21/07/2026
Warum zwei Hunde niemals gleich lernen werden..
In der Hundeerziehung wird oft so getan, als wären Hunde leere Gefässe. Man bringt ihnen Sitz, Platz, Fuss und Rückruf bei – und wenn das Training nicht funktioniert, muss eben mehr geübt, konsequenter gearbeitet oder besser belohnt werden.
Doch genau dort beginnt für mich ein Denkfehler, denn ein Hund ist kein leeres Blatt Papier. Er bringt bereits einen ganzen Rucksack mit, wenn er zu uns kommt...
Da wäre zunächst die Genetik. Sie entscheidet nicht nur darüber, wie ein Hund aussieht, sondern auch darüber, welche Bedürfnisse er mitbringt. Ein Hütehund beobachtet seine Umwelt anders als ein Solitärjäger. Ein Vorstehhund erlebt Bewegung anders als ein Molosser.
Doch Genetik allein erklärt einen Hund nicht.
Dazu kommt die Prägung. Wie hat der Hund seine ersten Lebenswochen erlebt? Hat er gelernt, dass Menschen Orientierung geben? Durfte er seine Umwelt neugierig entdecken? Wurde Sicherheit von aussen vermittelt oder musste er sie sich selbst schaffen? Aus diesen Erfahrungen entwickelt sich unter anderem der Bindungstyp. Ein Hund mit einer sicheren Bindung kann Verantwortung leichter abgeben und sich an seinem Menschen orientieren. Andere Hunde kontrollieren lieber selbst, schwanken zwischen Nähe und Distanz oder haben gelernt, dass sie sich letztlich nur auf sich selbst verlassen können.
Doch selbst zwei Hunde mit ähnlicher Genetik und ähnlicher Bindung können völlig unterschiedlich handeln.
Warum? Weil sie unterschiedliche Persönlichkeiten besitzen.
Es gibt Hunde, die gerne diskutieren, ausprobieren und eigene Lösungen entwickeln. Andere lieben klare Strukturen, möchten Verantwortung abgeben und arbeiten regelkonform mit ihrem Menschen zusammen. Wieder andere beobachten erst lange, bevor sie handeln, oder orientieren sich stark an den Emotionen ihres Gegenübers.
Schliesslich kommt noch die Erziehung dazu. Sie entscheidet nicht darüber, wer der Hund ist, aber darüber wie dieser Hund gelernt hat, mit seinen Anlagen umzugehen.
Erziehung formt also niemals die Persönlichkeit. Sie baut immer auf dem auf, was bereits vorhanden ist. Genau deshalb wird es nie den einen Trainingsplan geben, der für alle Hunde gleich gut funktioniert.
June ist eine achtjährige Vizsla-Mix-Hündin und ehemalige Strassenhündin. Sie ist eine optimistische Opportunistin und arbeitet gerne mit mir zusammen – wenn sie den Sinn darin erkennt. Gleichzeitig bringt sie viel Eigeninitiative mit. Sie hinterfragt, probiert aus und möchte zuerst selbst herausfinden, ob ihre Lösung vielleicht doch funktioniert. Erst wenn sie merkt, dass sie damit nicht weiterkommt, wird mein Vorschlag interessant. Gut erkennbar: Beim Wienerli-Tabu beginnt June sofort mit ihrer Fiddle about Strategie, diskutiert, probiert weiter,...
Nox ist eine fünfjährige Malinoishündin aus dem Schutzdienst. Sie ist (so unfassbar das für mich auch ist) eine vertrauensvolle Soziale. Klare Strukturen, Regeln und Zusammenarbeit geben ihr Sicherheit. Sie entwickelt nur selten eigene Lösungswege, weil sie Verantwortung gerne an ihren Menschen abgibt und sich in einer gemeinsamen Aufgabe wohlfühlt. Bei ihr reicht beim Wienerli-Tabu bereits ein Blick, mehr ist nicht nötig, regelkonform wie sie ist, würde sie mein "Nein" nie anzweifeln.
Genau deshalb würde ich mit beiden Hündinnen niemals identisch arbeiten.
Für mich beginnt gute Hundeerziehung deshalb nicht bei der Frage:
„Wie trainiere ich dieses Verhalten?“
Sondern bei der Frage:
„Wer ist dieser Hund eigentlich?“
Denn erst wenn ich verstehe, welche Genetik, welche Prägung, welcher Bindungstyp und welche Persönlichkeit vor mir stehen, kann ich entscheiden, welcher Weg für genau diesen Hund Sinn macht. Hundetrainer die Einheitsbrei vermitteln, sind somit in meinen Augen wertlos - sorry, not sorry..