29/04/2026
Diese Woche soll es mal ausnahmsweise nicht um eine bestimmte Schlange an sich gehen, sondern um ein Thema, das wir bei vielen Montagsschlangen immer wieder angesprochen haben, aber nie genauer erklärt haben. Und zwar um das Thema „Antivenin“
Wir möchten versuchen Euch vor allem die Geschichte der Entwicklung von „Gegengiften“ und ihrer grundsätzlichen Wirkung näher zu bringen.
Die erste Beobachtung, dass man Schlangengiften etwas entgegensetzen kann, geht wohl auf den italienischen Naturforscher Gasparo Ferdinando Felice Fontana zurück, der um 1767 beobachtete und dokumentierte (Ricerche Fisiche sopra il Veleno della Vipera oder Physical Research on the Venom of the Viper), dass Vipern wohl gegen ihr eigenes Gift immun sind.
Im späten 18. Jahrhundert machte der schottische Chirurg und Herpetologe Patrick Russell (nachdem auch die Kettenviper oder Daboia russelii benannt ist) die selbe Beobachtung allgemein bei verschiedenen Giftschlangen. Es musste also eine Möglichkeit geben, wie sich der Körper gegen Schlangengifte zu wehr setzen konnte und er unternahm während seiner Zeit in Indien erste Experimente (mit Hühnern und Hunden) um ein wirksames Gegenmittel zu finden. Dabei griff er vor allem auf Gegenmittel zurück, die ihm von lokalen Bewohnern empfohlen wurden. Allerdings zeigten diese alle keine konkrete, nachweisbare Wirkung.
Im Jahr 1870 beschrieb der Militär-Chirurg Edward Nicholson im Madras Medical Journal, dass er Zeuge geworden sei, wie sich ein burmesischer Schlangenfänger mit Kobragift impfte. Er stellte aufbauend auf den Beobachtungen von Russel eigene Untersuchungen an, mit Hilfe von Schlangengift eine Immunität herzustellen. Aufgrund mangelnder finanzieller Unterstützung führte er diese aber nicht zu einem publikationswürdigen Ende und veröffentlichte seine Studien deshalb nicht.
Etwas später, im Jahr 1887, gelang es Dr. Henry Sewall in Michigan eine Immunität gegen das Gift der Östlichen Massasauga Zwergklapperschlange (Sistrurus catenatus catenatus) bei Tauben herzustellen, indem er ihnen zu erst eine sehr geringe, nicht-tödliche Dosis des Giftes injizierte und diese Dosis langsam steigerte. Die auf diese Weise immunisierten Tauben vertrugen danach die siebenfache Menge der Dosis, welche bei unbehandelten Tauben schon zum Tod führte.
Ähnliche, aber nicht ganz so erfolgreiche Versuche unternahm in Frankreich um 1890 Maurice Kaufmann mit dem Gift der Aspisviper (Vipera aspis).
Doch all diese Versuche waren reine Präventivmaßnahmen, die nur einen Schutz gegen das Gift boten, wenn man mehr oder weniger lang vor einem Biss eine Immunisierung unternahm.
1894 gelang dann Léon Charles Albert Calmette am renommierten Pasteur Institut in Paris der Durchbruch. Er konnte ein Tier, welches keiner Immunisierung unterzogen wurde, erfolgreich mit einem Serum behandeln, welches aus dem Blut eines immunisierten Tieres gewonnen wurde.
Seine Arbeit baute dabei auf der von Pasteur, Emil von Behring and Shibasaburo Kitasato auf, die wenige Jahre zuvor die Immunität gegen Diphtherie und Tetanus mit Hilfe von Serum-Transfusionen von einem immunen Tier zur einem normalen Tier gezeigt hatten.
Calmette baute diese Entdeckung weiter aus, indem er Pferden das Gift der Indischen Kobra (dort bestand vor allem für die Kolonialherren aus England der größte Bedarf) injizierte und so aus dem Blut ein Serum extrahierte, welches er Serum Antivenimeux (Gegengift-Serum) nannte und mit Antivenin abkürzte. Dieser Name ist heute noch international gebräuchlich auch wenn die WHO 1981 beschloss, dass der englische Begriff „Antivenom“ in der (vorwiegend englischsprachigen) Fachliteratur vorzuziehen sei.
Auf Calmettes Arbeit aufbauend entwickelte Vital Brazil am Instituto Butantan in São Paulo (Brasilien) diese Methode weiter und entwickelte so polyvalente und monovalente (die Begriffe werden später noch weiter erläutert) Antiseren (dieser Begriff wird im Deutschen üblicherweise für Antivenin verwendet) vor allem gegen die verschiedenen südamerikanischen Giftschlangen der Gattungen Crotalus (Klapperschlangen) und Bothrops (Lanzenottern), aber auch gegen die Gifte einiger Skorpione, Spinnen und Frösche. Er wählte als „Wirtstiere“ übrigens keine Pferde, sondern Hunde.
Auch heute noch ist das Instituto Butantan (neben einigen anderen auf der Welt) eines der führenden Institute für die Forschung und Herstellung an und von Antiseren.
Polyvalent (kennen manche vielleicht aus dem Fußball ;-) bedeutet bei Antiseren, dass sie gegen mehrere verschiedenen Schlangengifte wirken. Im Gegensatz dazu wirken monovalente Antiseren nur gegen das Gift einer ganz bestimmten Schlangenart.
Doch wie funktioniert das eigentlich konkret?
Bevor ich näher darauf eingehen will, möchte ich noch folgenden Hinweis unbedingt loswerden: Ich bin kein Biologe, Chemiker oder Arzt, sondern nur Naturfotograf und Informatiker. Deshalb beschränke ich mich darauf das Ganze so einfach (und damit sicher für die o.g. Gruppen _zu_ einfach) wiederzugeben, wie ich es eben kann und so dass es halbwegs für jeden verständlich ist.
Wenn der Körper eines Lebewesens sich plötzlich mit fremden Stoffen, wie hier den Proteinen oder Enzymen eines Schlangengiftes konfrontiert sieht, dann beginnt das Immunsystem damit, diese zu bekämpfen. Ein Teil dieses Kampfes ist, dass bestimmte Immunzellen versuchen, spezifische Antikörper zu produzieren, welche an die Oberfläche des fremden Proteins (an die sog. Antigene) andocken können und ihn so neutralisieren.
Im Prinzip macht man sich bei der Gewinnung von Antiseren also den selben Mechanismus zu Nutzen, der auch bei einer Impfung wirkt. Pech also für alle Impfgegner! Lasst Euch bloß nicht von einer Schlange beißen, so dass Ihr ein Antiserum benötigt, denn wenn Ihr die Funktion von Impfstoffen in Frage stellt, wird bei Euch auch das Antiserum nicht wirken ;-)
So lange die Menge an fremden, schädlichen Proteinen klein genug ist, kann das Immunsystem damit klar kommen. Bei einem üblichen Schlangenbiss ist das für einen Menschen aber oft nicht der Fall und das Gift kann seinen Schaden schneller entfalten als das Immunsystem das Gift bekämpfen kann. Ähnlich wie das Thema Virenlast bei einer Infektion, wie wir in der Covid-Zeit zu Genüge erfahren durften.
Wieviel Gift neutralisiert werden kann, hängt u.a. auch mit dem Körpergewicht des Lebewesens zusammen. Deshalb werden LD50-Angaben ja immer relativ zum Körpergewicht angegeben.
Ein Pferd ist genau deshalb auch heute noch bestens für die Produktion von Antiserum geeignet, da man ihm auf Grund seines hohen Gewichts eine größere Menge Gift injizieren kann und somit schnell eine größere Menge Antikörper gewinnen kann.
Gleichzeitig besteht in der Verwendung von Pferden auch der größte Nachteil solcher Antiseren, denn sie enthalten trotz des aufwendigen Reinigungsprozesses, dem das Pferdeblut für die Antiserum-Gewinnung unterzogen wird, immer noch Pferde-spezifische Proteine, auf die viele Menschen allergisch reagieren.
Die allergischen Reaktionen können dabei von Fieber, Gelenkschmerzen und Hautausschlag bis hin zu schwerwiegenden Überreaktionen des Immunsystems gehen. Darunter fällt vor allem der anaphylaktische Schock. Das ist ein Kreislaufschock mit möglichem Organversagen, der bis zum tödlichen Kreislaufversagen führen kann.
Aus diesem Grund werden Antiseren immer nur von Ärzten und nach Möglichkeit nur in der Nähe von guter intensivmedizinischer Versorgung verabreicht.
Um diese allergischen Reaktionen zu minimieren, forscht man zum einen daran, die nötigen Antikörper auf anderem, synthetischem Weg herzustellen. Erfolge gegen einen typischen Giftbestandteil vieler Elapiden-Gifte wurden dabei bereits schon erzielt und der erste Schritt auf dem Weg zu einem universellen Gegengift ist damit getan.
Zum anderen wurde in den USA ein polyvalentes Antiserum gegen die nordamerikanischen Crotaliden (Klapperschlangen, Kupferköpfe und Mokassinottern) namens CroFab entwickelt. Der Name setzt sich aus Cro für Crotaliden und Fab für den bestimmten Wirkmechanismus zusammen. Bei diesen sog. FABs (Fragment Antigen Bindings) handelt es sich um Fragmente der Antikörper, die durch einen komplizierten Prozess von den Anteilen, welche allergische Reaktionen erzeugen können „gereinigt“ werden.
Dadurch ist CroFab viel besser verträglich als herkömmliche Antiseren. Auch der Umstand, dass hier Schafe und keine Pferde verwendet werden, könnte dafür eine Rolle spielen. Gleichzeitig werden aber deutlich mehr Dosen von CroFab als von einem herkömmlichen Antiserum benötigt. Dieser Umstand und das Problem, dass US-amerikanische Krankenhäuser die Kosten für von ihnen verwendete Medikamente selbst festlegen dürfen, führt bei z.B. einem Klapperschlangenbiss in den USA schnell zu Behandlungskosten in der Höhe von 100.000 Dollar. Da macht sich eine gute Auslandskrankenversicherung schnell bezahlt ;-)
Der durchaus umstrittene Tim Friede hat sich über Jahre mit anfangs minimalsten und später immer größeren Dosen von verschiedenen Schlangengiften selbst immunisiert, womit wir den Kreis zum Anfang dieses Artikels wieder schließen wollen. Er ist heute völlig immun gegen Vollbisse z.B. von einer Schwarzen Mamba (Dendroaspis polylepis).
Sein Blut wurde erforscht und daraus eine Kombination verschiedener menschlicher (und damit potentiell viel besser verträglicher) Antikörper gewonnen, die bei Versuchen mit Mäusen einen hochwirksamen Schutz gegen zahlreiche Schlangengifte zeigten.
Die Zukunft hält folglich noch einiges parat.
Hat Euch der heutige Artikel gefallen? Lasst es uns gerne in den Kommentaren wissen, ob wir zukünftig neben den etablierten Artbeschreibungen auch immer mal wieder allgemeinere Themen aufgreifen sollen.
Und bei Fragen zum Thema Antiseren dürft Ihr uns gerne auch in den Kommentaren löchern. Wir versuchen dann mit vereinten Kräften (der Chef hat deutlich mehr Ahnung als der Fotograf und wir stehen darüber hinaus auch im Austausch mit einigen renommierten Experten auf dem Gebiet) Eure Neugier zu befriedigen.
Nächste Woche geht es auf jeden Fall wieder mit einer „normalen“ Montagsschlange weiter.
Das Bild zeigt übrigens eine Mangshan-Viper (Protobothrops mangshanensis). Es hat mit dem Artikel rein garnichts zu tun und dient nur der Erzeugung von Aufmerksamkeit ;-)
Gegen das Gift dieser großen Grubenotter existiert noch nicht einmal ein Antiserum.