06/06/2026
Heute ist so ein Tag, der uns bewusst macht, was für einen schönen Beruf wir haben und dass er sich lohnt Menschen und ihre Hunde auf ihrem Weg zu begleiten!
Vor knapp zwei Jahren kam Sophie mit ihren Adoptiveltern zu uns in die Hundeschule. Die ursprüngliche Anfrage war, das Verhalten, vor allem gegenüber Fahrrädern, vorbeifahrenden Autos , Traktoren oder Fahrzeuge mit Anhängern zu verbessern bzw. händelbar zu machen. Sophie reagierte auf all diese Dinge mit lautem Gebell, verjagendem und nach vorne gerichtetem Verhalten, bis hin zu kurzzeitiger rückgerichteter Aggression gegenüber ihren Menschen. Auch Fußgänger oder andere Hunde waren für Sie ein Grund um zu eskalieren. Was anfangs als eine Mischung aus harmlosem Verhalten aus jadlicher Motivation und vertreiben aus Unsicherheit erschien, stellte sich bald als etwas ganz anderes heraus. Unser Plan war ursprünglich gewesen, Sophie an Umweltreize zu gewöhnen und parallel dazu, den Umgang mit den Fahrzeugen und Lebewesen zu üben. Wir wollten nützliche Signale etablieren, um sie dann entsprechend als Hilfe einsetzen zu können.
Doch recht schnell merkten wir, dass wir kein funktionierendes Trainingssetting aufbauen konnten. Überall, auch ein noch so abgelegener Ort, auch der geschützte Raum unseres Hundeplatzes, auch der heimische Garten oder sogar auch im Haus waren die Belastungen durch auch nur kleine Reize so groß, daß kein Fortschritt möglich war. Es stellte sich recht schnell heraus, dass Sophie in ihrer Vergangenheit einige traumatische Dinge erlebt haben musste. Damals lebte sie als Kettenhund. Wahrscheinlich war sie recht nah an einer Straße bzw Einfahrt angebunden. Wahrscheinlich hatte sie nie die Möglichkeit des Rückzugs oder der Möglichkeit sich schützen zu können. Ihre einzige Verhaltensantwort war vertreiben und verteidigen. Gleichzeitig war das Gehirn mittlerweile so gefüllt von negativen Reizen dieser Art, dass sie immer den Gefahrenmodus auslösten.
Ein Training, bzw. Gewöhnen oder eine Gegenkonditionierung war nicht möglich. Beim kleinsten Reiz schaltet sich der Alarmknopf in Sophies Kopf ein.
--Wir änderten unseren Plan! An erster Stelle stand nun, alle Reize herunterzufahren!
Zeitweise war Sophie nur in Haus und Garten. Parallel dazu, wurde sie nochmals gesundheitlich durchgecheckt. Organisch war sie gesund. Bei jedem Versuch, die Reizlage minimal zu erhöhen, machte sie allerdings wieder Rückschritte. Deshalb kamen wir zum Entschluss, dass wir Verhaltensmedizinische Unterstützung brauchten. Vielleicht gab es die Möglichkeit, durch medikamentöse Unterstützung, Sophies Gemütszustand zu verbessern. Wir kontaktierten Frau Dr. Katrin Voigt - Verhaltenstherapie und physikalische Therapie für Hunde Voigt, die unsere Hundeschule schon zuvor einige Male verhaltensmedizinisch beraten und unterstützt hatte.
Auch Frau Dr. Voigt war der Ansicht, dass eine Medikamentengabe hier vielleicht unterstützen könnte, damit wir trainerisch endlich einen Fuß in die Tür bekommen . So bekam Sophie ein Medikament verschrieben. Die Erwartungen waren hoch und wir hofften darauf bald auch trainerisch kleine Fortschritte machen zu können. Leider stelle sich heraus, dass Sophie dieses Medikament nicht gut vertrug. Appetitlosigkeit und Desinteresse schlichen sich langsam mit dem Medikament ein. Auch der Versuch das Medikament anderst zu dosieren, brachte keinen Erfolg. Desweiteren war der Alltag geprägt aus schlechten und noch schlechteren Tagen. Immer wieder machte sich bei Sophies Menscheneltern auch Frage breit, ob es Sophie vielleicht in einer anderen weniger belebten Umgebung besser ginge... Höhen und Tiefen belasteten die ganze Familie!
Aber Sophie Familie gab nicht auf! Tapfer organisierten sie ihren Alltag in sehr reitzarmer Umgebung, so dass Sophies Triggerpunkte und somit ihr Belastungsgehirn nicht noch mehr gefüttert wurde. Wir versuchten an diesen wenigen Orten Signale der Aufmerksamkeit des miteinanders und der Verlässlichkeit aufzubauen und zu festigen.
Mittlerweile war auch das Medikament wieder abgesetzt und nach einem weiteren Termin mit Dr. Katrin Voigt war der Entschluss gefasst, ein zweites Medikament auszuprobieren.
Die Sorge, Sophie könnte es wieder nicht vertragen und Zweifel an der Wirksamkeit, begleiteten natürlich diesen zweiten Versuch. Nichts desto trotz, sollte dieser zweite Versuch noch stattfinden!
Unser Plan blieb wie bisher. Geeignete Spazierstrecken ohne viel Aufregung und Begegnungen und das Wissen, wie mit entfernten Reizen umzugehen war.
Wichtig war es auch in "Notfallsituationen" richtig zu reagieren.
Die erste Woche war das neue Medikament nicht zu merken, keine Besserung, aber zum Glück auch keine Nebenwirkungen.
Doch dann kamen ganz unbemerkt mehr gute als schlechte Tage. Mehr Toleranz kleinen Reizen gegenüber und vor allem war es für Sophie nun möglich mit ihrem Frauchen und Herrchen in schwierigen Situationen in Kontakt zu treten. Ganz langsam schien Training möglich zu werden.
Wir wagten es kaum zu glauben....das Medikament zeigte eine positive Wirkung!
Sehr kleinschrittig geht es seither voran. Weiter in ruhiger Umgebung aber mit gezieltem Handling bei Sichtungen von Triggern.
Heute hatten wir nach sehr langer Zeit wieder einen ersten Termin auf dem Trainingsplatz, um zu prüfen, ob Sophie schon trainingsbereit ist. Kann sie sich auf ihren Mensch einlassen, oder sind die vorbeifahrenden Autos immer noch so präsent?
Bei unserem letzten Treffen auf dem Platz, war nichts möglich einfach gar nichts. Sie konnte nicht mal am Gras schnüffeln.
Heute kam eine Sophie auf den Platz, die sich sehr gut an uns Menschen orientieren konnte. Sie war immer noch unsicher, aber sie konnte ihre Verhaltensantwort verändern. Sie hatte sich entschieden in Frauchens Nähe zu bleiben, anstatt nach vorne zu preschen. Sophie konnte leichte Aufmerksamkeitsübungen absolvieren und sie konnte sich belohnen lassen!
Ein wahnsinniger Fortschritt! Unser Training ging nur wenige Minuten. Anschießend saßen wir auf dem Platz noch zusammen und besprachen den "Ist-Stand". Dies war eigentlich auch der wichtigere Teil unseres "Trainings". Denn Sophie konnte durch Beobachtungen von vorbeifahenden Autos und LKWs Eindrücke sammeln. Sie konnte beobachten, sortieren und einordnen. Sie schien die Erfahrung machen zu können, dass sie durch die Fahrzeuge keinen Schaden nimmt.
Ein unglaublicher Fortschritt und ein wunderbares Erlebnis für Frauchen und auch für Trainerin. Wir sind noch lange nicht am Ziel, aber wir sind auf dem Weg.
Training ist nicht nur Sitz, Platz , Fuß...
Training bedeutet hinschauen, analysieren, handeln, verändern, sich Hilfe holen, kooperieren, geduldig sein und vertrauen.
Training bedeutet durchhalten und begleiten!
Es lohnt sich!!!
Vielen Dank Katrin Voigt und vielen Dank für euer Vertrauen ihr wunderbaren Hundeeltern von Sophie!