27/04/2026
Herdenintegration. Ein Thema, das gerade aktuell für unsere beiden QH-Jungs ansteht und deshalb präsent ist.
Viele denken: Tür auf, Pferd rein, Tür zu, zack ist das Pferd "drin" in der Herde. Das wird leider immer noch so gemacht, mit zum Teil fatalen Ergebnissen. Und schuld sind dann meist die Neuzugänge, weil vorher ja "alles ruhig" war.
Viele Stallbesitzer betrachten eine Herde wie eine Gruppe Kinder im Kindergarten. Die lernen sich kennen, alle haben die selben Voraussetzungen, zumindest in etwa, und die selben Interessen. Und die Kindergartentante sagt, wo es langgeht.
Kann man machen, klappt aber meistens nicht.
Weil es ein wesentliches Element einer Pferdeherde übersieht: ursprünglich ist eine Pferdeherde ein Familienverband, also eher ein Clan als eine lose Gruppe. Alle (100%!) Stuten einer natürlichen Herde sind miteinander verwandt. Die Herde kennt fast alle ihre Mitglieder von Geburt an, die Fohlen werden dementsprechend sozialisiert und die Stuten bleiben zeitlebens in ihrer ursprünglichen Herde oder lassen sich überzeugen und schließen sich einem jüngeren, stärkeren Hengst an.
Anders die Hengste. Wenn die Jungspunde dem Althengst zu gefährlich werden, ziehen sie aus und schließen sich erst mal zu "Jungs-Gangs" zusammen, bevor jeder von ihnen versucht, sich von einem anderen Hengst ein paar Jungstuten zu klauen oder einem Althengst gleich die ganze Truppe abnimmt.
Wer das verstanden hat, begreift, warum es einfacher ist, Wallache zu vergesellschaften als Stuten und warum gemischtgeschlechtliche Herden mehr Eskalationspotential haben.
Wallache sind von Natur aus auf ein Ausfechten einer sozialen Struktur angelegt, sie können sich in anderen Gruppen neu orientieren und auch mal ab- oder aufsteigen. Zudem sind Wallache gegenüber Hengsten durch den niedrigeren Testosteronpegel weniger aggressionsbereit.
Anders bei den Damen. Für sie ist jede "fremde" Stute ein Eindringling, gehört nicht zur Familie, ein Bruch im sozialen Gefüge. Man muss sich dessen bewusst sein, dass sich manche Stuten nicht vergesellschaften lassen. Vor allem nicht, wenn es zwei Alpha-Stuten sind. Denn ein "Ausfechten" ist in deren sozialer Struktur nicht so verankert wie bei den Jungs. Für Stuten ist ihr angeborener Status, die Zugehörigkeit zur ursprünglichen Herde und zu einem starken Hengst maßgeblich. Deswegen ist ein Stallwechsel für Stuten oft mit erheblich mehr Stress verbunden als für Wallache. Und die Integration in eine neue Herde dauert oft länger. (Mir ist ein Fall bekannt, wo es etwa ein Jahr gedauert hat.)
Wie sieht denn dann eine gelungene Integration aus?
Bedingung ist, dass der Stallbesitzer seine Herde kennt: Wie tickt der Chef, wie tickt die Chefin? Gibt es eine Doppelspitze? Sind alle wichtigen Posten in der Herdenstruktur besetzt? Gibt es Untergruppen in der Herde? Wer ist da Chef/Chefin? Hat der Chef/die Chefin Stress und wäre den Job gern wieder los? Ist der Chef/die Chefin cool und bringt Ruhe in die Herde oder ist Schikane angesagt?
Hier wird schon eine Vorauswahl getroffen. Wenn ich einen tollen Leitwallach habe, der Ruhe in die Herde bringt, integriere ich keinen hengstigen Wallach. Habe ich eine gemischte Herde mit mehr Wallachen als Stuten, kann ich gerne noch Stuten aufnehmen.
Das neue Pferd sollte erst einmal in einem geschützten Raum (Paddockbox, abgetrennte Koppel mit Unterstand) über den Zaum Kontakt zu seiner neuen Herde aufnehmen können, solange, bis alle Herdenmitglieder das neue Mitglied kennen. Kein Quietschen, kein "Aufbauen" und Ausschlagen mehr am Zaun. Die einen oder anderen fressen beim Neuen, teilen sich vielleicht sogar schon Heukrümel, die über den Zaun gefallen sind.
Bewährt hat sich, dass der/die Neue danach zuerst mit dem Leittier der Herde vergesellschaftet wird, zunächst mal für eine Stunde am Tag unter Aufsicht und mit viel Platz zum Ausweichen. Sind die beiden dann einverstanden miteinander, kann man das neue Pferd, wieder mit viel Platz, unter Beobachtung und zeitlich begrenzt, in die Herde lassen. In einer gleichgeschlechtlichen Herde ist jetzt das schlimmste in der Regel durchgestanden: hat der Chef/die Chefin den neuen akzeptiert, tut das die Herde in der Regel auch.
In einer gemischten Herde ist jetzt die Phase, wo die Stallapotheke immer griffbereit sein sollte 😅🤕. Denn auch, wenn der Chef den neuen Wallach (wie in meinem Fall gerade) sympathisch findet, kann es sein, dass er total angepisst ist, wenn der neue Schönling ihm seine Damen abspenstig macht. Dann kann es schon sein, dass der Neuankömmling aussieht wie durch den Häcksler gezogen und der Chef mit dickem Bein daherkommt. Richtig tricky wird es bei einer Doppelspitze, denn das sind dann eigentlich zwei Herden. Chef 1 hat Stute a, b und c, Chef 2 hat Stute d, e und f, ausserdem noch Wallach x und y. Kommt jetzt ein neuer "Hengstanwärter" ins Spiel, kommen die Damen ins Überlegen und der Chef in die Bredoullie. Da ist dann so richtig Bewegung in der Truppe und es kristalisieren sich am Ende womöglich ganz neue Seilschaften heraus. Das braucht Zeit, einen Stall mit vielen Schlupflöchern und Ausweichmöglichkeiten und am besten den Tierarzt auf Kurzwahlspeicher.
Und auch in der coolsten Herde mit dem nettesten Neuzugang und dem kompetentesten Chef kann es sein, dass die Integration fehlschlägt.
Wird der Neuling auch nach Monaten noch von den Futterstellen verscheucht, steht immer abseits, hat ständig neue Blessuren, legt sich nicht hin zum Schlafen, nimmt an Gewicht ab und entwickelt eventuell Krankheits-Symptome, ist es Zeit, die Reißleine zu ziehen und das Pferd in einem geschützten Raum zu separieren und über einen Stallwechsel nachzudenken.