02/06/2026
⚖ Professionalität zeigt sich nicht auf dem Papier, sondern im Umgang mit Hund und Mensch.
👉 Das neue Hundegesetz setzt auf Professionalität
Seit dem 1. Juni 2025 ist das neue Hundegesetz im Kanton Zürich in Kraft. Im Folgenden ein Auszug von der Webseite des Kantons Zürich unter der Rubrik Ausbildnerinnen und Ausbildner:
«Wer eine Bewilligung vom Veterinäramt nach dem neuen Hundegesetz erhalten möchte, muss zwei Prüfungen bestehen. Eine Prüfung ist schriftlich (theoretische Prüfung). Die andere Prüfung ist praktisch. In den Prüfungen wird überprüft, ob die Hundeausbildenden das Wissen aus den Hundekursen richtig vermitteln können.
Das Veterinäramt gibt für die Kurse bestimmte Lernziele und Lerninhalte vor. Die Prüfungen sorgen dafür, dass die Qualität in den Hundekursen hoch ist. Zudem wird vermittelt, wie man tierschutzgerecht und gewaltfrei mit Hunden umgeht.»
👍Soweit so gut. Klingt erst einmal sinnvoll.
Nun folgt ein fiktiver Webseitentext, der für viele andere mit dieser Haltung, Einstellung und Ansicht steht:
«In meinen obligatorischen Kursen werden die verbindlichen Kommandos ohne Leckerli trainiert.»
🥺Bereits hier werde ich innerlich etwas unruhig, weil ich ungefähr erahne, was folgen wird.
«Im Training wird Wert darauf gelegt, dass Kommandos nicht ignoriert, sondern verbindlich ausgeführt werden. Der Hund soll lernen, Anweisungen des Menschen jederzeit anzunehmen und zu befolgen. Belohnt wird nicht mit Futter, sondern über soziale Interaktion und gemeinsame Aktivität. So entwickelt sich ein Hund, der auch ohne Leckerli zuverlässig gehorcht und im Alltag kontrollierbar bleibt.»
🫣 An dieser Stelle muss ich kurz aufhören, weil mein Sympathikus gefährlich in die Höhe fährt.
Nicht, weil ich etwas gegen alltagstaugliche Hunde hätte. Natürlich wünsche auch ich mir Hunde, die ansprechbar sind und zuverlässig reagieren. Aber ich frage mich schon: Wie genau entsteht diese Zuverlässigkeit? Worauf läuft das hier raus?
Denn Begriffe und Aussagen, wie «Kommandos akzeptieren», «gehorcht ohne Erwartung» oder «ohne Ausnahme beantwortet» lassen mich ehrlich gesagt etwas zusammenzucken.
🥱 Mich macht diese Leckerli Diskussion langsam müde
Dieses «Bei uns gibt es keine Leckerlis» wird oft stolz vor sich hergetragen, als wäre das automatisch ein Qualitätsmerkmal. Als wäre ein Hund nur dann wirklich erzogen, wenn er ohne Futter funktioniert. Und das Futter wird zum Lockmittel degradiert. Der Mensch gleich mit dazu.
Dabei frage ich mich schon, ob manchmalvergessen geht, wie Lernen überhaupt funktioniert. Futter ist kein Feindbild und schon gar nicht ein Zeichen schlechter Hundeerziehung. Futter kann ein Lockmittel sein, genau wie ein Spielzeug. Und kann im Aufbau eines Verhaltens bewusst so eingesetzt werden. Die Methode dahinter nennt sich tatsächlich Locken. Im Weiteren ist Futter genauso wie ein Spielzeug, ein soziale Interaktion, eine Umweltbelohnung oder anderes eine mögliche Form von Verstärkung. Und ja, je nach Hund, Situation und Lernschritt oft sogar eine ziemlich gute!
🥺 Für mich klingt diese ganze Diskussion eher ideologisch als lerntheoretisch fundiert.
Mich irritiert an solchen Aussagen diese fast schon demonstrative Abgrenzung gegenüber Futterbelohnung. Als wäre ein Hund, der mit Futter verstärkt wird, automatisch bestochen oder weniger zuverlässig. Entscheidend ist doch die Frage: Wie lernt ein Hund Verhalten überhaupt? Wie wird Verhalten aufgebaut, gefestigt und später im Alltag verlässlich?
Mich erstaunt immer wieder, wie alte Konzepte plötzlich einfach neue Namen bekommen. Dominanz heisst dann Führung. Kontrolle wird zu Verbindlichkeit. Druck zu Klarheit. Und Strafe ist plötzlich so nett verpackt, dass man sie kaum mehr erkennt.
☝Und jetzt wird es für mich spannend
Was mich aber wirklich erstaunt: Die offiziellen Lernziele des Veterinäramtes lesen sich ziemlich anders.
Da steht unter anderem:
«3.1. Die Hundehaltenden wissen, wie sie erwünschtes Verhalten ihres Hundes korrekt (z.B. Timing, Setting) verstärken können (z.B. Markersignal).»
«3.1.1 Der Hund kann im entsprechenden Training Setting die gewählten Verstärker (z.B. Futter, Spielzeug, Markersignal) annehmen.»
«3.2 Die Hundehaltenden wissen, wie sie ein Signal zur Ausführungeiner spezifischen
Verhaltensweise unter Nutzung der Lerntheorie auf nonaversive Weise aufbauen können.»
💬Da ist die Rede von Verstärkung. Von Signalen. Von Timing. Von Markersignalen. Von erwünschtem Verhalten. Von Verstärkern wie Futter oder Spiel. Von non-aversiv. Und nicht davon, dass Kommandos «akzeptiert» werden müssen. Und genauso wenig, dass Anweisungen «ohne Ausnahme» beantwortet werden sollen.
❓Da frage ich mich ernsthaft, was sich da draussen in der Hundeszene gerade entwickelt. Gehen wir kynologisch wieder rückwärts? Zurück zu alten Konzepten von Gehorsam und Kontrolle, anstatt den Grundsätzen einer gewaltfreien Ausbildung zu folgen?
🎖Prüfung bestanden. Und dann?
Wenn jemand obligatorische Hundekurse laut Gesetz anbieten darf, die einem klaren, gewaltfreien Rahmen unterliegen müssen, kommen in mir Zweifel hoch: Wer überprüft eigentlich später, was in den Lektionen tatsächlich vermittelt wird?
Eine Prüfung zu bestehen ist das eine. Was danach unterrichtet wird, nochmals etwas anderes. Ganz ehrlich: Da nützt die schönste Prüfung nicht viel, wenn öffentlich mit Aussagen geworben wird, die für mich eher nach Gehorsam und Kontrolle klingen als nach modernem, gewaltfreiem Lernen.
🫣 Und ja, ich mache mir Sorgen. Diese Raumverwalter, Dominanzverbreiter und Ohneleckerlitrainer scheinen gerade wieder Hochkonjunktur zu haben. Auf Social Media sowieso. Leider aber auch im echten Leben.
Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass sich einfache Antworten gut verkaufen. Leckerli tönt nach Bestechung. Vielleicht auch nach Schwäche auf Seite des Menschen. Da klingt soziales Lernen doch gleich vielversprechender. Um gar zu sagen nach einem Plan und nach Souveränität. Hauptsache, der Hund macht, was der Mensch vorgibt. Und nicht, weil ihm jemand ein Leckerli vor die Nase hält.
Dass Laien solche Schlüsse ziehen, mag noch nachvollziehbar sein. Aber wenn Fachpersonen gar damit werben, schlägt das ehrlich gesagt schon etwas den Boden aus dem Fass. Für mich ist das schlicht unprofessionell.
👉In diesem Sinne:
«Von aussen schaut Verhalten manchmal ähnlich aus. Der Weg dorthin macht den Unterschied.