31/08/2026
👉 Wenn der Welpe zum Erziehungsprojekt wird
🐶Emma zieht bald ein
Klein Emma wird in zwei Wochen bei Fiona einziehen. Fiona steckt mitten in den Vorbereitungen auf ihr neues Familienmitglied. Sie liest Fachbücher, abonniert Welpenkanäle im Internet und verschlingt jeden Beitrag über Welpenerziehung auf Social Media. Sie googelt Welpengruppen und geht dort vorbei, um sich selber einen ersten Eindruck zu verschaffen.
🐶 Listen werden erstellt
Sie fertigt Listen an. Was soll Emma zuerst lernen? Was darf sie und was nicht? Welche Signale möchte sie für welches Verhalten verwenden, damit kein Durcheinander entsteht? Und natürlich braucht es auch einen Plan für all die Dinge, die Emma nicht darf und dafür, wie ein Verbot dann aussehen soll.
Bei den Erziehungsmethoden wird es allerdings schwieriger. Je mehr Fiona liest, desto unübersichtlicher wird es. Von bedürfnisorientiert bis aversiv ist so ziemlich alles dabei. Und alle scheinen genau zu wissen, wie es richtig geht.
🐶 Das Bild vom perfekt erzogenen Welpen
In diesen Wochen der Vorbereitung entsteht in Fionas Kopf langsam das Bild eines super erzogenen Welpen. Wenn sie sich gut vorbereitet, die richtigen Regeln aufstellt und all die Anweisungen befolgt, müsste das doch eigentlich zu schaffen sein.
Gleichzeitig macht sich noch ein anderes Gefühl breit. Die Angst, zu versagen und dieser grossen Aufgabe nicht gewachsen zu sein.
🐶Aus dem kleinen Welpen wird plötzlich ein Riesenprojekt.
Fiona möchte alles richtig machen und hat gleichzeitig immer mehr Angst, etwas falsch zu machen. Irgendwann fühlt sie sich von all den Informationen, Regeln und Anforderungen so überfordert, dass sie das Ganze am liebsten rückgängig machen würde.
👉 Und jetzt vergessen wir das alles einmal!
An dieser Stelle verlassen wir Fionas Vorstellungen von der perfekten Welpenerziehung. Denn vieles von dem, was über Welpenerziehung geschrieben, gezeigt und gepredigt wird, geht an den Bedürfnissen eines Welpen und manchmal auch ziemlich weit an der Realität vorbei.
Die wichtigsten Übungen für einen Welpen sind nicht Sitz, Platz, Fuss, Aus, Warten, Lass es und Hier. Natürlich darf ein junger Hund solche Dinge lernen. Aber sie sind am Anfang ganz sicher nicht das Wichtigste.
Ein Welpe braucht auch keine Welpengruppe, in der er unter die Pfoten der anderen Welpen gerät. Er braucht keine Dressurstunde, in der eine Übung nach der anderen abgearbeitet wird. Er muss nicht durch einen Tunnel rennen, auf einer Kiste sitzen oder über eine Wackelbrücke tapsen, nur weil irgendwo steht, dass Welpen möglichst viel kennenlernen sollen.
Was dein Welpe tatsächlich von dir braucht
🐶 Was dein Welpe wirklich braucht
Was dein Welpe braucht, ist ein Lernumfeld, in dem er in seinem Tempo Erfahrungen machen darf. Er braucht Sicherheit, Ruhe, gute Erfahrungen und einen Menschen, an dem er sich orientieren kann.
Und vor allem braucht er Feedback! Denn dein Welpe zeigt dir den ganzen Tag Verhalten, von dem du später gerne mehr hättest. Er schaut nach dir. Er kommt freiwillig mit. Er wartet einen kurzen Moment. Er lässt etwas liegen. Er bleibt stehen, statt irgendwo hinzustürmen. Er legt sich hin und kommt zur Ruhe. Er orientiert sich in einer schwierigen Situation an dir.
Du als Mensch bist gefordert, diese vielen kleinen, tollen Verhaltensweisen überhaupt zu sehen und deinem Welpen zu zeigen: Genau das gefällt mir. Genau davon möchte ich mehr.
Mit einem herzlichen Lob, einer Belohnung, mit Aufmerksamkeit oder mit etwas, das deinem Welpen in diesem Moment wichtig ist. Und nicht mit tausend und einem Signal in der Hoffnung, dass dein Welpe irgendwie versteht, was du von ihm möchtest.
🐶 Ein Welpe darf Welpe sein
Dein Welpe muss nach ein paar Wochen nicht funktionieren. Er darf Dinge noch nicht können. Er darf müde und überfordert sein, Unsinn machen, ausprobieren und Fehler machen. Er darf Zeit brauchen, um diese für ihn komplett neue Welt kennenzulernen.
Möglicherweise wäre deshalb eine der wichtigsten Vorbereitungen auf einen Welpen, einen Teil der Listen wieder zur Seite zu legen. Und erst einmal neugierig zu sein auf dieses kleine Wesen, das da bei dir einzieht. Dann fällt ein grosser Teil des Stresses bei dir und deinem Welpen weg.
👉In diesem Sinne:
«Zeige deinem Welpen die Welt, in die er hineinwachsen darf, anstatt ihn zu dressieren.»