinnen dort. Super fand ich das, als die Organisatorinnen das verkündeten. Ich habe mich gefreut auf ein Wochenende konstruktiver Beiträge und Lösungsansätze, verschiedener Betrachtungsweisen und Wege, mit der Thematik umzugehen. Das erste Mal stutzte ich, als zwar eingangs der Gewaltbegriff definiert wurde, aber vollkommen undifferenziert von Menschen auf andere Tiere übertragen wurde. Diese anderen Tiere wurden nicht einmal erwähnt – es schien egal, dass ihre Bedürfnisse womöglich andere sind als die unsrigen. Das nächste Mal stutzte ich, als in einleitenden Worten erklärt wurde, dass wir alle nur Menschen seien, die auch Fehler machen könnten und die auch mal einen schlechten Tag hätten. Das hätte ja aber nichts mit der Erziehung von Hunden zu tun und es ginge eben darum, sich ethisch damit auseinanderzusetzen, wie man mit Hunden eigentlich umgehen wolle. Gestutzt habe ich einerseits, weil man Gewaltfreiheit nicht auf das Training beschränken kann. Dass im Hundetraining selbst keine gewaltvollen Methoden angewandt werden, ist das eine (ziemlich offensichtlich Richtige), aber wenn wir ganz grundsätzlich über den Umgang mit Hunden reden, dann können wir auf der anderen Seite die Gewalt nicht im Alltag akzeptieren, weil wir ja auch nur Menschen sind, und dann in der Erziehung militant ausschließen, damit wir unserer Moral genüge getan haben. Entweder ganz oder gar nicht. Ich will kein „Wasch‘ mich, aber mach‘ mich nicht nass.“ Andererseits dachte ich, dass es womöglich einfach an der thematischen Ausrichtung des Symposiums läge und war weiterhin gespannt, was mich erwartet. Bekommen habe ich eine Verurteilung als Gewalttäterin nach etwa der ersten halben Stunde. Von Personen, die unter anderem digital applaudieren, wenn behauptet wird, dass das kritisierende Hochziehen der humanen Augenbraue dem Hund gegenüber Gewalt sei.
Es war ein beeindruckendes, trauriges, frustrierendes und erdendes Wochenende. Es war ein krasses Gefühl, von den anderen Anwesenden als Gewalttäterin gesehen zu werden und sich nicht wehren zu können. Vollkommen undifferenziert und, ja, gewaltvoll – denn warum sollte man auch anders mit den eigens ausgemachten Täter*innen umgehen, deren Schuld man höchstselbst beschlossen hat? – wurde von den Verantwortlichen und Teilnehmenden im Chat geplant, wie man Menschen den Behörden übergibt, um sie zu bestrafen. Wie man ihre Existenzen ruiniert. Es war beängstigend, mit welchem Selbstverständnis es den anwesenden Personen unverhohlen vor hunderten Anderer gereicht hat, einen Gewaltstempel aufzudrücken und damit ohne Hemmung zu entmenschlichen. Denn Gewalttäter*innen haben keine Menschlichkeit verdient. So einfach ist das anscheinend. Wenn man davon überzeugt ist, dass man als einzige Gruppierung weiß, wie Gewalt an Hunden definiert wird, und all die, teils sehr rationalen, teils sehr wütenden Gegenstimmen einfach zu störenden Elementen umbenennt und ihre Argumentation aushebelt, indem man unterstellt, da würden nur Gewalttäter*innen ihre Gewalt zu legitimieren versuchen, dann ist man, von so viel eigenem Heldentum womöglich der Realität etwas entrückt, keine Achtsamkeit Mitmenschen gegenüber mehr schuldig.
Wer glaubt, ich würde übertreiben, dem kann ich sagen, dass diese gefährlich ideologische Herangehensweise längst Einzug in die für den Tierschutz verantwortlichen Behörden gehalten hat und von großen Verbänden propagiert wird. Unverhohlen wird „Hexe!“ gerufen, während sich niemand die Mühe macht, sich an die einzige Menschengruppe zu wenden, die sich mit diesem Thema so sachlich wie möglich befasst: Wissenschaftler*innen. Derzeit müsste diese Debatte nicht geführt werden und diese ideologische Willkür nicht passieren, wenn es ausreichend Personen gäbe, die sich die vielen, vielen Forschungsergebnisse zur Thematik differenziert anschauen würden. Anstatt dessen wird auch die Forschung instrumentalisiert, werden Forschungsergebnisse missbraucht, um die eigene Meinung zu untermauern, und wird nicht der Austausch mit Forschenden gesucht, die sehr wohl widersprüchliche oder gar ganz anders lautende Resultate gefunden haben. Das wäre der Weg, um Gewalt gegenüber Tieren evidenzbasiert zu definieren.
All die schrecklichen Dinge, die Menschen gerade passieren, die unfundierte Hetze, die gottähnliche Entfernung von der Natur des Lernens, das Vorenthalten von wichtigen Informationen, das für Organismen zu einer Einschränkung des Wohlbefindens führen kann, das Erfinden von magischen, nicht nachweisbaren Formen der Hexerei wie der „psychischen Gewalt am Hund“… all das müsste nicht sein. Anstatt dass sich ganze Verlage dazu hinreißen lassen, sich ohne Sinn und Verstand zu positionieren, sollten wir auf die Fälle nachweislicher Gewalt schauen und überlegen, wie wir verhindern können, dass so etwas wieder passiert. Ich… hätte haufenweise Anregungen dazu.
An diesem Punkt meines Textes spreche ich den Teil der Lesenden an, die hier sind, um in meiner Argumentation die Fehler zu finden. Die nicht hier sind, um nachzuvollziehen, was ich sagen möchte, sondern die mich missverstehen wollen. Dafür habe ich jetzt ausreichend vage Formulierungen verwendet, denke ich. Und ergänze hiermit um Folgendes: Nein, „die Wissenschaft“ hat mitnichten gezeigt, dass Strafreize das Gleiche wie Gewalttaten sind. Nein, sie hat auch nicht nachgewiesen, dass Hunde automatisch leiden. Und ja, selbstverständlich bin ich wütend ob des Machtmissbrauchs, der Selbstjustiz und des eben nicht evidenzbasierten Agierens einiger – das ist ja der Grund, warum ich mich derzeit inhaltlich nicht äußere. Das habe ich mehr als genug getan und ich verwette meinen alten, runzeligen Hintern darauf, dass nicht einer meiner Beiträge dazu geführt hat, dass sich auch nur eine Person aus den fraglichen Gefilden wenigstens den Review von Fernandes et al. aus 2017 (3) reingepfiffen hat. Nicht eine. Trotz Verfügbarkeit im Netz. Trotz vielfältiger Übersetzungstools. Eher wird einer Literaturliste geglaubt, die nachweislich zu einem nicht unwesentlichen Teil aus Halluzinationen besteht (4).
Der vernünftige Grund
Wie wichtig wäre es, die Gewalt-Frage zu bearbeiten! Ist es ein vernünftiger Grund, Schmerzen, Leiden oder Schäden zu verhindern (5), indem man bereit ist, einen Hund ein Jahr lang in einer Transportbox vor sich hin vegetieren zu lassen, anstatt – wenn möglich – die Mechanismen selbstverstärkenden Meideverhaltens auszuhebeln und für neue, konstruktivere Lernerfahrungen zu sorgen, nur um eine unangenehme Interaktion ganz im Sinne der Ideologie nicht durchzuführen? Denn diese These vertritt eine leitende Person eines großen Tierschutzverbandes. Ist es ein vernünftiger Grund, Schmerzen, Leiden und Schäden zu riskieren, indem man Menschen relevantes Wissen über die Lernfähigkeiten des Hundes vorenthält, nur damit eine Art rhetorischer Paravent verschleiern kann, dass man sich nicht die Mühe für Tier und Mensch machen wollte, das Thema differenziert anzugehen? Denn das tut ein ganzer Berufsverband für Hundetrainer*innen. Ist es ein vernünftiger Grund, wenn in einem hypothetischen Beispiel eher der eigene Hund als das fremde Baby gerettet wird, weil man ja nicht wisse, was aus dem Baby in Zukunft mal für ein Täter werde – während der Hund stets unschuldig bleibe. Und darum das Dilemma um den Wert unterschiedlichen Lebens doch eigentlich gar keines sei. Diese steile These hat der Professor einer katholischen Universität auf einer Fortbildung vorgestellt und wurde dafür von einer Landestierschutzbeauftragten gefeiert. Ist es ein vernünftiger Grund, Schmerzen, Leiden oder Schäden zu verhindern, indem man Personen Schuld unterstellt, sie wie Täter*innen behandelt und in einem Szenario des Verhörs versucht, sie dazu zu bringen, vermeintliche Gewalttaten hypothetisch zu beschreiben, um dann die Zulassung zum Beruf Hundetrainer*in zu verweigern? Nein, ist es nicht, auch wenn die Sachverständige, die das getan hat, sicher anders sieht. Aber es ist einfach. Jedes dieser Beispiele entspringt einer realen Begebenheit, in die immer einflussreiche, mächtige Personen involviert waren, die ideologische Ziele vor die Vernunft gestellt haben. Personen, die schneller verurteilen und mit dieser Willkür immensen psychischen Druck auf Personen ausüben, als man das Wort „Gewalt“ buchstabieren kann. Jede dieser Begebenheiten zeigt auch, wie schwer es ist, den Gewaltbegriff tatsächlich zu definieren.
Wenn die Frage ist, welcher Umgang mit dem Hund ethisch vertretbar ist, dann kann der Hintergrund dieser Frage und der scheinbar offensichtlichen Antwort nicht sein, dass man selbst die einzig wahre Wahrheit innehat – und deswegen egal ist, wie man dann tatsächlich dem Hund gegenüber agiert. Ethisch vertretbar ist meines Erachtens, wenn ich bemüht bin, zu jedem Zeitpunkt für ein Lebewesen, das mit mir zusammenleben muss und das mich anders wahrnimmt als ich es selbst tue, einschätzbar bin. Dabei verlangt es die Ethik, dass ich mich mit den sensorischen und kognitiven Fähigkeiten dieses Lebewesens befasse, weil nur ich als Mensch dank der Wissenschaft diese Möglichkeit habe. Und das zu jedem Zeitpunkt meines wachen Seins.
Lebewesen müssen erkennen können, was für sie gut und was für sie nicht so gut ist. Natürliche Selektion hat Millionen von Jahre daran herumgefrickelt, dass Organismen in ihrer Umwelt überleben können, weil sie auf sie reagieren können. Nur irrig beeinflussten Menschen kann der Gedanke kommen, dass wir das Können und die Macht hätten, diese Mechanismen auszuhebeln. Nur sie können glauben, dass alleine ihre Präsenz reicht, um die Welt zu einem besseren Ort für wenigstens ein artfremdes Lebewesen zu machen. Indem sie ihm Informationen vorenthalten. Über seine Umwelt, das Umfeld, in dem er lebt und in dem sozialen Verband, in dem er sich sicher fühlen soll. Wie kann man über die Psyche von Tieren nachdenken und ihren Ursprung in der Natur ignorieren?
Wenn die Frage jedoch lautet, warum ich wieder und immer wieder gegenargumentiere, wenn das Thema aufkommt, dann weil ich sehen kann, dass das Wohl der Hunde in dieser Debatte gar keine Rolle mehr spielt. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo die Positionen maßlos übertrieben dargestellt und deswegen völlig verhärtet sind und die debattierenden Fraktionen sich in ihren Glaubenskonstrukten für jedes noch so rationale Argument verschlossen haben, anstatt es im Sinne der Sache zu betrachten und seine Effekte auf das eigene Handeln kritisch zu hinterfragen. Es geht nur noch ums Gewinnen. Um Macht. Die Macht, anderen Menschen Gewalt anzutun, um sich selbst zumzur Held*in der Geschichte erklären zu können.
Das ist der Grund, warum ich mich derzeit nicht äußere – in dieser Publikation. Die Entmenschlichung durch haltlose Verurteilungen zumzur Gewalttäter*in hat ein gefährliches Ausmaß angenommen. Die Überzeugten, die weder prüfen noch beweisen können, die ohne Evidenz Urteile fällen, kratzen an den Fundamenten des Grundgesetzes. Der dilettantische Umgang mit Forschungsergebnissen (6) und KI-aufgeblähte Texte beherrschen die Szene der Profilierungsnot in den qualitätsunkontrollierten Medien. Alle behaupten alles und verteilen Schuld auf alle anderen. Sie werden zu besseren Menschen, weil sie benennen, wer die Schlechten sind und niemand schaut mehr auf die eine Sache, um die es eigentlich geht: das Zusammenleben von Menschen und Hunden. Menschen UND Hunden. Menschen. Und Hunden.
Mein Problem dieser Tage ist, dass mich dieser Machtmissbrauch und diese Enthemmung maßlos wütend machen. Die Mechanismen unterscheiden sich nicht von anderen gesellschaftlichen Prozessen, die wir in dieser Zeit erleben und die uns alle permanenter Gefahr aussetzen, weil sie wissenschaftsfern und von Willkür dominiert sind. Ich begrüße jedes Vorhaben, achtsam und offen mit neuen Erkenntnisse rund um Hunde und andere Tiere umzugehen. Dass dabei Mitmenschen geopfert werden, um sich selbst besser dastehen zu lassen, ohne dass tatsächliche Anstrengungen unternommen werden, um das Zusammenleben von Menschen und Hunden (oder anderen Tieren) zu verbessern, geht halt nach meinen ethischen Vorstellungen nicht. Wir sind keine Götter. Wir können uns nicht von unserem Sein als Tiere entkoppeln. Gesellschaften, soziale Verbände im Großen und Kleinen, können nur dann gerecht funktionieren, wenn alle bestrebt sind, sich selbst und die Gemeinschaft voranzubringen. Nach meinem Verständnis beruht der Lösungsansatz bei der Problematik der Gewalt im Hundetraining – wie bei vielen anderen Themen ebenso – auf Bildung. Wer das Wissen, das Verständnis und die Kompetenzen besitzt, es besser zu machen, wird es auch tun.
Und damit sind wir bei den eigentlichen Gewalttäter*innen. Denjenigen, die ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leid und Schäden verursachen. Kern dieser Formulierung, die sich so im Tierschutzgesetz wiederfindet, ist der herrlich unbestimmte Rechtsbegriff, der „vernünftige Grund“. Ohne diesen vernünftigen Grund dürften Tierärzt*innen weder operieren noch euthanasieren, dürften wir keine Parasiten bekämpfen, dürften wir nicht schlachten (Achtung, die Fleisch-essen-ja-oder-nein-Debatte führe ich hier jetzt gerade nicht) und wir dürften nicht vermehren. Gleichzeitig macht dieser raffinierte Begriff auch, dass der Handlung ein bewusster Reflexionsprozess vorausgehen muss, denn den vernünftigen Grund muss man benennen können, bevor man zur Tat schreitet. Das häufige Argument der Nur-positiv-verstärken-Ideologie ist, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, etwas anderes zu tun, als Lebewesen Angenehmes zu präsentieren. Der Denkfehler ist, dass der Mensch für andere Lebewesen bewerten kann, was angenehm ist – obwohl er es nicht mal bei seinen Mitmenschen leisten kann. Der Denkfehler ist, dass ein tief in der Biologie jedes Organismus verankerter Mechanismus, obwohl unerforscht und unverstanden, bewertet und für richtig oder falsch befunden werden kann. Der Denkfehler ist, dass das von Menschen formulierte Tierschutzgesetz, sich nicht ausschließlich auf die Erlebniswelt und die Handlungen von Menschen bezieht. Der Denkfehler ist, dass Menschen nicht Teil dieser Natur sind. Auch wenn es sich manche noch so sehr wünschen: Sie werden sich niemals von ihr lösen können.
Sich in seinem Leben sicher zu fühlen, beruht auch darauf, dass man erfährt, wie man sich selbst vor Unangenehmen bewahren kann. Dafür muss man das Unangenehme erfahren haben. Das ist keine Ausrede, das ist eine logische Schlussfolgerung aus erwiesenen Lerntheorien. In der Verantwortung der Verantwortlichen liegt das Wie: Wie präsentiere ich das Unangenehme, damit daraus so einfach wie möglich und mit so wenig Schmerzen, Leiden und Schäden gelernt werden kann. Damit das Unangenehme in Zukunft gemieden werden kann. Der Mensch steht in der Verantwortung anderen Lebewesen gegenüber, genau das zu gewährleisten.
Ein Mensch, der einem Hund Gewalt antut, tut das bewusst und obwohl er Alternativen kennt. Er verursacht mit dem Ziel Schmerzen, Leiden oder Schäden, die so anhalten, dass sie das Wohl des Lebewesens mindern. Eine Person, die einem Hund Gewalt antut, tut das, weil sie das Leben des anderen Tieres nicht ehrt, sondern Vorteile oder Lust aus dessen Schmerzen, Leiden oder Schäden zieht. Dabei ist Gewalt sichtbar, wiederholt, anhaltend oder punktuell. Sie ist physisch massiv durch aktive Anwendung oder durch Unterlassen von notwendiger Hilfe. Gewalt ist für das Gegenüber, das sie erfährt, nicht vorhersehbar und nicht vermeidbar – sie ist nicht informativ. Gewalt dient nicht der Gemeinschaft und ermöglicht kein Lernen. Gewalt ist willkürlich, übermäßig und im schlimmsten Fall lebensbedrohlich. Dabei müssen Hunde nicht durchgehend leiden, Schmerzen haben oder Schäden an ihnen nachweisbar sein, sondern die Handlung des Menschen bedingt die Definition. Das… ist auch das, was Studien ausmachen konnten, und man kann viele davon in Fernandes et al. und auch neueren Publikationen nachlesen.
Selbstverständlich ist Gewalt damit viel weniger klar definierbar und offensichtlich. Sie hängt von Motivationen und Kontexten ab. Ein Mensch, der eine Pflanze aus dem Beet ausreißt, beendet ein Leben. Weil das Lebewesen kein Tier ist, weil wir kein Bewusstsein für den Wert pflanzlichen Lebens zulassen, obwohl es dazu zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, handelt er – allein basierend aufgrund menschlich definierter Werte – nicht falsch, nicht gewalttätig. Rational betrachtet gibt es keinen vernünftigen Grund, nicht nach dem vernünftigen Grund seines Handelns zu fragen. Aber es ist doch Unkraut? Aber es ist doch eine Karotte? Aber das würde ja vom Hundertsten ins Tausendste führen und dann dürfte der Mensch ja gar nichts mehr tun? Wer an diesem Punkt nicht mit dem Denken aufhört, versteht, warum ich mich so schwer mit Verurteilungen tue. Allen anderen helfe ich noch ein Stück weiter mit meinen Gedanken dazu: Es gibt einen philosophisch-biologischen Punkt, an dem Leben existiert, weil es anderes Leben beeinflusst, stört, verletzt oder beendet.
Zusammenleben
Wie ich persönlich mit meinem Hund umgehen möchte, bleibt als Entgegnung auf die Moralkeule zu klären: Ich möchte, dass mein Hund mich einschätzen kann. Dafür muss ich dazu stehen, dass ich ein Lebewesen bin, das auf äußere Einflüsse reagiert, Emotionen hat und Grenzen. Ich kann nur ehrlich und damit berechenbar für meinen Hund sein, wenn mein Handeln mit meinen Bedürfnissen übereinstimmt. Dann kann mein Hund einen Konflikt vermeiden, den er und ich gar nicht austragen möchten, weil wir gut miteinander sind. Wenn es etwas zu klären gibt, dann handele ich so, dass mein Hund so einfach wie möglich verstehen kann, liefere so viele Informationen wie nötig und sinnvoll und mache mir bewusst, dass ich selbst herausfinden muss, ob er verstanden hat, denn fragen kann ich ihn nicht. Ich trage die Verantwortung für meinen Hund und für meine Menschlichkeit. So möchte ich mit meinem Hund umgehen. So geht er mit mir um. Diese Einstellung habe ich mir viel zu hart erarbeiten müssen, einfach weil die Falschinformationen und Verzerrungen in diesem Bereich so umfassend sind. Und weil ich auch nur ein Mensch bin und sehr weit weg von immer ausgeglichen, immer fröhlich und immer in mir selbst ruhend. Ich werde getrieben von Ängsten und Vorwürfen, von Sorgen und Schuldgefühlen. Täglich strebe ich danach, keine allzu große Scheiße zu bauen und beneide jeden einzelnen meiner Hunde, um ihren Blick auf diese Welt und ihr Leben darin. Wir sind beide nicht besonders fantastisch, weit entfernt von Göttlichkeit, aber entspannt, denn wir können einander betrachten und sehen, wenn alles in Ordnung ist. Immer. Weil Zusammenleben nicht beschränkt ist.
Gewalttäter*innen sind nicht diejenigen, die angemessen und mit überaus vernünftigen Gründen ihren Hunden so viele Informationen zur Verfügung stellen, wie die in der Lage sind, effizient verarbeiten zu können, um sich in ihrer komplexen, veränderlichen Umwelt so gut wie es geht zurechtzufinden. Gewalttäter*innen sind nicht diejenigen, die sich wünschen, ihren Hunden so viel Wohl wie möglich anzutun – und dabei die Macht und Verantwortung, die sie für das Tier in einer menschgemachten Umwelt haben, umsichtig tragen.
Wir, die wir uns bemühen, das Zusammenleben zwischen Mensch und Hund angenehm zu gestalten, sind keine Gewalttäter*innen. Mein Ziel ist, mich für die differenzierte Debatte einzusetzen, aufzuzeigen, wo die Forschung relevante Erkenntnisse hervorgebracht hat und wo sie hadert, und dafür zu argumentieren, die moderne Erziehung von Hunden nicht zu einer Augenwischerei verkommen zu lassen, sondern dieser ungewöhnlichen Gemeinschaft dabei zu helfen, das Füllhorn an konstruktiven Interaktionen zu erschließen, das die Natur geschaffen hat.
Disclaimer: Von der Übersetzung am Anfang abgesehen hat KI keinen Beitrag zu diesem Text geleistet.
Anfangszitat: Cavalli, C.; Fenwick, N. A: “Survey of the Professional Characteristics and Views of Dog Trainers in Canada”. Animals 2025, 15, 1255. https://doi.org/10.3390/ani15091255
(1) Das stimmt nicht ganz: Die Frage, welches Tier Gewalttaten verüben kann, wird schon lange gestellt. Am ehesten erklären wir uns bereit, Gewaltbereitschaft für andere Menschenaffen anzunehmen, bei anderen Tierarten reden wir – in diesem Kontext – eher von beispielsweise Aggressivität. Schöne, populärwissenschaftliche Literatur zum Thema:
Konrad Lorenz (1963): „Das sogenannte Böse“ und
Frans de Waal (1997): „Der gute Affe“ und
Robert Sapolsky (2017): „Gewalt und Mitgefühl“
(2) Walter Benjamin (1921): „Zur Kritik der Gewalt“
(3) Fernandes et al. (2017): „Do aversive-based training methods actually compromise dog welfare? A literature review”. Diesen Review gilt es immer dann zu lesen, wenn in einem Argument auf Ziv (2017): „The effects of using aversive training methods in dogs – A review” verwiesen wird.
(4) IBH-Broschüre (2025) „Paradigmenwechsel im Hundetraining: Von Dominanz, Kontrolle und Widerständen“. Mehrfach wurde der IBH darauf hingewiesen, dass nicht wenige der Quellen in der vermeintlich langen Literaturliste, die untermauern soll, dass Strafreize auch in den Wissenschaften als blöd angesehen werden, offensichtlich KI-Halluzinationen sind. Mehrfach. Seit einem Jahr etwa. Die Broschüre ist immer noch prominent auf den Seiten des IBH zu finden und wurde nicht korrigiert.
(5) Tierschutzgesetz § 1: „§ 1 Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Was für ein wundervoller, perfekter Paragraf.
(6) Tierschutz-Hundeverordnung § 2 Absatz 5 zum Verbot von Stachelhalsbändern wurde folgende Begründung angeführt: „Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Erziehungsmethoden von Hunden beurteilen die Anwendung von Strafreizen zur Erziehung von Hunden als nicht tierschutzkonform.“ Blödsinn.