04/05/2026
die abrechnung.. nein, wir brauchen immer noch keine zucht!
die vergangenen zehn tage waren eine grenzerfahrung. etwas blauäugig haben wir uns nämlich dieses jahr entschieden, unsere hundeschule und natural dogmanship an der bea messe zu vertreten. nicht die organisation der vorführungen, die materialbeschaffung, der verkauf oder der völlige realitätsverlust durch zehn tage kunstlicht, massive lärmbelastung und totale reizüberflutung waren ausschlaggebend für das anzweifeln unseres verstandes, sondern die ausstellung der rassenzucht..
irgendwie hatten wir glück-mit-unglück, denn unser stand war die perfekte aussichtsplattform auf die vier vorgestellten rassenvereine: berner, appenzeller, entlebucher und grosser schweizer sennenhund. glück: die hunde waren natürlich publikumsmagneten, entsprechend wurde auch unser stand gut wahrgenommen. unglück: man sieht dinge, die man lieber nicht sehen würde. zur klarstellung: das bea ok wurde informiert und hat alles in seiner macht stehende getan, um die missstände sofort zu beheben. auch das veterinäramt und der schweizerische tierschutz wurden informiert, also bitte keine falschen vorwürfe.. ;) die körperlichen misshandlungen wurden direkt vor ort "angesprochen" (ich verzichte darauf, meine wortwahl exakt wiederzugeben)..
zehn tage, in denen man sehr genau sehen konnte, was passiert, wenn ein system sich selbst wichtiger wird als das lebewesen, um das es angeblich geht. zwischen perfekt frisierten rassen, korrekt präsentierten linien und einer inszenierten welt aus standards und bewertungen liefen im hintergrund realitäten, die mit diesem bild wenig zu tun haben. zwinger, die für zwei tiere ausgelegt sind, in denen sich sechs hunde gleichzeitig auf engstem raum arrangieren müssen. welpen, die neun stunden nicht nach draussen kommen und deren gesamter tag sich auf wenige quadratmeter beschränkt, ohne möglichkeit, sich zu lösen oder sich zurückzuziehen. hunde, die über eine ewigkeit hinweg von besuchern umringt werden, ohne die vorgeschriebenen pausen und ohne rückzugsmöglichkeit.
momente, in denen hunde genau das versuchen – sich zu entziehen. ein kopf, der sich abwendet, ein körper, der ausweichen möchte, ein versuch, sich aus der situation zu nehmen. stattdessen wird von der bezugsperson korrigiert, zurückgeholt, wieder verfügbar gemacht – weil der besucher, von dem ich keinen hundesachverstand erwarte, genau DAS will. ein hund, der wohl zu nahe an der türe stand, keine eskalation, kein konflikt, kein ersichtlicher grund. trotzdem schlägt ihm sein besitzer mit der flachen hand direkt ins gesicht. ein anderer rüde will im zwinger markieren, vielleicht nicht so cool, aber völlig arttypisch bei mehreren intakten rüden – die besitzerin tritt ihm mitten in den bauch. das sind keine randerscheinungen mehr, das sind dinge, die man nicht mehr übersehen kann.. gleichzeitig existieren klare vorgaben zu platz, aufenthaltsdauer und pausen. vorgaben, die genau solche situationen verhindern sollten. genau deshalb wirkt es umso befremdlicher, wenn das, was man vor ort sieht, nicht mit dem übereinstimmt, was auf dem papier geregelt ist. das alles geschah nicht irgendwo im verborgenen, sondern mitten in einem rahmen, der vorgibt, hunde zu schützen, zucht zu sichern und qualität zu gewährleisten. alles getragen von einer organisation, die von sich selber in ihren statuten schreibt, sie handle „..nach wissenschaftlichen erkenntnissen, sportlich fairer gesinnung und den grundsätzen des tierschutzgedankens sowie der tierschutzgesetzgebung“ oder „sie lebt diese werte vor, indem sie – sowie ihre organe und mitglieder – mit respekt und transparent handeln und kommunizieren.“ oder „ihre aufgabe besteht in erster linie in der förderung des rassehundes… sowie der haltung, erziehung und ausbildung von hunden… nach den grundsätzen des tierschutzgedankens.“ – ich könnte stundenlang so weitermachen.
wenn organisationen wie die skg oder der fci den anspruch haben, standards zu definieren und die hundewelt zu prägen, dann stellt sich zwangsläufig die frage, was diese standards tatsächlich wert sind, wenn sie sich in der praxis so zeigen. was bedeutet korrektheit, wenn grundlegende bedürfnisse offensichtlich zweitrangig werden? man kann jetzt natürlich behaupten, dass es einzelne ausnahmen sind. man kann sagen, dass das nicht repräsentativ ist. man kann versuchen, das system zu schützen, indem man es nicht hinterfragt – oder man nimmt ernst, was man sieht. denn genau das ist der punkt, an dem sich entscheidet, ob solche strukturen wirklich dem hund dienen oder ob sie in erster linie sich selbst erhalten.
das hier ist kein stiller hinweis, es ist ein bewusstes hinschauen. es ist die klare frage, ob wir weiterhin akzeptieren wollen, dass tradition, organisation und äussere korrektheit über das gestellt werden, was ein hund tatsächlich braucht. vielleicht braucht es auch den mut, eine noch grundsätzlichere frage zu stellen: brauchen wir solche verbände heute noch? ein system, das den wert eines hundes über abstammung, papiere und norm definiert – widerspricht das nicht der heutigen haltung von „wir sind alle gleich“ und „jeder kann irgendwie sein, was er will“? ein hund wird nicht wertvoller, weil er einer rasse entspricht, und nicht weniger wertvoll, wenn er es nicht tut. mischlinge sind keine zweite wahl, sondern genauso vollständige, eigenständige hunde. vielleicht wäre genau jetzt der moment, sich von der idee zu lösen, dass der wert eines lebewesens an ein wertloses stück papier gebunden ist, und den blick wieder auf das zu richten, was wirklich zählt: das lebewesen selbst.
trotzdem gab es einen kleinen trost: es ist den besuchern aufgefallen. stimmen, die hinterfragten, ob es den hunden tatsächlich gut geht. menschen, die wahrnahmen, dass die hunde gestresst wirken. das lässt mich doch noch etwas an die menschheit glauben!
es grüsst, fräulein von und zu unfug – eine wundervolle promenadenmischung – und die restliche papierlifreie crew 🩶
ps: vielleicht hat es gründe, weshalb die skg in den vergangenen zwanzig jahren trotz massivem bevölkerungswachstum, keinen anstieg der mitgliederzahlen verzeichnen konnte. vielleicht ist es als ein positives umdenken zu werten, dass die zahlen sogar eher rückläufig sind..