27/04/2026
Natural Dogmanship richtig erklärt
👉 Der Futterbeutel und die Geschichte von der gemeinsamen Jagd
🐶Mensch und Hund gehen gemeinsam auf die Jagd. Der Hund findet die vom Menschen versteckte Beute, welche auch von diesem verwaltet wird. Der Mensch ist der Rudelchef und verteilt die Ressourcen nach getaner Arbeit. Die Beute wird erst vertilgt, wenn alle Futterbeutel erjagt wurden. Schliesslich frisst der Wolf auch keine Leckerlis einfach mal so zwischendurch.
🐶Diese Art von Beschäftigung suggeriert, dass Mensch und Hund dieselben Ziele verfolgen: Beute aufspüren, zerlegen und fressen. Die Kernaussage: Hunde sind soziale Beutegreifer und machen folglich gerne gemeinsam Beute mit ihrem Menschen.
🐶Eine kleine Einordnung
Der Mensch ist weder ein Beutegreifer noch ein Canis familiaris. Er verwaltet die Beute, weil er als Mensch das Sagen hat. Punkt.
🐶Beschäftigung oder Bedürfnis?
Aus meiner Sicht ist diese Art der gemeinsamen Aktivität nicht mehr als eine Beschäftigung unter vielen Möglichkeiten, gemeinsam etwas zu tun. Und ich stelle durchaus in Frage, ob der Hund tatsächlich so viel Freude an der Futterbeutelgeschichte hat, wie oft behauptet wird. Zumal er nie genau weiss, wann, wieviel und ob er überhaupt etwas zum Fressen bekommt.
🐶Diese Methode suggeriert, dass Hunde intrinsisch motiviert nach Nahrung suchen, respektive diese artgerecht erjagen. Ganz anders als die armen Hunde, die rein extrinsisch motiviert durchs Leben gehen, weil sie ihr Fressen im Napf serviert bekommen und Leckerlis als „Bestechung“ eingesetzt werden.
🐶Der Wolf-Vergleich
Kein Wolf frisst aus einem Napf. Genau. Und kein Wolf schläft in einem orthopädischen Hundebett. Genauso wenig wird ein Wolf im Auto zum Tierarzt gefahren, wenn er Bauchschmerzen hat.
🐶Ein Blick in die Lerntheorie
Was sagt die Lerntheorie dazu? Werfen wir einen Blick auf die operante Konditionierung. Der Hund zeigt ein bestimmtes Verhalten und wird dafür belohnt oder bestraft.
Der Futterbeutel jagende Hund stöbert nach dem Beutel, findet ihn und muss ihn wieder abgeben. Genau hier findet eine negative Strafe statt: Etwas Angenehmes, nämlich der Zugang zur Beute, wird ihm entzogen.
Erst nachdem mehrere Beutel gefunden wurden, folgt zeitlich verzögert die positive Verstärkung in Form des Futterteilens mit dem Menschen. Wobei ich mich an dieser Stelle tatsächlich frage, ob sich der Mensch konsequenterweise auch ein Häppchen gönnt.
🐶Wo bleibt die intrinsische Motivation?
Nun meine Frage: Wo bleibt hier die intrinsische Motivation? Und wo ist der Unterschied dazu, wenn der Mensch seinen Hund für erwünschtes Verhalten verstärkt?
Die Begründung, dass Beutejagen eine Beschäftigung aus dem natürlichen, angeborenen Jagdverhalten des Beutegreifers ist, finde ich doch sehr weit hergeholt. Die einzige intrinsische Motivation, diese Dinger zu suchen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Hunger im zentralen Nervensystem des Hundes.
Auch das Öffnen des Reissverschlusses am Futterbeutel durch den Menschen hat genauso wenig mit dem Aufbrechen und Fressen einer Beute zu tun, wie das Öffnen einer Futterdose mit dem Dosenöffner.
🐶Bestechung oder Lernen?
Das Argument, dass Menschen Hunde mit Leckerlis „bestechen“, ist aus meiner Sicht eine undifferenzierte und nicht haltbare Behauptung. Bestechung ist ein rein menschliches Konzept. Und liesse sich genauso gut auf die Fütterung über den Futterbeutel anwenden.
Der Hund zeigt ein Verhalten – findet und bringt den Beutel – und wird dafür belohnt, wenn auch verzögert. Bestechung? Oder etwa nicht?
Der Hund kommt auf Signal zum Menschen und erhält eine Belohnung. Bestechung?
Nein. Beides ist operante Konditionierung. Auslöser – Verhalten – Konsequenz.
🐶Einseitige Wahrheiten
Methoden sind oft sehr einseitig ausgerichtet. Sie bedienen sich einzelner Aspekte, die dann als besonders „natürlich“ oder „richtig“ dargestellt werden.
Aus meiner Sicht geht es nicht darum, welche Methode sich besser anfühlt. Sondern darum, fachlich korrekt zu benennen, was wir tatsächlich tun und die Inhalte auf lerntheoretische und motivationspsychologische Grundpfeiler zu stellen.
👉 In diesem Sinne:
«Fachlichkeit schlägt jedes schöne Narrativ, da kann die Methode noch so überzeugend daherkommen.»