11/04/2026
... wie auch Jean Liedloff schreibt. In Ihrem Buch: 'Auf der Suche nach dem verlorenen Glück
Unter den Aka, einem Volk aus den Regenwäldern Zentralafrikas, verbringen die Väter fast die Hälfte ihres Tages – rund 47 % – damit, ihre Säuglinge zu halten oder in Reichweite zu behalten. Das ist die höchste jemals dokumentierte direkte Nähe zwischen Vätern und Babys in einer menschlichen Gesellschaft.
Das ist kein modernes Experiment zur Gleichstellung der Eltern, sondern eine seit Jahrhunderten gelebte Tradition, beschrieben vom Anthropologen Barry Hewlett, der lange Zeit bei den Aka forschte. Säuglinge sind dort selten ohne Körperkontakt: Sie werden getragen, gewiegt, beruhigt und den ganzen Tag liebevoll umsorgt.
Eine strikte Trennung in „Mutterarbeit“ und „Vaterarbeit“ gibt es nicht. Sobald die Frauen auf Jagd gehen oder Früchte sammeln, übernehmen die Männer vollständig – sie halten die Kleinen, füttern sie, trösten sie. Die Rollen sind flexibel und passen sich den Bedürfnissen an.
Hewlett beobachtete sogar, dass Väter ihren Babys erlauben, an ihren Brustwarzen zu saugen, wenn die Mutter nicht da ist. Zwar dient das nicht der Ernährung, doch dieser Haut-auf-Haut-Kontakt schenkt Trost und stärkt die Vater-Kind-Bindung.
Denkt einen Moment darüber nach: In vielen modernen Gesellschaften gilt ein fürsorglicher Umgang als weiblich oder als nette Zugabe des Vaters. Babys verbringen viel Zeit allein im Gitterbett, im Laufstall oder in der Kita und müssen oft mit Tränen lernen, dass Hilfe nicht sofort kommt. Die Aka erinnern uns daran, dass wir nicht in isolierten Kernfamilien mit einer überforderten Mutter und einem Abwesenden entstanden sind, sondern in sozialen Netzwerken geteilter Verantwortung.
Die Aka sind Jäger und Sammler, ihr Leben ist mobil, ihre Ressourcen begrenzt. Sie besitzen kein angesammeltes Vermögen und kennen keine starren Hierarchien. Familie – Geschwister, Onkel, Tanten, Großeltern – ist ihr wertvollstes Kapital. Nahrung wird nicht gehortet, jeder leistet seinen Beitrag. Männer und Frauen jagen, sammeln und kümmern sich gemeinsam um die Kinder.
Dieses Gleichgewicht setzt sich in der Kinderbetreuung fort. Väter „babysitten“ nicht nur nebenbei, sie übernehmen Elternschaft. Im ruhigen Lager halten sie ihre Säuglinge stundenlang; auf dem Weg tragen sie sie Seite an Seite mit den Müttern. Fast nie ist ein Baby allein: Es wechselt von einer Hand in die nächste, stets Haut an Haut, und wird bei jedem Weinen sofort getröstet.
Bei den Aka ist das keine utopische Sozialstudie, sondern Alltag – wie in vielen anderen kleinskaligen Gesellschaften: Kinder gedeihen, wenn sie reichlich, flexibel und gemeinschaftlich umsorgt werden. Babys sollen nicht allein weinen, um zu lernen, dass keiner kommt. Sie werden gehört, gehalten und behütet.
Moderne Kulturen haben sich davon weit entfernt. Eltern – vor allem Mütter – müssen uralte menschliche Bedürfnisse in Systemen erfüllen, die nicht für sie gedacht sind. In Kitas leiden Betreuer unter hohen Quoten, Arbeitszeiten reißen Mütter und Väter stundenlang aus dem Familienalltag. Nähe gilt oft als Luxus. Dabei belegen Studien eintönig: Säuglinge gedeihen durch Körperkontakt, rasche Hilfe bei Ku**er und die Anwesenheit mehrerer wachsamer Erwachsener.
Die Aka leben das seit Generationen. Für sie ist das erste Lebensjahr nicht dazu da, durch Abwesenheit Unabhängigkeit zu lehren, sondern durch ständige Präsenz Sicherheit zu geben.
Das Engagement der Aka-Väter ist nicht in allen Jäger- und Sammlergesellschaften gleich stark, aber in seiner Intensität außergewöhnlich. Vergleichende Studien zeigen, dass Väter in mobilen Gruppen im Durchschnitt mehr direkte Fürsorge leisten als in Agrar- oder Industriegesellschaften. Die Aka stehen dabei an der Spitze: Ihre Väter halten die Säuglinge stundenlang im Lager und bleiben auch bei der Arbeit in greifbarer Nähe. Fast jede wache Minute verbringt ein Baby in Kontakt mit einem Erwachsenen – Vater, Mutter, Geschwister, Großeltern, Tante oder Onkel.
Das soll kein verherrlichendes Bild eines „primitiven“ Lebens zeichnen. Die Aka leiden unter Krankheiten, Hunger und Konflikten. Ihre Praxis beruht jedoch auf einer tief verwurzelten Logik: Das Überleben und Wohlbefinden eines Kindes hängt davon ab, von aufmerksamen Erwachsenen umgeben zu sein. Diese Erkenntnis prägte einst alle menschlichen Gemeinschaften und lebt in den Aka bis heute weiter.
Und das Auffälligste: In fast der gesamten Menschheitsgeschichte hörte ein weinendes Baby nicht allein auf dem Trockenen sitzen, um Selbstberuhigung zu lernen. Es wurde gehalten, gehört und nah bei seinen Liebsten behalten.
Vielleicht sollten wir uns weniger fragen, ob die Aka-Vaterschaft außergewöhnlich ist, als vielmehr: Warum hat sich ein großer Teil der modernen Welt so weit von dem entfernt, was einst ganz normal war?