14/08/2026
Sie kommt!
Ach ja, ist doch nichts besonderes denkst Du vielleicht.
Ja, es ist nur ein kurzer Moment, ein klitzekleines Puzzleteil in dieser ganzen Pferde-Erziehungs-Ausbildungs-Sache. No big deal!
Doch, ist es. Für mich und wahrscheinlich auch für das Pferd ändert diese eine kleine Faktor etwas Grundlegendes.
Wenn ich auf die Koppel gehe und möchte "mein" Pferd holen, ist es eine ganz andere Nummer, ob mein Pferd einfach abwartet, ob ich komme oder sich sogar abwendet und wegläuft ODER ob es auf mich zu kommt. Alle drei Möglichkeiten sind wertvolles und vor allem ehrliches Feedback. Weil ich da noch keinen direkten Einfluss auf das Pferd ausüben kann, es entscheidet selbst, was es tut. Schon mal drüber nachgedacht?
Gleiches gilt für die Phase nach der Arbeit. Lektion gelernt, Arbeit erledigt, jetzt noch schnell die Löcher glatt rechen, den Hufschlag einebnen, die Gerte wegstecken, die Longe aufwickeln oder mit dem Stallkollegen plaudern.
Was macht dann das Pferd? Freilaufend.
Wenn man wie ich mit "fremden" Pferden arbeitet, ist es bis zu einem gewissen Grad normal, dass sich die Pferde erst mal nicht anschließen wollen. Du siehst anders aus als Mutti oder Vati, sprichst anders, riechst anders, bewegst Dich anders. Alles neu, alles seltsam. Und dann verlangst Du auch noch komische Sachen, die kein Pferd jemals freiwillig auf der Wiese tun würde.
Aber im Laufe der Zeit lernen sie Dich kennen, arbeiten mit Dir, lernen von Dir, wachsen mit Dir (hoffentlich!). Aber wenn sich dann das "Ich warte erst mal ab"-Programm ins "Oh Gott die schon wieder, nichts wie weg"-Programm ändert, läuf gewaltig etwas schief.
Im Idealfall sollte genau das passieren, was ich oben erwähnt habe: Sie (oder er) kommt! Einfach so. Weil sie nichts böses erwarten, weil sie Erfolgserlebnisse hatten, weil sie an Kompetenz gewinnen, weil es Spaß macht, auch wenn es anstrengend oder nervig ist. Weil nicht nur sie den Menschen kennen gelernt haben, sondern auch der Mensch sie und er genau weiß, welche Lektionen easy laufen und wo es richtig hardcore wird. Weil sich ein Entwicklungsfeld für sie öffnet.
Wenn also alles richtig läuft, dann sollte es genau so sein: Von "Miss renitent" zu "Miss resilient". Von "Mister impertinent" zu "Mister total kompetent".
Von "kein Anschluss unter dieser Nummer" zu "ruf mich an!".
Lektion gelernt, gut gemacht und das Pferd sucht meine Nähe! Sogar noch besser, ich stehe vor der Arbeit auf der Koppel und das Pferd hat keine Ahnung, was heute auf dem Plan steht, aber es kommt trotzdem! Mein inneres Trainerlein hat in solchen Momenten P**i in den Augen. Weil ich in diesem kleinen Augenblick ein großes Geschenk bekomme, sein Vertrauen.
Und das ist ein big deal! Das größte Geschenk überhaupt, das Dir ein Fluchttier machen kann.
Aber um das klarzustellen, das ist kein Standard, kein "Muss" und nicht selbstverständlich. Nichts, was sich abrufen lässt. Freiwilligkeit ist der Boden, auf dem dieses Vertrauen erst wachsen kann.
Und es gibt durchaus Pferde, die sich "abholen lassen", ohne ein Vertrauensproblem mit ihrem Menschen zu haben. Wenn es nicht (jedes Mal) kommt, oder überhaupt nicht, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass etwas schief läuft.
Nur, WENN es kommt, ist das Signal ein eindeutiges "Goldstandard erreicht"!
Gecheckt?