22/01/2026
Rettung um jeden Preis - warum Hunde Menschen töten
Wie damals beim Staffordshire Rüden Chico polarisiert nun auch der „Fall Sam“ - tausende Menschen haben eine Petition für seine Rettung unterzeichnet -
doch wir finden, wieder wird nur laut „retten“ gerufen, ohne über die Konsequenzen (für das Tier) zu sprechen.
Ist das wirklich Tierschutz?
Eine Rettung um JEDEN Preis?
Während für einen Wolf der Abschuss gefordert wird, wenn er nur in die Nähe menschlicher Siedlungen kommt, wird für einen Hund, der einen Menschen tötete, eine Rettungspetition gestartet.
Wo sind wir Menschen falsch abgebogen?
Oder sehen nur wir - in der täglichen Tierheimarbeit - das wirkliche Leid der „geretteten“ Hunde?
Wir wollen - nein wir müssen, und zwar gemeinsam - fachlich einordnen, warum Hunde (ihre) Menschen töten.
Ja, sie tun es, und fast nie, weil sie misshandelt wurden.
Da das Thema aber so gewaltig ist, werden wir es aufteilen, es passt leider nur allzu gut zu unserem aktuellen Thema „Aggressionsverhalten“
- wir werden also gemeinsam schauen, warum
Hunde töten, warum Misshandlung nicht der Grund ist (Selbstschutzaggression), warum die Genetik eben doch eine Rolle spielt, was sich ändern muss und was der Hund von der Rettung hat.
Mit dieser, eigentlich wichtigsten Frage starten wir hier auch:
Rettung um jeden Preis?
Diese entscheidende Frage stellt nämlich seltsamerweise fast niemand:
WIE soll dieser Hund leben?
Und für wen?
Ein Hund hat (s)einen Menschen getötet.
Tot gebissen. Ein Fakt den man aushalten muss .
Warum es sich hierbei nicht um einen „Rettungsversuch“ eines kollabierten Menschen handelt, sondern um eine gezielte Eskalation, werden wir im zweiten Teil einordnen- vorab:
Hunde wissen sehr genau, wann und wie stark ihre Zähne verletzen.
Solch ein Hund - also ein Hund, der einen Menschen getötet hat, sollte kein politisches Statement und auch kein „Rettungsprojekt“ sein.
Wir sollten, nein müssen ihn sehen was er wirklich ist:
ein potenziell gefährliches Tier, dessen zukünftiges Leben definitiv extrem eingeschränkt (Zwinger), dauerhaft kontrolliert, sozial isoliert (!) und rechtlich stark reglementiert sein wird!
Für immer!
Alle tierlieben Menschen sollten sich hier also erstmal fragen, ist DAS lebenswert?
Oder wisst ihr einfach nicht wie es sich als gefährlich festgestellter Hund so lebt?
Nun wir haben leider das perfekte Beispiel:
Malinois Mischling Timm.
Der vor vielen Jahren aus Rumänien eingeführt wurde, von einem Verein, der mit dem Slogan „WIR retten jeden!“ wirbt.
Nachdem Timm sein Frauchen im Rahmen einer Selbstschutzaggression am Arm stark verletzte, musste er zurück und kam zu uns.
Ungeprüft, also nach Aktenlage, wurde er von Amtsmitarbeitern ohne ausreichende Sachkunde als gefährlich festgestellt.
Das heißt - in Niedersachsen: „gefährlich“ für immer.
Timm hat nie die Chance das Gegenteil zu beweisen. Seine Haltung und vor allem seine Vermittlung ist mit schier unüberwindbaren Hürden verbunden.
Die Folge: die Tierheime sind voll.
Voll mit Hunden die „gefährlich“ sind.
Und eigentlich auch nicht. Eher gefährlich WERDEN, nach 10 Jahren Einzelhaft im Tierheim.
Denn Timm, der hat niemanden getötet, er hat sich verteidigt.
Gefährlich festgestellt wird Hund in Niedersachsen schnell. Da reicht ein Vorfall. Zum Beispiel eine kleine arttypische Auseinandersetzung auf der Hundewiese.
Amtsveterinäre sind nämlich keine Ethologen.
Das heißt, die Bewertung erfolgt rechtlich, nicht verhaltensbiologisch.
Richtig schlimm wird es, wenn du als Halter nicht mehr geeignet bist, weil du die Auflagen für gefährlich festgestellte Hunde nicht erfüllen kannst, dann wird dein Hund beschlagnahmt und sitzt … ja, im überfüllten Tierheim, (fast) ohne Chance auf eine erneute Vermittlung.
Für Timm hieß das die letzten 8 Jahre bei uns sein. Keine Familie. Kein Happy End. Ein Leben im Zwinger.
Aber zum Glück bei uns, denn das bedeutete 2 Hektar Freilauf (auch ohne Maulkorb), mit seiner Bezugsperson und mit sozialkompetenten Artgenossen und nur nachts Einzelzwinger.
Im normalen Tierheim sieht das aber leider fast immer anders aus: geflieste Einzelzwinger, ein oder zwei Stunden allein im kleinen Auslauf, kaum oder gar kein Hundekontakt, Gassigänger sind eher schwierig, da gefährlich festgestellt und natürlich immer und ständig mit Maulkorb gesichert. Auch wenn der blutige Stellen hinterlässt.
Und das über Jahre.
Keine Bezugsperson. Keine Familie.
Keine arttypische Bedürfnisbefriedigung.
Tierheim ist halt eigentlich temporär.
Dafür viel Stress. Lärm. Frust. Stereotypien. Kälte.
Denn, was oft unterschätzt wird:
Zwinger sind nicht geheizt, zumindest nicht so wie deine Wohnung - bei AmBully Sam handelt es sich nun auch noch um einen sehr kälteempfindlichen Hund, der früher vermutlich (wie fast alle Staffis) eingekuschelt unter der Decke im Bett oder auf dem Sofa schlafen konnte. Nun, ein Tierheim-Zwinger ist nicht mehr so schön warm, vor allem im Winter. Und es kommt im Winter - ja in deutschen Tierheimen! - oft zu Erfrierungen, zum Beispiel an den Ohrrändern.
Nicht nur ein Winter. Oder zwei. Sondern viele.
Ist das wirklich Tierschutz?
Ist das lebenswert?
Unser Timm hatte ja noch etwas Glück. Doch solche Plätze sind begrenzt und IMMER voll. Denn, ein verwahrtes Hundeleben dauert eben auch mal 12 Jahre oder mehr an -
Tierwohl spielt bei den Behörden keine Rolle - es geht nur um die Einhaltung des Gesetzes, um Gefahrenabwehr -
und so wurde Timm nach 8 Jahren bei uns ohne Vermittlungschance bei einem Hundeführer untergebracht, ein Zwinger - mit Schieber, der ihn in einen kleinen Außenbereich lässt, und Isolation.
Auf Kosten des Steuerzahlers übrigens. 600€ im Monat. Mindestens.
Timm ist einer von ihnen. Von Hunderten in Niedersachsen.
Einer, nach denen niemand fragt, obwohl er niemanden getötet hat.
Wer fragt nach Timm?
Oder nach Nala, unserer OEB Hündin? Siehe Foto.
Sie hat das Baby ihrer Familie „nur fast“ getötet, wer fragt nach ihr?
Wer interessiert sich für sie?
Auch sie vergammelt seit vier Jahren bei uns im Zwinger.
Dabei ist sie nicht mal gefährlich festgestellt.
DAS ist die Realität hinter dem Wort „retten“.
So könnte Sams Leben für die nächsten Jahre, vielleicht ein ganzes Jahrzehnt aussehen.
Verantwortung endet nicht bei Mitgefühl -
denn ein Hund, der einen Menschen getötet hat, kann das wieder tun – unabhängig von der Ursache.
Wer übernimmt hier die Verantwortung?
Wer vermittelt einen solchen Hund, vor allem an welche Menschen?
Oder ist lebenswert sicher verwahrt zu sein?
Warum ist der Aufschrei bei Hunden wie Chico oder Sam so groß?
Ist das nicht eine zweifelhafte Doppelmoral?
Ist das Aufschreien hier nicht eher ausschließlich zu dem Zweck, sich selber „besser zu fühlen“?
Also, wer ein „Retten um jeden Preis“ fordert, muss auch sagen, was genau er retten will …
Wir hoffen sehr für Sam, dass in seinem Sinne entschieden wird.
Tierschutz bedeutet nicht, Leben um jeden Preis zu verlängern.
Tierschutz bedeutet, Verantwortung für Sicherheit, Lebensqualität und Realität zu übernehmen –
auch wenn die Entscheidung unbequem ist.
Ganz sicher sind wir nicht pauschal für eine Euthanasie - wir möchten nur einmal aufzeigen, was „retten“ bedeutet.
Das macht uns nämlich große Sorgen, das niemand fragt - „Wie lebt Sam zukünftig?“
Auch bei Chico nicht, der zwei Menschen getötet hat.
Mit Sorge beobachten wir auch die große (unüberlegte) Bereitschaft diesen Hund (wie damals bei Chico) aufzunehmen -
fangt bei den Timms und Nalas dieser Welt an.
Lernt etwas über das Aggressionsverhalten.
Warum Hunde töten können und es manchmal tun.
Dieses „Wegreden“ der Gefährlichkeit - "Ein Hund tötet seinen Besitzer nicht“ , “Ein Hund kommt nie gefährlich zur Welt!“ - das ist die eigentliche Gefahr, denn das führt zu falschen Entscheidungen, falschen Erwartungen und letztlich zu weiterem Leid.
Solche Aussagen zeigen, dass noch viel Aufklärung nötig ist, über Genetik und Rasse, über Aggressionsverhalten, über Struktur und Regeln, und über ein gewaltiges Beuteverhalten, das wir unseren Hunden gezielt angezüchtet haben und nun scheinbar nicht wissen, wie wir damit umgehen können …
Leben um jeden Preis ist kein Tierschutz.
Seit Jahren fordern wir eine Gesetzesänderung in Niedersachsen - mittlerweile müsste nämlich auch in der Politik und den Veterinärbehörden angekommen sein, dass Hunde keine Reizreaktions-Maschinen sind - das heißt eine dauerhafte Feststellung der Gefährlichkeit ist aus verhaltensbiologischer Sicht absoluter Unsinn und unbedingt tierschutzwidrig.
Wir wissen mittlerweile, dass das Verhalten der Besitzer selbstverständlich dafür verantwortlich ist, wie Hund sich verhält -
schaut euch als Beispiel mal die Hunde bei uns an, die hier mit Struktur und Sicherheit absolut sozialkompetent sind, sich bei ihren Besitzern aber ausnahmslos unverträglich (mit Beiß-Vorfällen) zeigten.
Das Gesetz muss also dringend überarbeitet werden.
Eine Gefährlichkeitsfeststellung darf nicht lebenslang gelten, sondern muss bei Besitzerwechsel oder Tierheimabgabe neu bewertet und regelmäßig überprüft werden.
Nur DANN macht eine Rettung für Hunde wie Sam überhaupt Sinn - nur dann ist Leben wirklich lebenswert - denn nur dann hat der Hund Aussicht auf eine sichere und tierschutzgerechte Zukunft.
Alles andere ist Verwahrung, auf Kosten der Tiere, der Tierheime, und des Staates.
Also fang nicht bei Sam an, sondern beim Gesetz.
Und: beim Umgang mit Hunden wie Sam.
Bei Hunden, denen wir Menschen ein extremes Beutefangverhalten angezüchtet haben - fragt euch, wozu Hunde das im 21. Jahrhundert noch brauchen - abgesehen bei Mali und Co, und auch die fliegen uns doch gerade ganz gewaltig um die Ohren …
Nein.
Rettung um jeden Preis ist kein Tierschutz.
Über das wirklich furchtbare Niedersächsische Hundegesetz hat unser Bloggerhund Pitbull Franz auch schon einen langen, sehr traurigen Post gemacht, schaut mal hier: Franz’ Blog: Auf die Spritze fertig los - Die Wahrheit über das Niedersächsische Hundegesetz
Aktuell sind übrigens endlich Pläne für eine Gesetzesänderung im Gespräch -
für viele Hunde und ihre Familien leider zu spät.
Aber ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung!
Teil 2 : Warum Hunde (ihre) Menschen töten und warum Genetik dabei eine Rolle spielt