20/03/2018
Cushing oder nicht?
Jedes Jahr im Frühjahr steigt die Zahl der Cushing-Diagnosen überproportional an. Immer mehr Pferdehalter sind verunsichert, ob das Winterfell ihres Pferdes noch normal ist oder schon krankhaft, ob nicht alle Pferde über 20 ohnehin Cushing haben und diese Unsicherheiten werden dann allzuoft noch geschürt von Diagnosen, die nicht immer zuverlässig sind.
Dabei ist Cushing im Sinne einer PPID (Pituitary Pars Intermediate Dysfunction, also das „echte“ Cushing) nach wie vor eine sehr seltene Erkrankung bei sehr alten Pferden.
Viel häufiger findet man „Pseudo-Cushing“, also Pferde, die zwar Symptome eines Cushing Pferdes zeigen, die aber nicht auf einen Hypophysenadenom zurückzuführen sind. Denn die sichtbaren Symptome sind nur Ausdruck einer fehlregulierten Nebnniere, die permanent zu viel Glucocorticoide ausschüttet, also körpereigenes Cortison. Dies ist verantwortlich für die Symptome.
Die Nebennieren werden nicht nur von der Hypophyse gesteuert, sondern spielen auch bei vielen anderen hormonellen Prozessen eine Rolle. So ist Stress einer der wichtigsten Faktoren, der beim Pferd für eine erhöhte Ausschüttung von solchen Glucocorticoiden sorgt, die - bei dauerhaft bestehendem Stress - mit der Zeit Symptome eines Cushing-Pferdes auslösen können.
Der Stress kann dabei sowohl „von außen“ also auch „von innen“ kommen. Zu äußeren Faktoren, die dauerhaften Stress verursachen können gehören zum Beispiel
- unpassende Haltung (zu große Offenstallgruppe, zu viel Wechsel / Unruhe in der Gruppe, ranghohe oder rangniedrige Position, fehlende Einstreu und damit Schlafmöglichkeiten u.v.m.)
- unpassende Fütterung bzw. Fütterungsmanagement (zu lange Raufutterpausen, zu wenig Raufutter-Fressplätze, Raufutterautomaten mit zu geringer Frequentierungsmöglichkeit, hohe Kraftfuttergaben, nicht artgerechte Futtermittel wie Heulage oder Strukturhäcksel u.v.m.)
- Über- oder Unterforderung durch den Reiter
- Unpassender Sattel, drückendes Geschirr, falsch verschnallte Trense, falsche Hufzurichtung u.v.m.
Aber auch innere Faktoren können Stress verursachen. Dazu gehört unter anderem
- dauerhafte Schmerzen (nicht erkannte Magengeschwüre, „fühliges“ Laufen, das eigentlich eine unterschwellige chronische Hufrehe ist, Sattel- oder Geschirrdruck, nicht erkannte Zahnprobleme, Rückenschmerzen durch falsche Ausrüstung oder falsche Reitweise u.v.m.)
- Thermostress (wenn die Pferde nicht in der Lage sind, ihren Wärmehaushalt adäquat zu regulieren, was sowohl bei sehr alten Pferden der Fall sein kann als auch bei solchen, die eingedeckt und / oder geschoren sind)
- hohe innere Anspannung bei unsicheren oder ängstlichen Pferden oder solchen mit hohem Blutanteil, insbesondere in Kombination mit ungünstiger Gruppenzusammensetzung
- Stoffwechselfehlfunktionen (unerkannte Insulinresistenz, nicht diagnostizierte Entgiftungsstörungen, Fehlregulationen im Hormon- oder Mineralhaushalt u.v.m.)
Steht ein Pferd aus dem einen oder anderen Grund dauerhaft unter Stress, dann sorgt dieser Stress dafür, dass die Hypophyse in erhöhtem Maß das Hormon ACTH (AdenoCorticoTropes Hormon) ausschüttet. Es steuert die Nebennieren dahingehend, dass es die Ausschüttung von Glucocorticoiden anregt. Diese wiederum sorgen für die sichtbare Cushing-Symptomatik.
Aus diesem Grund ist der ACTH Wert auch kein diagnostischer Maßstab für das Vorliegen einer PPID!
Ein Pferd, das Schmerzen aufgrund eines Hufreheschubs hat oder unter Thermostress leidet, weil es noch einen dicken Winterpelz trägt, aber heute gerade warmes Frühlingswetter herrscht, wird automatisch auch einen hohen ACTH haben. Das hat nichts damit zu tun, dass es echten Cushing hätte!
Gerade im Frühjahr können Hufrehe-Schübe auch aus ganz anderen Gründen auftreten. Die möglichen Ursachen für solche Frühlingshufrehe reichen vom Zugang zu fruktan- oder endophytenreichem Gras (z.B. unter dem Zaun hindurch oder von wohlmeinenden Spaziergängern über den Zaun geworfen) bis zu Entgiftungsstörungen, die durch die Zusatzbelastung des Fellwechsels symptomatisch eine Hufrehe auslösen.
Dazu kommt, dass auch viele Pferdeprofis heute kein Gefühl mehr dafür haben, was ein „normales“ Winterfell ist. Der Trend, die Pferde möglichst frühzeitig vor dem Winter in Thermodecken zu wickeln sorgt dafür, dass solche Pferde natürlich kein normales Winterfell mehr bilden - ein erwünschter Effekt für den Reiter. Man findet kaum noch einen Stall, wo alle Pferde ohne Decke auf dem Auslauf stehen. Selbst in Offenställen wird mittlerweile begeistert eingedeckt und teilweise darunter auch noch geschoren. Kein Wunder, dass dann ein Pferd in Offenstall- oder Kaltstallhaltung, das keine Thermodecke trägt, mit seinem dicken Pelz auffällt.
Dazu kommt, dass ältere Pferde ohnehin mehr Winterfell bilden (und oft auch ein dichteres Sommerfell haben) als jüngere Pferde. Das liegt einfach daran, dass sie altersbedingt ihr Futter schlechter verwerten und damit weniger Energie zum „heizen“ zur Verfügung steht. Sie müssen sich also sozusagen eine „dickere Jacke“ anziehen für den Winter und sie behalten diese auch an, bis nicht nur die Tage, sondern auch die Nächte konstant warm sind. Daher kann man in altersgemischten Gruppen im Frühjahr immer beobachten, dass die ganz jungen und die ganz alten Pferde als letztes ihr Winterfell verlieren. Das hat nichts mit Cushing zu tun, sondern ist ein ganz normales Fellwechsel-Verhalten. Solange ein altes Pferd sein Winterfell noch verliert (wenn auch später und langsamer als die jüngeren Kollegen), muss noch lange kein Cushing vorliegen.
Bevor jetzt also wieder die massenhaften Cushing-ACTH-Tests losgehen bei Pferden jenseits der 20 mit ordentlich Winterfell, sollte man erstmal tief durchatmen und sich fragen, ob das Pferd tatsächlich die Symptome dafür aufweist.
Zu den typischen Symptomen gehört nämlich nicht nur ein dichtes Fell, sondern vor allem eines, das nicht mehr ausfällt und nicht mehr aufhört, zu wachsen. Bei echtem Cushing muss man die Pferde irgendwann scheren weil das Fell auch bei 30 Grad Außentemperatur noch immer nicht ausfallen will.
Auch Hufrehe gehört natürlich zu den Symptomen, aber hier muss man unbedingt andere Hufrehe-Ursachen wie Insulinresistenz, fruktan- oder endophytenreiches Gras, Entgiftungsstörungen, Giftpflanzen im Heu etc. ausschließen, bevor man diese in die Diagnostik mit einbeziehen kann.
Bei Cushing gehören außerdem brüchige Sehnen unbedingt zum Erscheinungsbild hinzu, die Pferde leiden ständig unter Sehnen- und Fesselträgerschäden, die nur unzureichend abheilen.
Auch nehmen Pferde mit Cushing immer mehr ab, obwohl man Heucobs ad libitum und sogar Leguminosen (Luzerne, Esparsette) in der Fütterung anbietet. Mit der Gewichtsabnahme ist dabei nicht der natürliche Muskelabbau gemeint, der einfach damit einhergeht, dass die Pferde im Alter oft nicht mehr - oder zumindest nicht mehr so sportlich - gearbeitet werden. Natürlich geht damit auch ein Rücken- und Kruppenmuskelabbau einher, dieser ist aber physiologisch und hat nichts mit einer krankhaften Muskelatrophie durch Cushing zu tun. Außerdem muss man den Muskelabbau ins Verhältnis mit der Fütterung setzen: Ein Pferd, das altersbedingt Heu nicht mehr in ausreichender Menge kauen kann, wird natürlich auch Gewicht verlieren - ganz unabhängig von Cushing. Daher ist auf die rechtzeitige Zufütterung von Heucobs und ggf. Leguminosen zu achten.
Pferde mit Cushing haben außerdem ein deutlich geschwächtes Immunsystem, was sich in einer erhöhten Anfälligkeit für Infekte (Husten, Hautpilz, Haarlinge…) und einer schlechten Heilungsrate zeigt. Je älter die Pferde werden, umso schwächer ist das Immunsytem aber von Hause aus, daher muss man nicht sofort an Cushing denken, nur weil der Senior mal einen Hautpilz-Fleck unter der Mähne hat.
Zeigt ein Pferd mehrere dieser Symptome, dann muss man sich im nächsten Schritt fragen, ob es evt. von Dauerstress (siehe oben) herrühren kann. Oft wird man hier fündig. Stellt man die Stress-Ursache ab, indem z.B. der Senior über Nacht aus der Gruppe raus und in eine Box kommt und dort Heu oder Heucobs statt fressen kann, verschwinden die vermeintlichen Cushing-Symptome oft von alleine. Auch müssen natürlich chronische Erkrankungen wie Insulinresistenz, Magengeschwüre, Entgiftungsstörungen, chronische Hufrehe etc. ausgeschlossen werden. Therapiert man solche zugrunde liegenden Krankheiten, dann geht das sehr oft auch mit einem Verschwinden der Cushing-Symptome einher.
Ja, es gibt immer mehr Pferde in unseren Ställen, die laut ACTH Diagnose Cushing haben. Zieht man hiervor aber mal alle Fälle ab, bei denen der ACTH nur erhöht ist aufgrund von akutem (z.B. Hufreheschub, Thermostress) oder chronischem Stress (Haltung, Fütterung, Schmerzen, Krankheiten), dann bleibt Cushing eine sehr seltene Erkrankung bei sehr alten Pferden. Die meisten Pferde sind hier einfach falsch diagnostiziert. Unterstützt man gezielt an der richtigen Stelle, dann erreicht man auch wieder eine hohe Lebensqualität, ohne für den Rest des Lebens mit Medikamenten die Symptome zu unterdrücken.
Für Fragen oder Beratung zum Thema Cushing erreicht ihr uns unter [email protected]
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de
(Anm.: im ersten Post hat unser Team leider das Copyright für das schöne Bild versäumt; wir bitten daher um Entschuldigung)