07/07/2022
Ausdrucksverhalten des Hundes: Beschwichtigungssignale
Wie jedes Tier kommuniziert auch ein Hund mittels arttypischen Verhaltensweisen, Körperhaltungen, Lauten, Gesichtsausdrücken und Geruchsäusserungen (z.B. Markierverhalten oder die Entleerung von Analbeutelsekret unter starkem Stress). Diese arttypischen Kommunikationsweisen zu kennen, beziehungsweise erkennen zu können, hilft uns Menschen im grundsätzlichen Umgang mit Tieren. Erkennen Sie z.B. an Ihrem eigenen Hund, dass er sich gerade in einer für ihn stressigen Situation befindet, so ist es mittels angewandter Kommunikation in „hündisch“ möglich, Ihren Hund z.B. zu beruhigen und bestenfalls noch in einen positiveren emotionalen Zustand zu versetzen. Wie „liest“ man nun aber einen Hund? Dazu möchte ich in diesem Text auf das körpersprachliche Auadrucksverhalten des Hundes eingehen - die Beschwichtigungssignale.
Beschwichtigungssignale sind körperlich ausgedrückte Verhaltensweisen bei Hunden, welche während sozialer Interaktionen zur Kommunikation mit anderen Hunden, aber auch in der Interaktion mit dem Menschen eingesetzt werden. Sie signalisieren dem Gegenüber beispielsweise freundliche Gesinntheit, dienen in angespannten Situationen der Deeskalation und beugen aggressivem Verhalten vor.
Beschwichtigungssignale sind meist, aber nicht immer direkt an ein Gegenüber gerichtet. Beobachten Sie Ihren Hund auf dem nächsten Spaziergang mal ganz bewusst (aber unauffällig für den Hund!) und Sie werden feststellen, dass Ihr Hund auch Beschwichtigungssignale zeigt, wenn weder Sie noch ein anderer Hund mit Ihrem Hund interagiert. Es wird daher angenommen, dass diese Verhaltensweisen nicht nur zur Konfliktbewältigung dienen sondern auch um Stress und Anspannung für den Hund selber abzubauen.
Die Fähigkeit unserer Hunde, mittels Beschwichtigungssignalen Konflikte abzubauen, ist genetisch festgelegt. Das heisst JEDER Hund kommuniziert mit Beschwichtigungssignalen. Durch Erfahrungen lernen Hunde aber auch, auf welche Signale ein Gegenüber reagiert.
Nicht selten werden Beschwichtigungssignale von uns Menschen übersehen, da sie einerseits sehr schnell ablaufen und teilweise sehr subtil sind wie z.B. das Augen zukneifen oder auch das Blinzeln. Passiert dies regelmässig, kann der Hund lernen, dass er sein Anliegen deutlicher mitteilen muss, z.B. indem er knurrt oder die Zähne zeigt.
Es ist also - wie immer beim Umgang mit Tieren - an uns Menschen, unsere Augen und unsere Beobachtungsgabe spezifisch zu schulen, wenn wir unseren Hund und seine Ausdrucksform besser verstehen möchten.
Hier nun einige Beispiele von Beschwichtigungssignalen, die Liste ist nicht abschliessend:
- Blick abwenden
- blinzeln
- sich schütteln
- Kopf abwenden
- Niesen
- den ganzen Körper abwenden
- züngeln (mit der Zunge über Nase oder Lefzen lecken)
- schnüffeln ohne direkt ersichtlichen Grund (oft mit dem Gegenüber zugewandten Blick)
- einen Bogen laufen
- Pfote heben
- Augen zukneifen
- Gähnen
- Erstarren/Einfrieren („Freezing“)
- betont langsame Bewegungen
- Vorderkörper tiefstellen (sich strecken)
- hinsetzen oder hinlegen
- sich kratzen
Einige von diesen Signalen sind doppelt belegt, das heisst, dass sie immer im Kontext beurteilt werden müssen. Denn Hunde gähnen z.B. auch bei Müdigkeit, lecken sich das Maul auch nach der Nahrungsaufnahme oder stellen den Vorderkörper auch zur Spielaufforderung oder bei Bauchschmerzen tief.
Unten ein paar Bilder meines eigenen Hundes Leo, auf denen er typische Beschwichtigungssignale zeigt.
1. Bild: Augen aktiv zukneifen, 2. Bild: Pfote heben, 3. Bild: schütteln, 4. Bild: Kopf wegdrehen und gähnen). Die Beschwichtigungssignale auf den Bildern wurden allesamt durch das Fotographieren (bzw. das Halten eines Natels fokussiert auf ihn) ausgelöst, offensichtlich mag mein Hund das nicht besonders.
Nun wünsche ich viel Spass beim Beobachten Ihres Hundes!
Dr. med. vet. R. Räber
Literaturempfehlung:
Turid Rugaas. Calming Signals. Die Beschwichtigungssignale der Hunde.
Dr. Dorit Feddersen Petersen. Ausdrucksverhalten beim Hund.
Dr. rer. nat. Ute Blaschke-Berthold. Das Kleingedruckte in der Körpersprache des Hundes. Seminarvortrag DVD.