26/04/2026
Darf man akute Bedürfnisse des Hundes ignorieren?
Ja. Das ist sogar wichtig.
Es gibt Bedürfnisse des Hundes, über die man nicht diskutieren sollte. Dabei denke ich insbesondere an die langfristige Lebensform, die ich dem Hund ermögliche. Wer seine Lebenszeit am liebsten dem Sofa und Netflix widmet, sollte sich gut überlegen, ob ein Hund tatsächlich das passende Haustier ist.
Aber dann gibt es den Alltag, das Wie wir zusammenleben und zusammen umgehen und hier dürfen die eigenen Bedürfnisse absolut auch vor den akuten Bedürfnissen des Hundes stehen.
Der Hund muss nicht immer als Erster einen vollen Wassernapf bekommen, wenn wir vom Spaziergang zurück sind, er kann durchaus auch mal warten, bis ich mir ein Glas Wasser gegönnt habe. Er muss nicht in jeder Sekunde sofort Aufmerksamkeit bekommen, wenn er auf der Bildfläche erscheint. Und ich brauche auch nicht von der Arbeit hochzuspringen oder mich gedrängt zu fühlen, weil der Hund denkt, es wäre an der Zeit für den Spaziergang.
Wenn ich gerade esse, telefoniere, Besuch empfange oder einfach fünf Minuten Ruhe brauche, dann darf mein Bedürfnis Platz haben, ohne dass ich ein schlechtes Gewissen habe.
Viele Hunde wachsen in einer Welt auf, in der sie kaum noch warten müssen. Sie fiepen: Mensch reagiert und wenn es nur mit einem Blick ist. Sie stupsen: Mensch streichelt. Sie wollen Beschäftigung: Mensch lässt alles stehen und liegen und spielt. Sie sind unruhig: Mensch kommt in Aktion und probiert den Zustand des Hundes aktiv zu verändern. Aus dieser guten Absicht entsteht oft ein Problem: Der Hund lernt, dass innere Spannung immer direkt im Aussen, vom eigenen Menschen, gelöst wird. Der Hund hat so keine Chance, Frustrationstoleranz und Resilienz zu erlernen.
Frustrationstoleranz bedeutet, aushalten zu können, dass etwas gerade nicht sofort passiert. Resilienz bedeutet, mit kleinen Spannungen, Enttäuschungen und Wartezeiten umgehen zu können, ohne sich daran aufzureiben. Beides sind Fähigkeiten, die die meisten Hunde nicht geschenkt bekommen, sondern durch ihre Menschen lernen müssen.
Darum ist es so wichtig für unsere Hunde, dass wir Bedürfnisse nicht reflexartig zu bedienen. Gelassenheit entsteht, wenn man lernt, mit einem Nein, einem Später oder einem Noch nicht klarzukommen.
Manchmal ist das Wertvollste, was wir unserem Hund geben können, die Fähigkeit, ein Nein auszuhalten.